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Ärger

Nach Amokfahrt: Streit ums Geld

Die Versicherung will nach der Unfalltragödie am Eisbuckel in Regensburg nur ein Drittel der Kosten begleichen.
von Walter Schiessl

Der Amokfahrer richtete neben der menschlichen Tragödie einen Schaden von 42 000 Euro am Gebäude an. Foto: Lex
Der Amokfahrer richtete neben der menschlichen Tragödie einen Schaden von 42 000 Euro am Gebäude an. Foto: Lex

Regensburg.Fast fünf Jahre ist es her, dass ein heute 51-jähriger Mann, der unter Psychosen litt, im Stadtsüden einen äußerst tragischen Unfall verursachte. Der Regensburger, der bis dahin im Bezirksklinikum untergebracht war, hatte nach einer wilden Amokfahrt quer durch die Stadt, verfolgt von der Polizei, sein Mazda-Cabrio mit voller Wucht über eine Böschung gesteuert, eine Leitplanke durchbrochen und gegen die Treppe eines Waschsalons am Hofgartenweg gekracht war. Ein fünfjähriges Mädchen wurde vom Auto erdrückt. Der Schaden am Gebäude war groß. Und just wegen dieses Schadens gibt es jetzt einen Streit zwischen den 18 Eigentümern des Wohnhauses und der Versicherung des Unfalllenkers, die nur einen Teil der Reparaturkosten zahlen will und feststellt, dass das Wohn- und Geschäftshaus durch die Reparaturen eine Aufwertung erhalten hätte.

„Das kann doch wirklich nicht sein, dass wir für die Tragödie auch noch zahlen sollen.“

Petra Amann,Mitbesitzerin des Hauses

„Das kann doch wirklich nicht sein, dass wir für die Tragödie auch noch zahlen sollen“, sagt Petra Amann, die nur wenige Meter von der Unfallstelle einen Friseursalon führt. Die Rechnungen der Firmen, die Teile der Außenfassade, die Treppen, das Schaufenster und das Vordach des Waschsalons erneuerten, beliefen sich auf 42 000 Euro. „Für uns war zunächst klar, dass das die Versicherung des Unfallfahrers zahlt“, fügt Daniela Niebauer an. Doch weit gefehlt: Diese zahlte statt dieser Summe nur 8200 Euro. Das bedeutet, für die restlichen 33 000 Euro müssen die 18 Eigentümer des Gebäudes selbst in die Tasche greifen. Je nach Größe ihrer Wohnung (es gibt im Haus 1- bis 2,5-Zimmer-Wohnungen) sollten die Besitzer zwischen 1500 und 3000 Euro begleichen.

„Ein Abzug ist gerechtfertigt“

Daniela Niebauer, Petra Amann und Benjamin Blank können nicht verstehen, dass die Versicherung des Unfallverursachers nicht für den ganzen Schaden aufkommen will. Foto: Schießl
Daniela Niebauer, Petra Amann und Benjamin Blank können nicht verstehen, dass die Versicherung des Unfallverursachers nicht für den ganzen Schaden aufkommen will. Foto: Schießl

Der Grund: Durch die Reparaturen sei der Schaden am Gebäude beseitigt, aber das Haus zweifelsfrei auch aufgewertet worden, ließ die Versicherung die Eigentümer wissen. „Ein Abzug neu für alt ist damit in jedem Fall gerechtfertigt“, heißt es in dem Schreiben, bei dessen Durchlesen die Eigentümer den Inhalt zunächst einmal gar nicht glauben konnten. Angemerkt wird von seiten des Versicherungsunternehmens, dass die Hauseigentümer die Handwerkerrechnungen steuerlich begünstigt absetzen können und „dieser Vorteil zu berücksichtigen ist.“

Die Eigentümer ließen sich durch diese Tipps aber nicht beruhigen und schalteten einen Chamer Rechtsanwalt ein, nachdem sich keine gütliche Einigung mit der Versicherung abzeichnete. Diese erklärte sich nach den stockenden Verhandlungen zwar jetzt noch bereit, einen Vergleichsbetrag von 8000 Euro zu zahlen, aber dann blieben die Hauseigner immer noch auf 25 800 Euro sitzen. Der Anwalt beantragte ein selbstständiges Beweisverfahren beim Landgericht.

