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Medizin

Männer als Gesundheitsmuffel

Das starke Geschlecht schwächelt bei der Prävention. Bei Familienkuren ist die Nachfrage in Regensburg bayernweit Spitze.
Von Heinz Klein

Ein eher seltenes Bild: Bei Gesundheitskursen der AOK machte sich das starke Geschlecht sehr rar. Themenfoto: Peer Grimm/dpa

Regensburg.Regensburg hat so seine Besonderheiten im Bereich der medizinischen Versorgung. Davon kann die AOK als größte Krankenkasse vor Ort mit inzwischen rund 110 000 Versicherten berichten. 355 Millionen Euro gab die Regensburger Direktion im vergangenen Jahr für ihre Versicherten aus, 1,6 Millionen Euro pro Arbeitstag und damit so viel, wie noch nie, bilanziert AOK-Direktor Richard Deml.

Ins Auge springt dabei ein ganz besonderer Ausgabenposten, die Mutter-Kind-Kuren, bisweilen auch unter Einbeziehung des Vaters als Mutter-Vater-Kind-Kur. Bislang wurden diese Kuren nur aus medizinischen Gründen bewilligt, nun aber billigt sie der Gesetzgeber auch aus sozialen Gründen zu. Die Nachfrage wuchs deshalb 2017 gegenüber dem Vorjahr um 11 Prozent und liegt nun in Regensburg 32 Prozent über dem landesweiten AOK-Durchschnitt und bayernweit an der Spitze. Es sind überwiegend Kuren aus sozialen Gründen, für die die Kasse vor Ort im vergangenen Jahr 436 000 Euro ausgab. Auch die Kosten für häusliche Krankenpflege stiegen 2017 um 180 000 Euro auf 4,3 Millionen. Dieser Ausgabenposten wird künftig Jahr für Jahr weiter wachsen, ist sich Deml sicher. Das ist die Folge der demografischen Entwicklung.

Integration ohne Belastung

Auch beim Krankengeld gab es einen Ausgabenanstieg um 600 000 Euro auf 14,4 Millionen. Lohnsteigerungen und lange Krankheitszeiten, bedingt vor allem durch psychische Erkrankungen und Krebs, führten zu dem Kostenplus. Ansonsten aber blieb der Krankenstand in etwa gleich.

355 Millionen Euro gab die AOK Regensburg 2017 an Leistungen aus. Foto: Jens Kalaene/dpa

Belasteten eigentlich die vielen Flüchtlinge das Gesundheitssystem? Richard Deml sagt Nein. Die Zahl der AOK-Versicherten wuchs durch die ankommenden Flüchtlinge deutlich, doch die nehmen nur relativ wenig Leistungen in Anspruch. Im Jahr 2016 kamen 949 Flüchtlinge dazu, 2017 waren es noch 253 neue Mitglieder und heuer sind es bisher fünf. Während ein 30-jähriger Versicherter bei der Gesetzlichen Krankenkasse im Schnitt täglich 2,50 Euro an Leistungen beansprucht, sind es bei einem gleichaltrigen Flüchtling nur 1,50 Euro. Ein 40-jähriger Versicherter kostet die Kasse im Schnitt täglich 3,80 Euro. Gleichaltrige Flüchtlinge nahmen im Tagesdurchschnitt nur Leistungen in Höhe von 1,90 Euro in Anspruch. „Integration geht also auch ohne Belastung der Solidargemeinschaft, sie entlastet sie sogar“, bilanziert Richard Deml. Die Kosten der Krankenversicherung tragen freilich die Sozialsysteme.

121 Millionen Euro für stationäre Versorgung

Noch ein Blick auf die Ausgaben am Regensburger Beispiel: Für die stationäre Versorgung im Krankenhaus fielen 2017 bei der AOK Regensburg Kosten von 121 Millionen Euro an, für die ambulante ärztliche Versorgung waren es 59,6 Millionen Euro und für Arznei-und Heilmittel 52,6 Millionen. Insgesamt sei 2017 ein gutes Jahr mit solidem Wirtschaften gewesen.

Als Gesundheitskasse setze man natürlich auf Prävention und wolle seine Mitglieder mit möglichst vielen „Gesundheitserregern“ anstecken, sagte der Direktor. Das geht mit dem Jolinchen-Projekt los, das in 27 Kindergärten rund 2500 Kinder erreichte. Und es geht weiter in Schulen und Betrieben und künftig auch in den Kommunen. „Gesundheitsregion plus“ heißt das Vorhaben. In dessen Rahmen werden sich Kommunen Gedanken darüber machen, wie man vor Ort die Gesundheit der Bürger stärken kann. Schierling wird ein Vorreiter sein.

Bei Mutter-Kind-Kuren stieg die Nachfrage stark an und liegt nun im Bereich der AOK-Direktion Regensburg 32 Prozent über dem bayerischen Durchschnitt. Foto: arifoto/dpa

Die Bürger bewiesen bei den Präventionsangeboten Gesundheitsbewusstsein und brachten mit hohen Teilnehmerzahlen die AOK Regensburg immer unter die fünf besten Direktionen in Bayern. Die Frauen stellten dabei unter den 3747 Teilnehmern einen Anteil von 80 Prozent. Der Anteil der Männer stagnierte in den letzten Jahren bei 20 Prozent und rutschte im vergangenen Jahr auf nur mehr elf Prozent ab. Am meisten gefragt waren Bewegungskurse (60 Prozent) vor dem Thema Entspannung (34 Prozent) und Ernährung (fünf Prozent). Pilates, Yoga und AquaFit waren im Kursprogramm die Renner. Die Männer aber konnte auch das kaum locken.

Und wie geht es nun 2018 weiter? „Gesundheitspolitik bleibt spannend“, sagt Richard Deml. Zwar blieb das Wunschkind Bürgerversicherung auf der Strecke, doch gelang es der SPD, einen Schwerpunkt davon in die Koalitionsvereinbarungen einzubauen: die Honorarangleichung.

Sinken Honorare der Privaten?

Um einer Zwei-Klassen-Medizin entgegenzutreten, sollen Ärzte für ihre Leistungen von den Gesetzlichen Kassen genau so honoriert werden wie von den Privaten. Unterm Strich soll die gesamte Honorierung aber gleich bleiben. „Wenn die Gesetzlichen Krankenkassen mehr zahlen, müssen die Privaten Kassen weniger zahlen“, rechnet Deml vor. Ob die Gesetzlichen dann für höhere Honorare Zusatzbeiträge erheben müssen, bleibt vorerst offen. Sollte dies der Fall sein, dann werden Zusatzbeiträge künftig wieder paritätisch finanziert. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen sich die Mehrbelastung teilen.

Flüchtlinge nehmen weniger medizinische Leistungen in Anspruch als der durchschnittliche Kassen-Versicherte. Themenfoto: Stefan Puchner/dpa

Mehr Geld wird es für die Krankenkassen bei der Mittelzuteilung für Bezieher von Arbeitslosengeld II geben. Bisher bekamen die Kassen eine monatliche Pauschale von 96,81 Euro, was offenbar bei weitem nicht kostendeckend war. In einem vom Gesetzgeber in Auftrag gegebenen Gutachten wurde eine Pauschale von 289,20 Euro als kostendeckend ermittelt. Nun soll eine schrittweise Angleichung erfolgen. Demnach haben die Kassen für die Bezieher von Arbeitslosengeld II im vergangenen Jahr 8,6 Milliarden Euro zu wenig erhalten, um die medizinische Versorgung der Bezieher von Arbeitslosengeld II auch kostendeckend zu gestalten.

Dafür kommen wohl neue Kosten auf die Kassen zu. Deml verweist auf die von Minister Span angekündigte Pflegeoffensive und ist sich sicher: „Gesundheitspolitik bleibt spannend!“

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Vier Eckpunkte

  • Flüchtlinge

    nehmen weniger medizinische Leistungen in Anspruch als der durchschnittliche Kassen-Versicherte. Sie belasten somit das Gesundheitssystem nicht, sondern stabilisieren es sogar, sagt der Regensburger AOK-Direktor Richard Deml.

  • Bei Mutter-Kind-Kuren

    stieg die Nachfrage stark an und liegt nun im Bereich der AOK-Direktion Regensburg 32 Prozent über dem bayerischen Durchschnitt. Die Kuren werden überwiegend aus sozialen, nicht aus medizinischen Gründen in Anspruch genommen.

  • Mit „Gesundheitserregern“

    anstecken ist das Ziel der Gesundheitskasse. Das beginnt bereits im Kindergarten. Mit den „Jolinchen-Kids“ erreichte die AOK 2500 Kinder und lud sie im vergangenen Jahr zu drei Veranstaltungen ins Theater ein.

  • 355 Millionen Euro

    gab die AOK Regensburg 2017 an Leistungen aus. Die stationäre Versorgung im Krankenhaus schlug mit 121 Millionen Euro zu Buche. Für ambulante ärztliche Versorgung wurden 59,6 Millionen ausgegeben, für Arzneimittel 52,6 Millionen.

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