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Regensburg
Samstag, 18. August 2018 31° 4

Kriminalität

Mit dem Klemmbrett auf Betrugstour

Angeblich Gehörlose zocken in Regensburg Spender ab. Die Polizei warnt: Sie sammeln für sich, nicht für den guten Zweck.
Von Julia Ried

Mit dem Klemmbrett unter dem Arm bitten derzeit in Regensburg meist junge Männer, die vorgeben, nichts zu hören, um Spenden für Gehörlose. Die Polizei warnt: „Hierbei handelt sich um Betrugsversuche.“Foto: Ried
Mit dem Klemmbrett unter dem Arm bitten derzeit in Regensburg meist junge Männer, die vorgeben, nichts zu hören, um Spenden für Gehörlose. Die Polizei warnt: „Hierbei handelt sich um Betrugsversuche.“Foto: Ried

Regensburg.Es sind meist junge Männer oder sogar Jugendliche, die derzeit mit einem Klemmbrett in der Hand Passanten in der Innenstadt aufhalten. Sie deuten vor dem Gesicht des Gegenübers herum, als könnten sie nicht sprechen, und zeigen auf ihr Klemmbrett, auf dem in etwas holprigem Deutsch etwas von einer Spendensammlung für ein Gehörlosen-Zentrum zu lesen ist. Oft bekommen sie Geld von Passanten, haben Zeugen solcher Szenen beobachtet. Tatsächlich aber sind die „Sammler“ nicht für Menschen mit Behinderung aktiv, sondern für sich selbst oder ihre Hintermänner. Die Polizei warnt vor den Betrügern. Die Vorsitzende des Gehörlosenvereins ist empört.

Markus Reitmeier von der Polizeiinspektion Regensburg-Süd berichtet: 2018 seien der Inspektion an zehn Tagen „Bettler mit Spendenlisten“ in der Innenstadt gemeldet worden. Zwei weitere Meldungen betrafen Kontaktversuche im Umfeld der Universität, auch ein Fall im Köwe wurde der Polizei mitgeteilt. Für die meisten Fälle ist dokumentiert, dass die „Sammler“ vorgaben, gehörlos zu sein und für einen gemeinnützigen Zweck, konkret eine Einrichtung für gehörlose Menschen, zu sammeln. In zwei Fällen davon hat die Polizei die Betrüger ermittelt: zwei 15-Jährige aus Rumänien.

„Polizei“ verstand der Betrüger

Ein Altstadtbewohner, der die „Sammler“ in diesem Jahr schon mehrmals beobachtet hat, hat selbst erlebt, dass sie nicht gehörlos sind. Der 46-Jährige erzählt: „Am 5. März bin ich selbst aufgehalten worden.“ Schnell habe er gemerkt, dass die Sache „nicht koscher“ ist. „Das Formular war nicht offiziell.“ Seine Strategie: „Während ich so getan habe, als ob ich meinen Geldbeutel heraushole, habe ich gesagt: ,Ich zähle jetzt bis zehn, und dann hole ich die Polizei.‘“ Sein Gegenüber verstand ihn offenbar: Bei fünf sei der Mann unwirsch geworden, habe sich abgewendet und sei gegangen. An diesem Montag beobachtete er ein Betrüger-Duo. Auf dem Haidplatz näherte sich ein junger Mann einer Frau – „und die gab ihm Geld“, erzählt der Regensburger. „Am Theater hat der ,Kollege‘ von ihm eine Frau kontaktiert, die gespendet hat, und die hat er zum Dank dann umarmt und abgetastet.“ Ob er ihr etwas stahl, sah er nicht. Der Polizeiinspektion Süd sind in Zusammenhang mit den Bettlern mit Spendenlisten aktuell keine Vorfälle bekannt, bei denen Passanten Wertsachen abhandenkamen.

„Das rückt natürlich auch die Gehörlosen in ein schlechtes Licht. Das macht wütend.“ Pia Helml, Vorsitzende des Gehörlosenvereins Regensburg

Pia Helml, Vorsitzende des Gehörlosenvereins Regensburg Foto: Helml
Pia Helml, Vorsitzende des Gehörlosenvereins Regensburg Foto: Helml

Pia Helml, Vorsitzende des Regensburger Gehörlosenvereins, aber kennt einen Fall in Hamburg. Dort habe ein „Gehörloser“ einer Frau eine Handtasche gestohlen, der örtliche Gehörlosenverein habe das bekannt gemacht. Mehrere Mitglieder des Regensburger Vereins, darunter auch solche, die der internationalen Gebärdensprache mächtig sind, hätten festgestellt, dass die „Sammler“ mit dem Klemmbrett in der Domstadt nicht gebärden können. „Mir wurde schon öfters zugetragen, dass sie ganz erfolgreich sind mit ihrer Masche“, erzählt Pia Helml, hörende Tochter von gehörlosen Eltern. „Gehörlosigkeit ist eine Behinderung, die man nicht sieht. Insofern ist es schwer, das zu durchschauen.“ Die „Sammler“ nutzten das aus. „Das rückt natürlich auch die Gehörlosen in ein schlechtes Licht. Das macht wütend.“

Ordnungsservice schreitet ein

Auch dem Kommunalen Ordnungsservice sind die „Sammler“ bekannt, wie Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra bestätigt. Seit ungefähr drei Jahren kämen sie im Sommer und während der Weihnachtsmärkte nach Regensburg. „Auch wenn es sich in diesen Fällen um eine Straftat handelt und dafür die Polizei zuständig ist, wird der Kommunale Ordnungsservice aktiv“, erklärt Juliane von Roenne-Styra. „Die Sammler werden festgehalten und der Polizei zugeführt.“ Der Ordnungsservice dürfe nur Ordnungswidrigkeiten ahnden.

Die Polizei empfiehlt Zeugen, direkt die 110 zu wählen, wenn sie Opfer eines Betrugsversuchs werden oder einen solchen beobachten. Reitmeier sagt: Ein Sammler sollte auf Nachfrage einen Ausweis der Spendenorganisation vorzeigen können.

Eva Traupe, Leiterin der Regensburger Beratungsstelle des Verbraucherservice Bayern, rät hilfsbereiten Spendern, sich nicht auf der Straße überrumpeln lassen. „Es ist zu empfehlen, beim Spenden vorzugehen wie bei jeder anderen Geldanlage.“ Es sei ratsam, sich in Ruhe über die jeweilige Organisation zu informieren.

Die Geldwechsel-Masche

  • Warnung:

    Eine weitere bekannte Vorgehensweise von Trickdieben ist laut Polizei, dass sie Passanten bitten, Geld in Kleingeld zu wechseln. Die Täter wollen das nutzen, um Scheine aus der Geldbörse des Hilfsbereiten ziehen.

  • Fälle:

    Zwei Fälle dieser Art wurden der Polizeiinspektion Süd in diesem Jahr gemeldet: einer in der Innenstadt, der zweite vor einem Verbrauchermarkt im Stadtosten. Die Polizei rät: Fremde niemals in die Geldbörse greifen lassen.

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