mz_logo

Regensburg
Montag, 24. September 2018 15° 2

Justiz

Prostituierten-Mord: Lügt der Verlobte?

Im Prozess um eine getötete Regensburger Prostituierte glaubt der Verteidiger: Freund war nach dem Angeklagten beim Opfer.
Von Marion von Boeselager

In diesem Haus im Kasernenviertel wurde die tote Prostituierte am 30. August 2017 gefunden. Archivfoto: Matthes
In diesem Haus im Kasernenviertel wurde die tote Prostituierte am 30. August 2017 gefunden. Archivfoto: Matthes

Regensburg.Was geschah wirklich in der Todesnacht der jungen Prostituierten? Auch am dritten Tag des Prozesses um die Ermordung der 33-jährigen Rumänin in ihrem Appartement im Regensburger Stadtosten versuchte das Schwurgericht mit Hilfe vieler Zeugen, lückenlos aufzuklären, unter welchen Umständen die Frau ums Leben kam. Doch dabei tauchen immer neue Fragen auf. Vor allem die Rolle des Freundes und wohl auch Zuhälters des Opfers gibt Anlass zu Zweifeln. Er will in der Tatnacht vergeblich bei der Getöteten geklingelt haben. Doch Robert Hankowetz, Verteidiger des Angeklagten, glaubt ihm nicht: „Ich unterstelle, dass er im Zimmer war.“

Wie berichtet, steht seit Mitte Mai ein 22-jähriger Asylbewerber aus Mali als mutmaßlicher Täter vor der Schwurkammer unter Vorsitz von Richter Michael Hammer. Die Anklage lautet auf Mord und Raub mit Todesfolge. Der Mann, der unter falschem Namen und ohne Papiere nach Deutschland kam, legte zu Prozessauftakt ein Teilgeständnis ab: Er habe am Abend des 29. August vergangenen Jahres die Liebesdienste der Prostituierten in Anspruch genommen. Dann schlug er die Frau mit einem Hieb in den Nacken nieder, so die Einlassung. Da sie jedoch nicht ohnmächtig wurde, sondern um Hilfe schrie, habe er sie gewürgt, bis sie bewusstlos wurde. Dann sei er mit ihrem Bargeld und ihrem Handy geflüchtet.

„Ich dachte, sie lebt noch“

Der Angeklagte beteuerte aber, er habe geglaubt, die Frau lebe noch, als er floh. Als die Polizei ihn eine Woche später festnahm, habe er immer noch gedacht, er werde lediglich wegen Raubes gesucht.

Als Motiv für seine Tat gab der Mann, dessen Asylantrag abgelehnt worden war, an, er habe Geld gebraucht, da seine Tochter, die in Mali geblieben war, an Sichelzellenanämie erkrankt war. Da habe ihn ein Mitbewohner in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Zeissstraße, wo der 22-Jährige damals untergebracht war, auf die Idee gebracht, eine Prostituierte niederzuschlagen und auszurauben.

Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Robert Hankowetz. Archivfoto: Boeselager
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Robert Hankowetz. Archivfoto: Boeselager

Morgens gegen 3 Uhr fand ein anderer Freier die junge Rumänin tot auf dem Bett liegend vor. Auf ihrem Gesicht lag ein Kissen. Eine Kerze brannte. Die Tür war eingetreten worden. Der Angeklagte will den Tatort aber bei intakter Tür und das Opfer ohne Kissen verlassen haben. Laut medizinischem Gutachter starb die junge Frau an zentraler Lähmung infolge Erwürgens. Durch massive Gewalteinwirkung und den Anstieg des Drucks in ihrem Schädel kam es zu einer Hirnblutung. Ihr Zungenbein war gebrochen. Auch zeigte sie Spuren mehrerer Hiebe.

