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Religion

Pessach ist wie Frühjahrsputz

Die Jüdische Gemeinde in Regensburg feiert ihr Pessachfest. Dafür muss sie akribische Vorbereitungen treffen.
Von Gabi Hueber-Lutz

Am Freitag beginnt das Pessachfest der Juden mit dem Seder, dem abendlichen Auftaktmahl. Foto: epa/Nati Shohat-Flash/dpa
Am Freitag beginnt das Pessachfest der Juden mit dem Seder, dem abendlichen Auftaktmahl. Foto: epa/Nati Shohat-Flash/dpa

Regensburg.Die jüdische Gemeinde lebt im Moment noch in einem Provisorium. Ihre neue Synagoge ist im Bau. Das Pessachfest wird trotzdem nach allen Regeln der Tradition gefeiert. Es dauert acht Tage und findet in diesem Jahr ziemlich zeitgleich mit dem christlichen Osterfest statt. Beginn ist am Abend des Karfreitags mit dem Seder, einem gemeinsamen Essen.

Das Pessachfest ist ein elementares Fest für das Judentum, denn es erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. „Das ist der Beginn des jüdischen Volkes“, erklärt Josef Chaim Bloch, der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Regensburg. Das jüdische Volk war nicht mehr dem Pharao Untertan, sondern ausschließlich Gott unterstellt. Genau 3330 Jahre ist das her.

Seder bedeutet Ordnung

Für gläubige Juden hat es nichts an Aktualität eingebüßt, geht es doch um die Erinnerung daran, dass es Gott ist, der das Leben der Menschen in seiner Hand hält. Seder, das abendliche Auftaktmahl des Pessachfestes, bedeutet Ordnung, und nach einer genauen Ordnung läuft alles ab. „Wir feiern das genauso, wie es im Alten Testament steht, ohne ein Jota abzuweichen“, betont der Rabbiner. Bei ihm sei deshalb gerade die ganze Küche gesäubert worden, erzählt er und spricht damit die Vorbereitungen auf das Pessachfest an. Die sind nämlich umfangreich und akribisch. Der zentrale Begriff dabei ist das Gesäuerte, der Chamez. Wo Pessach gefeiert wird, muss alles entfernt sein, was gesäuert ist. Alles, was aus fermentiertem Getreide besteht, fällt darunter. Nudeln, Kuchen oder andere Back- und Teigwaren gehören dazu, aber auch Bier und tiefgefrorene Pizza.

Dabei geht es nicht um ein symbolisches Entfernen. Und alles zu entfernen bedeutet ganz real alles. Auch der letzte Kekskrümel muss aus einer Küche, einem Haus verschwunden sein. Wegwerfen ist der eine Weg, verkaufen der andere. Größere Bestände mag man natürlich nicht wegwerfen, man kann sie über den Rabbiner an Nicht-Juden verkaufen und nach dem Pessachfest wieder zurückkaufen. Wichtig ist, dass man tatsächlich und auch rechtlich gültig nicht mehr im Besitz von Chamez ist, erklärt der Rabbiner. Zum Pessachfest werden zum Beispiel ganze Supermärkte verkauft, denn sie enthalten natürlich Unmengen Chamez. Der religiöse Hintergrund ist einfach: Wichtig ist, dass sich der Mensch darüber klar wird, dass es nicht er selbst, sondern ausschließlich Gott ist, der alles in der Hand hat. „Wir sind immer und jederzeit abhängig von Gott“, wie Rabbiner Bloch sagt. Das Pessachfest dient der Verstärkung dieses Glaubens und des Vertrauens auf Gott. Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten gehört daher am Pessachfest als tragendes Element dazu. Nach den Gebeten beginnt das traditionelle Mahl.

Pessach als Familienfest

Wo es möglich ist, feiert die Gemeinde oder die Familie zusammen. Ilse Danziger, die im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Regensburg ist, freut sich schon auf das Fest zusammen mit den Kindern und Enkeln. Sie feiern in diesem Jahr zuhause, denn in den Räumen der Jüdischen Gemeinde beginnt direkt vor der Türe die Baustelle. Das ist mit den kleinen Enkeln nicht möglich. Die Vorbereitungszeit auf Pessach sei schon aufwendig, sagt sie. „Das ist wie ein großer Frühjahrsputz.“ Auch das übliche Geschirr und die Kochutensilien werden weggeräumt. Man benutzt eigenes Pessach-Geschirr.

Stimmen zum Neubau der Synagoge

  • Dr. Franz Rieger:

    „Es freut mich sehr, dass die älteste jüdische Gemeinde in Bayern endlich eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum erhält. Ich sehe es auch als unsere besondere Verantwortung an, jüdisches Leben in unserer Mitte zu verankern. Schön finde ich, dass wir damit ein „sakrales Dreieck“ mit katholischem Dom, evangelischer Neupfarrkirche und jüdischem Gemeindezentrum erhalten.“

  • Jürgen Mistol:

    „Es ist ein Mut machendes Zeichen, dass der Bau der neuen Synagoge von so vielen Regensburgerinnen und Regensburgern, von der Stadt, vom Land und vom Bund unterstützt wird. Dieses Zeichen des Zusammenhalts setzt den Grundstein dafür, dass jüdisches Leben in unserer Stadt noch stärker sichtbar sein kann. Aber auch das Vertrauen der Jüdischen Gemeinde in die Zukunft macht Mut.“

  • Margit Wild:

    “Ich freue mich sehr, dass Dank des großen Einsatzes der Jüdischen Gemeinde, des Freistaats Bayern, der Bundesrepublik und der vielen Menschen in Regensburg ein neues jüdisches Gemeindezentrum entstehen kann. Wenn ich auf den wachsenden Antisemitismus in Europa und auch Deutschland blicke, hoffe ich, dass wir uns an das erinnern, was war und nicht mehr passieren darf.“ (mz/lhl)

Zu den Putzarbeiten kommt noch die Zubereitung der Speisen, denn an den Hauptfeiertagen in dem achttägigen Zyklus wird nicht gekocht. Eine wichtige Rolle bei den Speisen spielt Matze, das Brot, das nicht aufgehen darf. Auch das hat seinen Hintergrund in der Befreiungsgeschichte. Die Israeliten mussten sehr schnell aufbrechen aus der Gefangenschaft. Es war keine Zeit mehr, den Teig für die Brote gehen zu lassen. Matze wird nach festen Regeln gebacken. Für einen Privathaushalt ist das meist zu kompliziert. Die dünnen Fladen werden in den dafür ausgerüsteten Bäckereien bestellt. Vor Pessach stapeln sich im Büro der Jüdischen Gemeinde deshalb die Schachteln mit Matze. Eier sind ein wichtiger Bestandteil des Mahls. Weitere Gänge bestehen aus Suppe, Fleisch, Kartoffeln, Gemüse – alles Speisen, die ungesäuert sind. „Man wird sehr satt“, versichert Danziger.

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