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Gesundheit

Hausärzte: Brandbrief an Markus Söder

Ein Regensburger Arzt fordert von der Politik endlich Strategien gegen den Mangel an Allgemeinmedizinern.
Von Norbert Lösch

Ein Hausarzt misst in seiner Praxis einer Patientin den Blutdruck. Auch für solche Routine-Tätigkeiten bleibt Allgemeinärzten oft wenig Zeit – weil sie immer mehr Patienten betreuen, Hausbesuche machen müssen und oft auch noch in Bereitschaftsdienste eingebunden sind. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Ein Hausarzt misst in seiner Praxis einer Patientin den Blutdruck. Auch für solche Routine-Tätigkeiten bleibt Allgemeinärzten oft wenig Zeit – weil sie immer mehr Patienten betreuen, Hausbesuche machen müssen und oft auch noch in Bereitschaftsdienste eingebunden sind. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Regensburg.Immer weniger Hausärzte für immer mehr Patienten, immer mehr Verantwortung, immer längere Arbeitstage – und immer noch kein Gegensteuern von politischer Seite: Diesen Zustand beklagt der Regensburger Allgemeinarzt Dr. Hans Peter Ferstl. Zwei Monate, nachdem sich Ferstl nicht nur in eigener Sache, sondern aus genereller Sorge um die flächendeckende Hausärzte-Versorgung in ganz Bayern an Medien gewandt hatte (die MZ berichtete exklusiv), schob er im Mai einen „Brandbrief“ an Ministerpräsident Markus Söder und CSU-Generalsekretär Markus Blume nach. Eine Antwort steht bis heute aus.

„Wenn nicht ein Wunder geschieht, gehen in ganz Bayern und nicht nur in Regensburg am Ziegetsberg in drei bis vier Jahren die hausärztlichen Lichter aus“, hatte der Mediziner Anfang April gegenüber der MZ prophezeit. Er selbst sah sich der Situation gegenüber, dass seine Praxis für 8000 potenzielle Patienten im Stadtsüden zuständig ist, nachdem zwei Kolleginnen dazu übergegangen sind, nur mehr Privatpatienten zu behandeln. Eine Entlastung ist nicht in Sicht, zumal sich auch in seinem „Planungsbereich“ kein Allgemeinarzt neu niederlassen darf – weil Regensburg insgesamt eine überdurchschnittliche Versorgungsquote hat, was Hausärzte betrifft.

„Ein Problem in ganz Bayern“

Was Ferstl umtreibt: Die Hausarztversorgung sei zwar „de jure“ gesichert, „de facto“ würden sich aber zunehmend Probleme auftun – nicht nur im Stadtsüden, nicht nur in Regensburg, sondern mittelfristig in ganz Bayern. Auf lange Sicht drohe „das Schreckgespenst überquellender Nothilfen und anonymer Ambulatorien“. Ferstl hat inzwischen für sich die Reißleine gezogen und seine Sprechstunden reduziert. Das mag sein eigenes Problem der permanenten Überlastung etwas entschärfen, für die Patienten dagegen wird die Situation damit eher schlechter.

Auch um sich Luft und den Patienten Gehör zu verschaffen, wandte er sich sowohl an Ministerpräsident Markus Söder als auch an CSU-Generalsekretär Markus Blume. In einem Schreiben an die beiden CSU-Politiker machte der Regensburger Arzt auf den in Teilen des Landes bereits akuten, aber langfristig in ganz Bayern drohenden Missstand aufmerksam.

Das Anliegen hat mittlerweile einen dritten Landespolitiker erreicht: Dr. Franz Rieger, den Regensburger CSU-Landtagsabgeordneten. Der will reagieren und hat gegenüber der MZ angekündigt, mit dem Mahner unter den Regensburger Ärzten „zeitnah“ einen Gesprächstermin vereinbaren zu wollen. Der Praktiker solle ihm die Situation schildern, dann werde man sehen, ob auch in an sich gut versorgten Ballungsgebieten wie der Stadt Regensburg Handlungsbedarf besteht.

Den sieht Hans Peter Ferstl dringend gegeben. „Sachlich“ habe er auf die Misere der ambulanten Versorgung in Bayern hingewiesen, außerdem auf die im Sozialgesetzbuch verankerte Pflicht des Staates zur Sicherstellung gerade dieser Versorgung. Auf diese hätten mehr als 90 Prozent der Bevölkerung – die Kassenpatienten – „unseres angeblich so rechtstreuen Bundeslandes einen Rechtsanspruch“. Ferstls Vorwurf: Wenn die Politik die Versorgung der Bevölkerung mit Hausärzten nicht mehr im erforderlichen Umfang sicherstellt, sei das „staatlich geduldeter Gesetzesbruch“. Das sei nicht hinnehmbar, weil Bürger nicht nur ein Rechtsanspruch verwehrt wird, sondern für eine intakte ärztliche Infrastruktur auch Steuern und Krankenkassenbeiträge zahlen.

„Jede Woche sterben Praxen“

Vor allem zwei Ursachen sieht Ferstl für den akut werdenden Hausärztemangel. Da ist zum einen die demografische Entwicklung, die auch vor den Allgemeinmedizinern nicht halt macht. Vor vier Jahren lag das Durchschnittsalter der bayerischen Hausärzte noch bei 54 Jahren, aktuell bereits bei 58 Jahren. Immer mehr stehen an der Schwelle zum Ruhestand. Regeln sie eine Nachfolge nicht selbst, sieht es oft schlecht aus mit einer nahtlosen Übernahme. „Deshalb sterben jede Woche in Bayern Hausarztpraxen“, sagt Ferstl.

Das andere Problem ist der gravierende Nachwuchsmangel. Rund drei Viertel aller angehender Mediziner entscheiden sich für die Facharzt-Laufbahn, nur etwa zehn Prozent wollen Allgemeinmediziner werden. Ein „Masterplan Medizinstudium 2020“, der den allgemeinmedizinischen Bereich stärken sollte, ist zwar seit einem Jahr beschlossen, scheitert aber bislang an der Finanzierung.

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Die Versorgungslage in Regensburg

  • Statistik: Eher zu viele Ärzte

  • Laut aktueller Daten der Kassenärztlichen Vereinigung liegt der hausärztliche Versorgungsgrad für die Regensburger Bevölkerung bei 125 Prozent. 107 Allgemeinmediziner sind nach der Bedarfsplanung in der Stadt vorgesehen, tatsächlich gibt es 114.

  • In der Stadt gilt Niederlassungsstopp

  • Der Schlüssel von 1600 Einwohnern pro Hausarzt wird in Regensburg mit gut 1700 überschritten. Diese Quote ist aber – im Vergleich mit anderen Regionen – immer noch so gut, dass sich im ganzen Stadtgebiet Allgemeinärzte nicht mehr neu niederlassen dürfen.

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