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Regensburg
Samstag, 24. Februar 2018 1

Internet

Lehrermobbing via Instagram

„Schülerbeichten“ entwickeln sich auch in Regensburg zum digitalen Pranger. Ein Schulleiter will nun dagegen vorgehen.
Von Heike Haala

Die Online-Plattform Instagram ist bei vielen jungen Menschen beliebt. Jetzt sorgten so genannte „Schülerbeichten“ für Ärger. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Regensburg.Einige Regensburger Schulen – vor allem Gymnasien – haben derzeit mit einem fragwürdigen Internet-Trend zu kämpfen: den „Schülerbeichten“. Das sind kurze Texte, die Unbekannte auf der Online-Foto-Plattform „Instagram“ veröffentlichen. Sie sind teilweise für jeden Instagram-Nutzer einsehbar. Inhalt dieser Beichten können Peinlichkeiten oder Begebenheiten aus dem Alltag der betroffenen Schulen sein, aber auch Gerüchte und Behauptungen über mit Namen erwähnte Lehrer oder Schüler. Das sorgt für Ärger. Ein Regensburger Schulleiter will nun zusammen mit dem Kultusministerium und den Verbänden gegen diese Instagram-Beiträge über seine Schule vorgehen.

Die „Schülerbeichten“ kamen mit dem laufenden Schuljahr auf und funktionieren so: Die unbekannten Inhaber benennen ihre Benutzerkonten eindeutig nach Regensburger Schulen oder laden ein Schulfoto ins Profilbild. Sie fordern die Schüler dieser Schulen dazu auf, ihnen per Nachrichtenfunktion so genannte „Beichten“ zuzuschicken. Diese Texte veröffentlichen sie mit einem Hintergrundfoto versehen auf Instagram.

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Heftige Vorwürfe gegen Lehrer

Gerade das sogenannte „Cybermobbing“ im Internet kann verheerende Auswirkungen auf das Opfer haben. Foto: Julian Strate

Den Absendern dieser Beiträge versprechen die Kontoinhaber Anonymität. In den Texten sind aber stets das angebliche Geschlecht und Alter des Beichtenden genannt. Die Inhalte, die diese Kontoinhaber verbreiten, sind nicht ohne. Während ein Absender in einem vergleichsweise harmlosen Beitrag öffentlich bereut, aufs Gymnasium zu gehen, obwohl er lediglich so schlau sei wie 3 Meter Dachrinne, geht es in den Beiträgen über eine andere Schule wesentlich heftiger zur Sache: Hier protzen die Absender dieser Beichten mit erotischen Erfahrungen, die sie auf dem Schulgelände gemacht haben wollen. Auf einem Konto, das sich auf eine dritte Schule bezieht, wird von einem mit Namen erwähnten Lehrer behauptet, dass er Tabletten nehme, die „aussehen wie Drogen“. Einem anderen mit Namen genannten Lehrer dieser Schule wird unterstellt, seine Schüler mit „Pedoblick“ – also dem Blick eines Pädophilen – anzusehen. Einer namentlich genannten Lehrerin will der Absender einer weiteren Beichte mit einer Anzeige gedroht haben, nachdem sie ihm den Gang auf die Toilette untersagt haben soll.

Diese Behauptungen bleiben nicht unkommentiert. In den Diskussionen unter den Fotos mutmaßen die Follower beispielsweise, wer der Verfasser einer Beichte sein könnte. Damit haben sie die vermeintliche Anonymität endgültig auf oder schreiben die Tat unter Umständen auch einer falschen Person zu. Beiträge über Lehrer werden hämisch kommentiert.

Lesen Sie hier ein Interview zum Thema Schülerbeichten

Schülerbeichten können die gleichen Auswirkungen wie Cybermobbing haben. Foto: dpa

Wir haben drei Regensburger Schulleiter mit den Beiträgen über ihre Bildungseinrichtungen konfrontiert. Zwei meldeten sich auf unsere Anfrage hin nicht, einer aber bezog sehr deutlich Stellung. Von den Online-Beiträgen über seine Schule hat er durch die Anfrage der Mittelbayerischen erfahren und er ist alles andere als begeistert. Der Betreiber des betreffenden Kontos ist ihm nicht bekannt, deswegen weiß der Schulleiter auch nicht, ob es sich um einen seiner Schüler handelt. Jetzt will er in Absprache mit den Verbänden und dem Kultusministerium Maßnahmen gegen diese Machenschaften ergreifen. Welche Maßnahmen das sind, sagt er nicht. Das liege in der Hand des Kultusministeriums und der betroffenen Lehrer. Rechtliche Schritte behält er sich vor.

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Vertrauen ist zerstört

Die Behauptungen, die auf Instagram über seine Mitarbeiter gemacht werden, bezeichnet er als ehrenrührig. „Sie entbehren jeder Grundlage“, sagt er. Weil sich die Betroffenen nicht gegen die Verunglimpfung wehren können, sei das Vertrauen zwischen diesen Lehrern und den Schülern zerstört. Der Schulleiter will die „Schülerbeichten“ in seinem Kollegium thematisieren. Die Schule betreibt zwar umfassende Prävention gegen das Thema Cybermobbing. Trotzdem könne es nicht immer verhindert werden, dass so etwas passiert, sagt der Schulleiter.

„Hier ist Anzeige zu erstatten“ Carolin Völk, Pressesprecherin am Kultusministerium

Für den Regensburger Anwalt Sebastian Weidner gehen manche dieser Beiträge weit über Streiche hinaus. Er zweifelt die Anonymität an. Ermittler können den Verbreitern leicht auf die Schliche kommen: zum Beispiel über eine IP-Adresse. Strafrechtliche Konsequenzen können die Beiträge lediglich für Personen ab 14 Jahren haben. Mögliche Straftatbestände könnten etwa Beleidigung, üble Nachrede, Nötigung, falsche Verdächtigung oder die Beihilfe zu diesen Taten sein. Sollten Betroffene Schadensersatz oder Schmerzensgeld geltend machen, könnte es aber auch für Eltern teuer werden, deren minderjährige Kinder sich an Beichten beteiligten, die den legalen Rahmen sprengen.

Carolin Völk, Pressesprecherin am Kultusministerium, bezeichnet diesen Trend als „bedenklich“. Abgesehen von der Sensibilisierung der Schüler für dieses Thema, könnten betroffene Schulen auch die Eltern informieren und um Unterstützung bitten. Sollten die Verfasser bekannt sein, rät sie Betroffenen bei Rechtsverstößen, die juristischen Mittel auszuschöpfen. „Hier ist Anzeige zu erstatten“, schreibt die Pressesprecherin.

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