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Architektur

Museum: Entscheidung fällt am Freitag


Von Marianne Sperb, MZ

Noch wenige Tage: Am 22. März erfährt Regensburg, wie das Museum der Bayerischen Geschichte am Donaumarkt aussehen wird. Auf der schäbigen Brache am Fluss bekommt die Welterbestadt ein erstes Beispiel für Bauen im dritten Jahrtausend an zentralem Ort und in deutlicher Größe.

Der Freistaat errichtet bis 2018 für gut 60 Millionen Euro ein Haus, das Bayerns Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert spiegelt, das seinem Charakter und dem Mythos, seinen Menschen und den Regenten, seinem Alltag und der Politik nachspürt. Wie das Gebäude aussehen wird, ist eine heiß diskutierte Frage.

Die MZ zeigt im Vorfeld der Siegerkür neun Museen aus jüngerer Zeit, die Furore machten, die von Architekten gute Noten erhielten, von Besuchern geschätzt werden oder ein Viertel bzw. eine ganze Stadt geprägt haben. Die Beispiele sollen den Denkraum weiten, Diskutierstoff schenken und nach dem Motto „Entdecke die Möglichkeiten“ eine Ahnung geben, welche Option das Bayern-Projekt auftut.

Ein knapper Kilometer Pläne

15 Männer und Frauen treffen am Freitag eine schwierige Entscheidung. Zwei frühere Regensburger Gestaltungsbeiräte sitzen am Tisch: Prof. Zvonko Turkali aus Frankfurt und Prof. Volker Staab aus Berlin. Staab ist mit der Materie nicht nur als Juror bestens vertraut; seine eigenen Museumsentwürfe holen regelmäßig Preise, von ihm stammt auch das heftig gefeierte Neue Museum Nürnberg.

Der Jury wird ein Maximum abverlangt, denn die Regensburger Pracht-Aufgabe lockt. Die Büros reißen sich um den Auftrag. Sagenhafte 254 Entwürfe gingen für den internationalen Wettbewerb ein. In jedem einzelnen Beitrag stecken einige hundert Stunden Denkarbeit. Die Preisrichter werden knapp einen Kilometer Stellwände mit Entwürfen abschreiten. Das Staatliche Bauamt mietete extra Etagen eines Möbelhauses an, um alle Pläne hängen zu können.

Nach der ersten Vorprüfung, einer Art formalem Check, nahm die Jury am 21./22. Februar eine erste Sichtung vor. Am 21./22. März geht es in die entscheidende Runde.

„Zwei, drei wilde Dinger“

Wie knallig oder konservativ, trutzig oder transparent das neue Haus aussehen wird, das gibt bis Freitag noch Stoff für Spekulationen. Nach MZ-Informationen finden sich unter den Beiträgen viele zurückhaltend-zeitgemäße Beiträge, aber auch zwei, drei „ziemlich wilde Dinger“, die wohl das Zeug hätten, die Neigung zu einem Bürgerbegehren anzustacheln – natürlich nur für den Fall, die Jury würde sie als Favoriten benennen.

Im Vorfeld wurde spekuliert, die größte Hürde könnte es sein, 8000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf relativ begrenzter Fläche zu verstauen. Das Museum könnte ein ziemlicher Koloss werden, fürchteten Fachleute. Tatsächlich aber, so erfuhr die MZ, war das Raumprogramm für kaum eines der Büros ein Problem.

Ein Preisgericht hat ein bisschen was von einem Konklave. Die Juroren sind zwar nicht, wie die Kardinäle in Rom, von der Welt abgeschirmt, aber sie tagen geheim und müssen schweigen. Oberbürgermeister Hans Schaidinger, den die MZ nach ersten Eindrücken aus dem Wettbewerb fragte, verwies auf eine „scharfe Verschwiegenheitspflicht“. Er sei optimistisch, dass man eine gute Lösung finde werde. Mit einer extrem vielen Bewerbern habe er gerechnet.

Wie schafft der Kopf, schwindelfrei 254 Entwürfe zu sondieren? „Das scheint zunächst sehr schwierig“, so OB. „Aber das Verfahren ist sehr ausgetüftelt und gut ausgerichtet und hilft bei den Rundgängen, diese Sortierarbeit zu leisten.“

Prof. Paul Kahlfeldt aus Berlin, der im Gestaltungsbeirat Regensburg sitzt und in Museumsbau und Ausstellungsarchitektur daheim ist, sagt: „Aus einer großen Zahl eine Auswahl zu treffen, das funktioniert schon, wenn man mit einer gewissen Professionalität rangeht. Im Preisgericht sitzen lauter gestandene Fachleute, die können das und schaffen es recht schnell, die Spreu vom Weizen zu trennen.“