Der Freund der Getöteten, ein 39-jähriger Rumäne mit Wohnsitz in Nürnberg, berichtete im Zeugenstand, er habe seit 2007 mit dem Mordopfer zusammen gelebt. Kennengelernt hätten sie sich in Spanien. Damals betrieb die junge Frau dort gemeinsam mit ihrem früheren Freund, einem Bulgaren, eine Bar und arbeitete bereits als Prostituierte. Sie hätten eine Liebesaffäre begonnen. Da der Bulgare jedoch gewalttätig wurde, seien er und seine Geliebte 2013 nach Deutschland geflüchtet.

Von Anfang an sei vereinbart gewesen, dass die junge Rumänin auch hier als Prostituierte arbeiten sollte. Das Paar ließ sich in Nürnberg nieder. Bis auf eine kurze Zeit als Mitbetreiber einer kleinen Baufirma habe er von den Einkünften seiner Partnerin als Prostituierte gelebt, erklärte der Zeuge. Er habe sie oft mit seinem Auto zu ihren Einsatzorten in verschiedenen Städten, darunter Regensburg, chauffiert.

Mehr Gerichtsberichte aus dem Amts- und Landgericht Regensburg lesen Sie hier.

In der Tatnacht, am Abend des 29. August vergangenen Jahres, telefonierte der Freund nachweislich noch gegen 22.30 Uhr mit seiner Partnerin. „Sie sagte, sie will sich noch duschen und ruft mich dann zurück“, sagte der 39-Jährige vor Gericht. Doch als nach längerer Zeit kein Rückruf kam, versuchte er es selbst bei ihr, neun Mal, vergeblich. „Ich merkte, dass etwas nicht in Ordnung ist und wurde sehr aufgeregt“, so der Zeuge. „Ich bin ins Auto gestiegen und nach Regensburg gefahren.“ Gegen 1.30 Uhr traf er dort ein. Dann will er an ihrer Tür geklopft und Steinchen ans Fenster geworfen haben – ohne Erfolg. Erneut habe er „lange und stark“ geklopft und sogar „gegen die Tür“ getreten, sie aber nicht eingetreten. Im Glauben, seine Freundin sei vielleicht mit einem anderen Mann ausgegangen, habe er noch getankt und sei zurück nach Nürnberg gefahren. Am nächsten Tag sei dann die Polizei bei ihm erschienen und habe ihn mit dem Tod seiner Freundin konfrontiert.

Anwohner hörte einen Knall

Ein Anwohner, der in jener Nacht seinen Hund Gassi führte, gab vor Gericht an, gegen 2 Uhr „einen Knall“ gehört zu haben. Dann sah er aus dem Haus der Getöteten eine Person herausrennen, zur benachbarten Tankstelle, und mit einem Auto wegfahren.

Die Anklage

  • Vorwürfe:

    Die Anklage wirft dem jungen Mann aus Mali Mord und Raub mit Todesfolge vor.

  • Mordmerkmale:

    Er soll eine 33-jährige Prostituierte aus Habgier getötet haben, um eine andere Straftat zu ermöglichen und eine andere Straftat zu verdecken.

  • Raub:

    Außerdem soll der Angeklagte sich mit Gewalt oder Drohungen gegen das Opfer eine fremde Sache angeeignet und dadurch wenigstens leichtfertig den Tod eines Menschen verursacht haben.

War das der Verlobte oder war es vielleicht ein anderer Freier? Denn nach Angaben einer Kollegin hatte die Getötete einen „Stammkunden“, der oft kam, weit übertariflich („statt 130 Euro 500 Euro die Stunde“) zahlte und ihr auch Kleidung schenkte. Ein Kunde vom frühen Abend berichtete zudem, die Frau habe ihm erzählt, sie erwarte in jener Nacht noch einen Übernachtungsgast.

Der Verteidiger regte an, nochmals den medizinischen Sachverständigen zu hören, zu der Frage, ob die Gehirnblutung der Getöteten auch durch Schläge ausgelöst worden sein könnte. Für den Anwalt steht noch nicht absolut fest, dass das Opfer bereits tot war, als der Angeklagte das Appartement verließ. Der Prozess dauert an.

Mehr Nachrichten aus Regensburg lesen Sie hier.

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht