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Soziales

Nonplusultra der Behinderten-Toiletten

In der Arbeitsagentur gibt es jetzt den ersten Sanitärraum für Schwerstbehinderte in Regensburg. Drei weitere sollen folgen.
Von Norbert Lösch

  • Ausgezeichnet! Nadine Held von der Stiftung „Leben pur“ (links) übergibt Gabriele Anderlik, Vorsitzende der Geschäftsführung der Arbeitsagentur, das Qualitätssiegel für die „Toilette für alle“. Foto: Lösch
  • „Alles toll – die Toilette ist super ausgestattet“: Leonie Hierl, Rollstuhlfahrerin und Auszubildende bei der Agentur für Arbeit Regensburg Foto: Lösch

Regensburg.Schwerbehinderte in den Arbeitsmarkt integrieren – auch das ist eine Aufgabe der Agentur für Arbeit. Die nimmt die Regensburger Behörde im eigenen Haus wahr: Fast 13 Prozent aller Mitarbeiter sind schwerbehindert. Damit wird die gesetzlich geforderte Quote um mehr als das Doppelte übertroffen. Seit Kurzem toppt die Arbeitsagentur ihr Engagement für interne und externe Behinderte mit einem Sanitärraum, der höchsten Ansprüchen auch für schwer gehandicapte Rollstuhlfahrer genügt. Die 130000 Euro teure „Toilette für alle“ ist von der Stiftung „Leben pur“ mit einem Qualitätssiegel ausgezeichnet worden – als erste in Regensburg.

„Von uns wird erwartet, dass wir beim Umgang mit Behinderten Vorreiter sind – und das sind wir auch gerne“, sagt Johann Beck, Geschäftsführer für den Bereich interner Service bei der Arbeitsagentur. Zusammen mit Gabriele Anderlik, Vorsitzende der Geschäftsführung, freute er sich über die Anerkennung des Engagements durch die unabhängige Stiftung.

Messlatte liegt sehr hoch

Die legt die Messlatte für eine Toilette, die wirklich alle nutzen können, sehr hoch: Sie sollte unter anderem höhenverstellbare Toilettensitze und Waschbecken haben und – weit über der DIN-Norm für barrierefreies Bauen – eine Sicherheitsliege zum Wickeln von Erwachsenen sowie einen Personen-Lifter für den selbstständigen Transfer vom Rollstuhl zu den Sanitärobjekten. Nur damit kann weitgehend sichergestellt werden, dass sich Betroffene ohne fremde Hilfe in dem Bad bewegen können, das auch eine Dusche beinhaltet.

„Der Lifter war das Teuerste“, verrät Beck und zeigt auf die Schienen an der Decke. Per Fernbedienung können sich Schwerbehinderte vom Rollstuhl in ein Sitztuch hieven und sich höhenverstellbar durch den Sanitärraum bewegen. Die Liege ist dabei vor allem bei Inkontinenz eine große Hilfe, weil es Betroffenen das entwürdigende Wechseln der Einlagen auf dem Boden öffentlicher WCs erspart.

Eine „Toilette für alle“ kann nicht einfach so in ein WC eingebaut werden. Im Erdgeschoss der Arbeitsagentur am Galgenberg musste dazu ein ehemaliger Büroraum vollkommen umgebaut werden. Zwölf Quadratmeter misst der Raum, bei dem zunächst einmal die dünnen Wände verstärkt wurden. Die Investition musste der Hausherr alleine und aus Haushaltsmitteln schultern, Zuschüsse gab es nicht.

Den Impuls, einen Sanitärraum für Schwerst- und Mehrfachbehinderte einzurichten, setzte auch eine Mitarbeiterin der Behörde. Leonie Hierl ist seit September Auszubildende und zwingend auf den Rollstuhl angewiesen. Sie findet die Toilette „ganz toll“ und nutzt sie auch selbst. Außer Leonie Hierl gibt es bei der Regensburger Arbeitsagentur weitere vier Rollstuhlfahrer. Die Geschäftsführung hat natürlich nicht nur das eigene Personal im Blick: „Wir sind ja selbst Träger von Reha-Maßnahmen für Behinderte – entsprechend viele Menschen mit Handicaps kommen auch zu uns“, sagt Johann Beck.

Mehr Komfort, mehr Teilhabe

Und noch einer freute sich über die neue Errungenschaft: Frank Reinel, seit fast zwei Jahren hauptamtlicher Inklusionsbeauftragter der Stadt. Er sitzt selbst dauerhaft im Rollstuhl und kann nachvollziehen, was ein barrierefreies WC mit Sonderausstattung für die Betroffenen bedeutet: mehr Privatsphäre, mehr Komfort, mehr Teilhabe. Das ist auch primäres Ziel der Stiftung „Leben pur“, die bundesweit aktiv ist. Laut Nadine Held von „Leben pur“ gibt es in Deutschland mittlerweile 52 „Toiletten für alle“, in Bayern 22. „Aber wir brauchen noch mehr“, sagt Held.

In Regensburg wird es auch noch mehr geben. Die erste von der Stadt eingerichtete soll noch heuer am neu gestalteten Schwanenplatz der Öffentlichkeit übergeben werden, weitere folgen im Westbad und in der „Filiale“ der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Prüfening.

Die Stiftung

  • Ziel:

  • Die Stiftung Leben pur setzt sich dafür ein, dass es bundesweit an allen öffentlichen Orten „Toiletten für alle“ gibt. Das Credo der unter anderem von der „Aktion Mensch“ geförderten Initiative: Ohne geeignete Sanitäranlagen können Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen nicht am öffentlichen Leben teilhaben.

  • Hintergrund:

  • Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Dieses Gesetz fordert, dass die Betroffenen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können – egal wie schwer ihre Behinderung ist. Deutschland hat sich damit verpflichtet, bestehende Gesetze dahingehend anzupassen, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte in Bildung, Arbeit und kulturellem Leben erhalten wie Menschen ohne Behinderung.

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