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Regensburg
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Politik

Regensburg bekommt eine Stadtbahn

Einstimmig sprachen sich die Parteien im Stadtrat für eine Tram aus – nach 22 Jahren politischer Debatte.
Von Julia Ried

So stellt sich das „Bündnis für einen hochwertigen ÖPNV im Raum Regensburg“ eine Tram in der Stadt vor. Animation: HP Zierer
So stellt sich das „Bündnis für einen hochwertigen ÖPNV im Raum Regensburg“ eine Tram in der Stadt vor. Animation: HP Zierer

Regensburg.Für Margit Kunc von den Grünen war am Dienstag ein „Festtag“. Seit 22 Jahren kämpfe sie für eine Stadtbahn, erzählte sie. Am Dienstag bekam sie vor Augen geführt, wie viele Mitstreiter sie inzwischen hat. Dazu zählen die von der Stadt beauftragten Verkehrsplaner. Zwei von ihnen erläuterten im Planungsausschuss des Stadtrats ihre Empfehlung für eine Tram. „Das beste System ist die Straßenbahn“, sagte Helmut Koch vom Wiener Büro Komobile. Alle im Stadtrat vertretenen Parteien folgten vor zahlreichen Bürgern auf der Zuhörer-Empore diesem Rat – und entschieden sich einhellig dafür, dass Regensburg eine Tram bekommen soll.

1996 hatten die Grünen das Thema Tram im Kommunalwahlkampf erstmals aufgegriffen – drei Jahre, nachdem der ökologische Verkehrsclub Deutschland seine Studie „Stadtbahn für Regensburg“ vorgestellt hatte.

Tram-Idee schon alt

Was seit Mitte der 90er politisch passierte, fasste Kunc so zusammen: „22 Jahre diskutieren wir hier über die Stadtbahn. Es hat dann geheißen, sie kommt gleich, dann bald, dann nicht, dann wieder vielleicht.“ ÖDP-Stadtrat Joachim Graf erinnerte sich ebenfalls zurück an Jahre des vergeblichen Einsatzes für die Tram. „Wir waren in sehr vielen Fällen die extreme Minderheit“, wandte er sich an Grünen-Fraktionschefin Kunc.

Das geplante Netz sehen Sie hier.

Die Zeiten haben sich geändert. Von einem „Quantensprung“ sprach FDP-Fraktionschef Horst Meierhofer, Bürgermeisterin Getrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) fühlte sich von der einmütigen Zustimmung „beflügelt“. SPD-Fraktionschef Dr. Klaus Rappert sagte: „Ich freu mich sehr.“ Politisches Ziel sei es, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs zu senken, um mindestens zehn Prozent bis 2030. „Das kann man nur tun, wenn der öffentliche Nahverkehr deutliche Steigerungsraten aufweist.“ Er ergänzte: „Es geht um Lebensqualität und die Gesundheit.“ Außerdem verbesserten Straßenbahnen das Stadtbild. Irmgard Freihoffer (Linke) relativierte die Kosten von circa 246 Millionen Euro für die Stadtbahn-Infrastruktur. „Der am meisten subventionierte Verkehr ist der motorisierte Individualverkehr und der Schwerlastverkehr“, sagte sie, nachdem Meierhofer gemahnt hatte, jetzt die Straßenbauprojekte nicht zu vergessen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Stadtbahn finden Sie hier.

CSU-Fraktionschef Dr. Josef Zimmermann blickte voraus in das Jahr 2030. Regensburg werde dann, den Prognosen zufolge, 180 000 Einwohner haben. „Unsere Stadt wächst und wächst und wir wissen, dass das mit bestehenden Mitteln nicht mehr zu schultern ist, ohne dass der Individualverkehr uns erdrückt.“ „Wichtig und richtungsweisend“ für die nächsten Jahrzehnte sei deshalb die Entscheidung für eine Stadtbahn. Von Kritik an diesem System war diesmal kein Wort von ihm zu hören.

Noch im Herbst hatte er zu einem Kurzbericht der Gutachter gesagt: Ihre Studie sei „technisch gesehen rückwärtsgewandt“, berücksichtige neuere Entwicklungen wie etwa das „Platooning“, das computergesteuerte Fahren von Fahrzeugkolonnen, nicht. Wirtschafts- und Finanzreferent Dieter Daminger berichtete am Dienstag: Auch an ihn sei die Frage „Ist das noch das System, das zukunftsfähig ist?“ von mehreren Seiten herangetragen worden.

Gutachter reagieren auf Kritik

Die Gutachter hatten sich eingangs bemüht, solche Zweifel zu zerstreuen. Sie hatten in der Online-Bürgerbeteiligung geäußerte Bedenken zusammengefasst und trugen ihre Erwiderungen vor. „Platooning im Busverkehr ist sehr schwierig“, erläuterte Verkehrsplaner Romain Molitor, ebenfalls vom Büro Komobile. „Da brauche ich drei Busse, bis ich die Kapazität einer Straßenbahn habe.“ Zudem seien die Haltestellenaufenthalte für „gekoppelte“ Busse zu kurz – diese müssten sekundengenau ankommen, was unrealistisch sei. Innovative Systeme wie Robottaxis bieten Molitor zufolge viel zu wenige Plätze, um eine Alternative zur Stadtbahn sein zu können. Zudem seien sie noch im experimentellen Status und hätten rechtlich noch einige Hürden zu nehmen.

Finanzreferent Daminger betonte: Die Stadt könne während ihrer Planungen auf neuere Entwicklungen reagieren. Mehrere Stadträte drängten die Verwaltung zur Eile. Günther Riepl von den Freien Wählern forderte sie sogar dazu auf, ab sofort die für eine Stadtbahn erforderlichen Trassen „freizumachen“ vom motorisierten Individualverkehr und so zunächst Busspuren zu schaffen. Margit Kunc’ Resümee zum Thema Stadtbahn lautete: „Wir hätten es vielleicht schon eher haben können. Aber es muss natürlich jetzt mit aller Kraft angegangen werden.“

Ein Erklärvideo zur Stadtbahn finden Sie hier.

Zahlen und Fakten zur geplanten Tram in Regensburg

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Chronologie

  • Erste Schritte:

    Der ökologische Verkehrsclub Deutschland stellt 1993 seine Studie „Stadtbahn für Regensburg“ vor. Er präsentiert vier Linien bis in den Landkreis. Die Grünen greifen das Thema im Kommunalwahlkampf 1996 auf.

  • Zwischen Politik und Verwaltung:

    1997 beschäftigt sich die Stadtverwaltung im Verkehrsentwicklungsplan mit der Stadtbahn. Im Kommunalwahlkampf 2002 greift CSU-Politiker Hans Schaidinger das Thema auf. Danach beauftragt der Stadtrat die Verwaltung mit einem Nahverkehrsplan mit Fokus auf der Stadtbahn. Darin taucht die Tram jedoch später nie auf, auch wenn die Verwaltung eine Konzeptstudie (2006) erstellen lässt.

  • Wiederbelebung des Themas:

    Während der großen Koalition aus SPD und CSU 2008 bis 2014 gerät das Projekt ins Stocken. 2014 beschließt die bunte Koalition die erneute Prüfung einer Stadtbahn.

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