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Regensburg
Freitag, 23. Februar 2018 2

Inklusion

In bunter Gesellschaft mitten im Leben

In Regensburg wurde ein bayernweit einzigartiges Wohnprojekt verwirklicht. Bezirkstagspräsident Franz Löffler sah es sich an.
Von Curd Wunderlich

Mara zeigte stolz ihr Zimmer: „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt sie. Foto: Wunderlich

Regensburg.„Das hier ist unser Gemeinschaftsraum mit der Küche“, erzählt die 23-jährige Mara stolz. „Hier können wir zusammen kochen und essen.“ Und fürs Aufräumen und Saubermachen seien alle in Dienste eingeteilt. Mara steht in einer der beiden Clusterwohnungen für geistig und mehrfach behinderte Menschen der 2017 eingeweihten Wohnanlage der „Wohnen Inklusiv Regensburg“-Genossenschaft (W.I.R.) an der Lore-Kullmer-Straße auf dem Gelände der ehemaligen Nibelungenkaserne. Mara lebt selbst in der Wohnung und hat – wie ihre bislang sieben Mitbewohner – einen hohen Unterstützungsbedarf.

Genau dafür ist die Clusterwohnung ausgelegt. Das Besondere an der W.I.R.-Initiative ist, dass die Menschen mit Handicap in der Wohnanlage gemeinsam mit Familien, Paaren und Singles, Jungen und Alten auch ohne Behinderung zusammenleben. Seit 2013 arbeiteten die Initiatoren um die Vorstände Annette Fischer und Volker Purschke intensiv an der Umsetzung dieser Idee. Vorbild war damals ein inklusives Wohnprojekt in Freiburg.

Am Donnerstagnachmittag machte sich der Oberpfälzer Bezirkstagspräsident Franz Löffler (CSU) ein Bild vom Erfolg des Projekts. Für die durchweg jungen Bewohner zwischen 18 und 31 Jahren brachte er nicht nur Süßigkeiten, sondern auch einen Haussegen mit.

Ideen der Bewohner verwirklicht

Michael legte ein Tänzchen zu Justin Bieber-Songs aufs Parkett. Foto: Wunderlich

„Wir haben unser Ziel erreicht“, meinte Annette Fischer stolz. Die Bewohner mit hohem Unterstützungsbedarf, die 24 Stunden am Tag betreut werden, leben mitten unter all den anderen Bewohnern. Die Struktur ist dabei sehr heterogen: 39 Prozent machen Familien mit Kindern aus, 11 Prozent sind Singles, 21 Prozent der Bewohner haben leichten oder hohen Unterstützungsbedarf, 13 Prozent sind Paare, zwölf Prozent Senioren und vier Prozent Rollstuhlfahrer mit Assistenz. Nur eine einzige Wohnung in der Anlage ist derzeit noch frei.

In der Planung der insgesamt zwölf Wohnungen für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf seien die späteren Bewohner von Anfang an in die Planungen involviert gewesen. „Wir wollten ihre Ideen verwirklichen.“ Außerdem sei auf wichtige Details wie Gemeinschaftsräume oder ein Pflegebad geachtet worden. Letzteres ist dafür vorgesehen, dass Bewohner auch dann in ihrem Zuhause wohnen bleiben können, wenn es ihnen einmal schlechter gehen sollte.

Bislang sind acht der zwölf Apartments in den Clusterwohnungen bewohnt. Doch wirklich „frei“ ist keins mehr. Die angehenden Bewohner stehen bereits fest. Sie werden nach und nach einziehen, wenn sie volljährig geworden sind.

„Das inklusive Wohnprojekt hat überregionalen Leuchtturm-Charakter.“

Franz Löffler, Bezirkstagspräsident

Löffler lobte es als „phänomenal, was hier in den vergangenen vier Jahren entstanden ist“. Das inklusive Wohnprojekt habe „überregional Leuchtturmcharakter“. Schließlich schaffe man es bei W.I.R. nicht nur, behinderte Menschen sehr umfassend zu integrieren, sondern öffne auch der Gesellschaft die Augen: „Hier sind Menschen mit Handicap nicht unter sich, sondern sie werden mit Menschen ohne Handicap zusammengeführt, wo es nur geht. Das ist der Kernpunkt des Inklusionsgedankens.“

Bezirkstagspräsident Franz Löffler lobte das inklusive Wohnprojekt hat überregionalen Leuchtturm-Charakter.

Mara und andere Bewohner nutzten die Gelegenheit, dem prominenten Besuch auch ihre privaten Wohnräume zu zeigen – und zu erzählen, wie wohl sie sich fühlen. In Maras Zimmer hängt zum Beispiel ein Poster der Minions und als Bettwäsche hat sie sich als Bayernfan ein Motiv mit dem Emblem ihres Lieblingsvereins ausgesucht. Nach der schönsten Ecke in ihrem Appartment gefragt, stellt sie sich vor ihren Kleiderschrank mit riesigem Spiegel und posiert davor wie ein Profi-Model.

Das ideale Zuhause gefunden

Der 24-jährige Michael hat alle Wände seines Zimmers mit Postern von seinem Idol Justin Bieber vollgehängt. Spontan legt er zu einem Song des Kanadiers ein Tänzchen aufs Parkett und singt den Text voller Elan auswendig mit. Sein zweiter Lieblingskünstler sei sein Namensvetter Michael Jackson, erzählt der junge Mann und zeigt stolz seine CD-Sammlung.

Für die jungen Erwachsenen ist die neue Wohnanlage das ideale Zuhause geworden: Sie leben in hübschen, selbst gestalteten Apartments, können 24 Stunden betreut werden und stehen in der Gemeinschaft mit der bunten Nachbarschaft, die sich voll mit dem Projekt identifiziert, mitten im Leben.

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