Prof. Willi Egli aus Zürich, Regensburger Architekturwächter aus der Gründerriege, bekennt, bei einer dreistelligen Zahl an Entwürfen fühlten Preisrichter schon eine gewisse Beklemmung. „Aber wenn man das ganze Level betrachtet, da ist so vieles unterdurchschnittlich. Da finden Sie unheimlich viele Projekte, die Sie fast schon im Laufschritt abhaken können.“

Qualität bei Wettbewerben sei eine Art Pyramide. „Die Entwürfe an der Spitze besitzen so viel mehr Güte, die stechen heraus.“ Das sei auch bei großen und sehr großen Wettbewerben so. „Von der Masse bleiben doch immer die zehn Entwürfe, um die es sich dann lohnt zu ringen. Denn die Invasion der Beiträge ist ja keine Invasion der Guten.“

Im Rückspiegel, sagt Egli, könne man sehen, welche Bauwerke ihre Qualität auf den zweiten Blick preisgeben. Baukunst wie sie etwa Döllgast/Klenze an der Pinakothek München schufen, hätte man auch in einem Wettbewerb sofort als herausragend erkannt. „Aber es gibt nicht so viele Döllgasts und Klenzes.“

Preisgerichte fangen in der Regel mit Ausscheidungsrundgängen an; sie prüfen erst mal, was sie beiseitelegen können. Bei Hunderten Beiträgen kann es zu einer Art Ermüdungsbruch kommen, zum Nachlassen der Entscheidungsfreude. Egli meint: „Besser wäre es vielleicht, die Frage an den Anfang zu stellen: Welche Entwürfe sind gut und interessant und herausragend?“

Willi Egli, 70, hat viele Moden kommen und gehen sehen. „Ich fürchte es, wenn die Stararchitektur in eine Stadt kommt, ein Libeskind oder eine Zaha Hadid. Das, was dem Ort angemessen ist, kommt da oft nicht zum Tragen. Regensburg braucht nicht unbedingt einen Star, sondern hohe Qualität, die der Qualität der Stadt gerecht wird.“

Etwas Klassisches, Unspektakuläres

Ähnlich sagt es Paul Kahlfeldt. „Eigentlich müsste man nicht mehr tun, als die Regensburger Qualität zu stärken. Es macht wenig Sinn, eine Zaha Hadid oder so nach Regensburg zu verfrachten. Hier müsste man eher etwas Klassisches , Unspektakuläres bauen, etwas, das so aussieht, als ob es schon immer da gestanden hätte. Das wäre perfekt.“

Kahlfeldt, selbst vielfacher Preisträger, hält Wettbewerbe generell für ein schwieriges Instrument, um gute Architektur zu erreichen. „Man muss ja Konsens haben, das ist so in der Demokratie, und das bedeutet: Menschen, die grundsätzlich verschiedene Haltungen einnehmen, einigen sich. Als Ergebnis erhalten Sie fast nie das wirklich Besondere und fast immer Mittelmaß.“

Kahlfeldt verweist auf die Geschichte: „Schauen Sie sich das Lexikon der Weltarchitektur des 20. Jahrhunderts an, da finden Sie eigentlich kein einziges Beispiel, das aus einem Wettbewerb hervor gegangen ist.“ Der Berliner zitiert die Ikone Mies van der Rohe, der nie einen Wettbewerb gewonnen hat. „Er wurde berühmt, weil ihm der Bauherr sagte: Bau’ uns einen Barcelona-Pavillon. Bau’ was Gutes. Entstanden ist eins der bedeutendsten Bauwerke der Moderne überhaupt.“

Bilbao – heute unmodern

„Bei großen Wettbewerben ist die Erwartung eines guten Ergebnisses groß und die Wahrscheinlichkeit gering“, sagt Kahlfeldt. Bei Museen komme ein Bedürfnis nach Marketing hinzu. Bürgermeister wollten das Spektakuläre bauen; Gültigkeit stehe auf einem andren Blatt. „Schauen Sie nach Mönchengladbach, Holleins Museum Abteiberg. Das war der Knüller, mit Preisen überhäuft. Heute ist es überholt. Oder das Guggenheim in Bilbao: Das Haus ist unmodern geworden, out of fashion, man müsste fast schon wieder etwas Neues dort bauen. Die Pinakothek in München dagegen ist eines der besten Museen der Welt – aber kein Wettbewerbsergebnis.“

Kahlfeldt hat übrigens kein besonderes Rezept, um eine große Fülle an Entwürfen zu jurieren. „Eigentlich nur ausschlafen, viel Kaffee trinken, viel Wasser trinken – und gute Laune.“ Na dann.

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