Nach der Reparatur sieht die Front des Geschäfts aus wie zuvor. Foto: Schießl
Nach der Reparatur sieht die Front des Geschäfts aus wie zuvor. Foto: Schießl

Wie es nun weitergehen soll, wollen die 18 Eigentümer bei einer Versammlung dieser Tage entscheiden. „Es kann gut sein, das wir den Klageweg beschreiten“, sagt Petra Amann. Ihr will es nicht in den Sinn, dass sich die Versicherung solcher Argumente bedient und sich weigert, die Rechnungen zu begleichen. „Ein Abzug neu für alt“, wie von der Versicherung angeführt, könne ihrer Meinung nach hier nicht geltend gemacht werden, schließlich hätte keiner der Hausbesitzer einen Vorteil davon, dass sich das Haus wieder in einem reparierten Zustand befindet. Nach den Reparaturen sei die Fassade des Waschsalons wieder in Ordnung gebracht worden, eine Aufwertung des Hauses könne da wirklich keiner erkennen, sagt Petra Amann. Alles sei jetzt wieder so wie vor der Tragödie. Die 8000 Euro, die die Versicherung jetzt drauflegen wolle, sei gerade mal die Höhe der Mehrwertsteuer.

Die Treppe wurde beim Unfall zerstört. Über die Reparaturkosten streiten die Hauseigentümer mit der Versicherung. Foto: Rieke
Die Treppe wurde beim Unfall zerstört. Über die Reparaturkosten streiten die Hauseigentümer mit der Versicherung. Foto: Rieke

Geklärt werden könne die Streitfrage wohl nur auf juristischem Weg, sagte ein Gebäudesachverständiger zur MZ. Es komme schon vor, dass „Neu für Alt“ bei Bauteilen, dies schon länger bestehen, angewendet würde. Die alte Treppe stammte wohl aus der Bauzeit des Gebäudes Anfang der 60er Jahre. Ob dort bereits vor dem Unfall Schäden existierten, sei eine der Kernfragen, die der Gutachter dann herausgefunden haben müsste. Sollte dies der Fall sein, könne die Versicherung versuchen, Abschläge bei der Begleichung der Kosten zu machen.

„Das ist schon bodenlos“

Rechtlich gesehen ist die Hausfassade mit der Schaufensteranlage Allgemeineigentum und somit im Besitz der „Eigentümergemeinschaft Hofgartenweg 4“. Der Waschsalon selbst ist Sondereigentum und gehört einem Mann aus dem Landkreis Cham. Im Inneren des Salons sah es nach dem Crash zwar ebenfalls übel aus, aber die Schäden waren dort nur minimal.

Ein Gutachten, das die Versicherung bei der DEKRA Industrie, Bau und Immobilien in Saarbrücken erstellen ließ, brachte aber die Argumentation ins Spiel, dass vom Sachverständigen der Wertvorteil „Neu für Alt“ zu berücksichtigen sei. Der Experte schrieb von einer langen Lebensdauer der neuen Treppe.

Ein Gutachten, das die Hauseigentümer sowie der Besitzer des Waschsalons von der DEKRA Industrie, Bau und Immobilien in Saarbrücken erstellen ließ, brachte aber die Argumentation ins Spiel, dass vom Sachverständigen der Wertvorteil „Neu für Alt“ zu berücksichtigen sei. „Aber uns hilft das nichts“, sagt Petra Amann. Der Unfall und alles, was damit zusammenhängt, sei tragisch genug gewesen, aber, dass sich die Versicherung so aus ihrer Verantwortung stehle, das sei schon bodenlos, ärgert sich die Frau, die beim Unfall am 1. August 2013 glücklicherweise nicht in Regensburg war.

Anders war das bei Benjamin Blank, der sich gegen 15 Uhr im Obergeschoss des Hauses am vom Nachtdienst erholen wollte. „Es machte einen Riesen-Schlag, der das ganze Haus erzittern ließ“, erzählt der Angestellte. Er schaute aus dem Fenster und sah die Folgen des dramatischen Unfalls, den Anblick wird er sein Leben lang nicht mehr vergessen können, sagt er. Wie Benjamin Blank, so haben alle Einsätzkräfte, die am Ort des Geschehens waren, noch lange mit diesen schrecklichen Erinnerungen zu kämpfen. Der Amofahrer befindet sich in der Forensik.

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Der Streit

  • Ärger:

    Daniela Niebauer, Petra Amann und Benjamin Blank können nicht verstehen, dass die Versicherung des Unfallverursachers nicht für den Schaden aufkommen will.

  • Schaden:

    Der Amokfahrer richtete neben der menschlichen Tragödie einen Schaden von 42 000 Euro am Gebäude an. Über deren Begleichung sind Hausbesitzer und die Versicherung im Clinch.

  • Firmen:

    Sie erneuerten die Treppe und das Geländer daneben. Neu installiert wurde auch das Vordach über der Wäscherei, die Fassade, die vor dem Unfall erst erneuert worden war, und das Schaufenster.

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