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Menschen

Mein Leben als Besatzungskind

Nur die Farbe blieb: Walter Sandner wuchs in Heimen auf. An seinem 71. Geburtstag spricht er erstmals über seine Erfahrungen.
Von Helmut Wanner

Am 3. September 1953 stand er mit der großen Schultüte vom Leonhardheim an der Eingangstür zur Kreuzschule: Walter Sandner zeigt das Foto von seinem ersten Schultag. Foto: Wanner
Am 3. September 1953 stand er mit der großen Schultüte vom Leonhardheim an der Eingangstür zur Kreuzschule: Walter Sandner zeigt das Foto von seinem ersten Schultag. Foto: Wanner
Walter Sandners 1. Schultag
Walter Sandners 1. Schultag

Regensburg.Im Frühjahr sieht man Walter Sandner manchmal am Bismarckplatz sitzen. Die Springbrunnen plätschern. Die Tauben schnäbeln. Der Platz summt. Er ist voller gut gelaunter, junger Leute. In all der Buntheit einer Studentenstadt mit 150 Nationen und einem offiziellen Migrantenanteil von 30 Prozent fällt der große, schwere Mann nicht mehr auf, weil er farbig ist.

„Das Leben war ned angenehm. Es kam eine Zeit, da bin ich abgestumpft.“

Walter Sandner

Er fällt auf wegen der Einsamkeit, die ihn umgibt. Wie eine Wolke umschließt sie ihn. Er ist eines von schätzungsweise 400 000 Besatzerkindern in Deutschland. Walter Sandner hat am 5. Mai 1947 in der Domstadt das Licht der Welt erblickt. Er hat Geburtstag. Die Besatzungskinder sind mittlerweile in der Rente.

„Das Leben war ned angenehm“

Der kleine Walter auf dem Arm einer Erzieherin
Der kleine Walter auf dem Arm einer Erzieherin

Regensburg war eine völlig andere Stadt damals im Mai 1947, als Sandner zur Welt kam. Wenn man einen großen schwarzen Mann sehen wollte, musste man auf die Dult ins Raritäten-Kabinett gehen und 50 Pfennig zahlen. Da gab es dann die Dame ohne Unterleib im Preis noch mit dazu. Kinder mit anderer Hautfarbe waren in den Nachkriegsjahren ein unleugbarer Beweis „für die Sünde“ der Mutter, die sich für Kaffee, Nylonstrümpfe und Zigaretten mit einem US-Soldaten eingelassen hatte. Alimente zahlte keiner. In Walter Sandners Fall war es ein US-Soldat, den seine Mutter in Regenstauf kennenlernte. Der 71-Jährige kennt weder den Namen seines Erzeugers, noch den Ort, wo er später gelebt hat. Er ist ihm nicht nachgereist. Von der Sache will er gar nichts mehr wissen. „Das Leben war ned angenehm. Es kam eine Zeit, da bin ich abgestumpft.“

Sandner wohnt ganz in der Nähe des Bismarckplatzes und ganz alleine. „Verheirat bin i ned, Geschwister hab i ned, Kinder aa ned.“ Vom Fenster im ersten Stock könnte er auf die enge Gasse, das Lothgassl, sehen, die zur Jakobskirche führt. Aber der 180 cm große und 117 Kilo schwere Mann sitzt im Rollstuhl. Er hat schwer Zucker.

Walter Sandner (6. von rechts): Beim ESV 1927 nannten ihn seine Kameraden „Coluna“ - nach dem farbigen Verteidiger Mario Coluna von Benfica Lissabon.
Walter Sandner (6. von rechts): Beim ESV 1927 nannten ihn seine Kameraden „Coluna“ - nach dem farbigen Verteidiger Mario Coluna von Benfica Lissabon.

Er wohnt in einer Zwei-Raum-Wohnung von der Kirche. Sie ist seine Mutter von der Wiege an. „D’ Kirch wenn i ned ghabt hätt‘ ,“ seufzt Walter Sandner, „i woaß ned, ob i dann überhaupt so groß worn waar.“ Zwei vom Theaterverein der Dompfarrei kümmern sich. Er kennt sie von Jugend auf. Es waren damals nur ein paar Schritte für Walter Sandner vom Wittmannstift in der Heiliggeistgasse zu den Gruppenstunden der Pfarrjugend im Ulrichsheim im Prinzenweg. Mit den Kumpels ist er Zelten gegangen und hat Fußball gespielt. Sie haben ihm, ohne es zu wissen und zu wollen, bis heute die Familie ersetzt. Von ihnen hat er auch den Spitznamen, auf den er stolz ist. „I bin der Coluna.“ So hieß der schwarze Mittelfeldspieler von Benfica Lissabon.

Der Modesport kam 1958 aus Amerika: Walter Sandner balanciert den Hula-Hoop-Reifen.
Der Modesport kam 1958 aus Amerika: Walter Sandner balanciert den Hula-Hoop-Reifen.

Dass er schwarz ist, hat Walter Sandner gemerkt, sobald er sprechen und verstehen konnte. „Als i halt die Spottnamen gehört hab: Bimbo, Neger.“ Aus Trotz ist Walter Sandner bärenstark geworden. Das signalisierte: Mach mich nicht an. In St. Leonhard waren es fünf Kinder mit dunklem Teint. Viele Familien, die „a Negerkind“ hatten, haben es aus Scham versteckt. Bei seiner Mutter hat Walter nie übernachtet. Auch als Erwachsener kam er nur auf ein paar Stunden zu Besuch. Aber er kann aus dem Gedächtnis ihr Geburtsdatum sagen: „Es war der 28. 8. 1923 in Eger.“ Bei Willes Paprika in der Küche hat sie 25 Jahre lang Fritten aus dem heißen Fett geholt und rote Würste eingeschnitten. Der Berliner Wolfgang Wille war ein Gastro-Pionier. Er hat die Currywurst nach Regensburg gebracht.

Dass ihn die Mutter, 23-jährig, Flüchtlingsfrau, gleich nach der Geburt ins Heim gegeben hat, macht er ihr nicht zum Vorwurf. Aber dass sie ihn später im Heim gelassen hat und nebenbei zwei fremde Kinder großgezogen hat, das wird er nie verstehen.

Seine Kumpels: Die Freunde der Pfarrjugend der Dompfarrei blieben ihm bis heute. Fotos: Sandner
Seine Kumpels: Die Freunde der Pfarrjugend der Dompfarrei blieben ihm bis heute. Fotos: Sandner

Walter Sandner ist einfühlsam. „Mögen S‘ was trinken? Wasser ist im Kühlschrank.“ Gläser stehen bereit. Im Theaterverein war Walter Sandner der Mann im Hintergrund, er schenkte aus. Bei der Lusticania diente er fünf Jahre als Mundschenk. Sein Brotberuf hatte auf seine Ehrenämter abgefärbt. Er ging als Bierfahrer in Rente. Sandner war stets fürs leibliche Wohl zuständig. Bei der Oster-Produktion des Theatervereins der Dompfarrei im Buchbergerheim („Schenk mir keine Blumen“) war er auch im Hintergrund dabei. Walter hat die Gurken geschnitten.

„A motherless child“

„Sometimes I feel like a motherless child“, heißt es in einem alten Spiritual. Sandner kann kein Englisch. Es dauert lang, bis er von seiner Lebenswunde spricht. Sandner rollt zum Schrank und nimmt ein kleines Album in die Hand. Auf Seite eins: sein erster Schultag. Eine Schwester wird geknipst haben. „So ein süßes Kind“, würde man heute sagen, wenn man das Foto sieht. Mit der heimeigenen Schultüte steht Walter Sandner vor dem Eingang der Kreuzschule. Er lächelt der Situation angemessen. Die Lederschuhe sind auf Hochglanz poliert. Es muss September 1953 gewesen sein. Die Mutter war nicht dabei. Der Stiefvater auch nicht. Er allerdings war da, als seine Mutter ging. Sein Stiefvater ist vor vier Jahren gestorben. „Ich war auf dem Bergfriedhof“, sagt Sandner. Dann zieht Sandner unvermittelt und emotionslos die Bilanz seines Lebens: „Is ned anders ganga. I bin halt a Besatzungskind gwen.“

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