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Regensburg
Donnerstag, 22. Februar 2018 2

Polizei

„Selten so eine Brutalität erlebt“

Die Einsätze vom Wochenende haben selbst bei erfahrenen Regensburger Beamten Spuren hinterlassen. Wir sprachen mit einem.
Von Norbert Lösch

Nicht immer lassen sich Randalierer widerstandslos dingfest machen – das mussten am Wochenende auch Regensburger Polizeibeamte schmerzhaft erfahren. Foto: Patrick Seeger/dpa

Regensburg.Hartmut Weigl (Name geändert) hat bei seinen täglichen Einsätzen als Polizist schon einiges erlebt. Nicht nur einmal war er selbst das Opfer von Attacken durch aggressive, uneinsichtige Randalierer oder Täter, die sich etwa einer Festnahme entziehen wollten. Einer schoss ihm mit einer Gaspistole ins Gesicht, Prellungen nach Rangeleien waren nicht selten, auch Schläge hat es schon des öfteren gesetzt. „Aber eine solche Brutalität wie bei den Einsätzen in der Nacht zum Sonntag ist einfach Wahnsinn“, sagt Weigl, dem die Anspannung auch zwei Tage später noch anzumerken ist.

Besonders die Fußtritte gegen den Kopf eines Kollegen verstärken sein Gefühl, dass Gewalt gegen Polizisten auch in Regensburg zunimmt. „Das häuft sich in den letzten Jahren unübersehbar.“ Und immer häufiger würden selbst Routineeinsätze eskalieren, weil manchen völlig die Einsicht fehle und sie es ohne Zögern selbst auf eine körperliche Auseinandersetzung mit den Ordnungshütern ankommen lassen.

„Das war eine Routinekontrolle“

Weigl kam am Samstagabend zum Tatort Arcaden, weil Unterstützung angefordert worden war. Häufig gebe es Beschwerden der Betreiber des Einkaufszentrums oder von Anliegern, weil das Kunstwerk am westlichen Ende des Vorplatzes ein Treffpunkt von durchaus auffälligen Jugendlichen sei. Seine Kollegen hätten eine Gruppe von etwa 15 jungen Leuten aufgefordert, ihre Personalien anzugeben, nachdem sie lautstark gegen die Kontrolle eines Trios protestiert hatten. „Das war eine stinknormale Routinekontrolle“, schildert Weigl den Einsatz.

Die Gewalt trifft doppelt, sagt unser Autor Norbert Lösch. Seinen Kommentar lesen Sie hier.

Der eskalierte, nachdem sich die Gruppe in das Einkaufszentrum zurückzog, ihr Polizisten folgten und erneut zur Rede stellten. Zwei aus der Gruppe schlugen plötzlich unvermittelt auf Beamte ein. Zeugen berichteten, dass die zwei Haupttäter „mit aller Macht auf die Polizisten eingedroschen“ hätten. Und als einer am Boden lag, habe ihm der Haupttäter mehrere Tritte gegen den Kopf versetzt. Die Schläge sollen auch auf privaten Handy-Videos zu sehen sein, die Zeugen inzwischen der Polizei zur Verfügung gestellt haben.

Vom Einsatzort in die Röhre

Der deutsch sprechende Haupttäter, laut Polizei ein 17-jähriger Afghane, sei schließlich überwältigt, gefesselt und arrestiert worden. Das Opfer, ein Kollege Weigls, musste derweil mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. „Da wollte er noch in der Nacht schon wieder raus. Aber als ihm sofort wieder schwindlig wurde, musste er zur Beobachtung dableiben. Er war auch in der Röhre“, hieß es gestern aus dem Kollegenkreis. Der Mann ist noch immer in stationärer Behandlung.

Zeugen berichteten auch, dass die Polizisten gar keine Gelegenheit hatten, zurückzuschlagen oder den Schlagstock zu zücken. Dafür spricht, dass die Täter selbst offensichtlich keinerlei Verletzungen davongetragen haben.

Anfeindungen nehmen im Alltag von Polizisten zu. Über Bewerbermangel muss sich die Polizei dennoch nicht sorgen, sagt Ralf Neumüller, Polizeioberrat bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei, im Interview.

Kurz nach Mitternacht war Hartmut Weigl dann erneut zu einem Einsatzort gerufen worden, an dem die Lage eskaliert war. Gastgeber und Gäste einer Studentenparty im Freien hatten sich strikt geweigert, ihr Treiben in der Blaue-Stern-Gasse einzustellen und die Ruhestörung zu beenden. Und nicht nur das. Polizisten wurden mit Bier bespritzt, bei der anschließenden Rangelei trug einer einen Knöchelbruch davon. „Als ich dazustieß, lag der Kollege schon im Dreck und hat sich vor Schmerzen gekrümmt“, schildert Weigl auch in diesem Fall die schwerwiegenden Folgen der Konfrontation. „Von Einsicht oder Einlenken keine Spur“, wundert sich der erfahrene Beamte, der das auch schon anders erlebt hat.

Die Regensburger haben eine klare Meinung zu den Vorfällen:

Regensburger äußern sich zur Gewalt gegen Polizist

Bei Gruppen wird es schwierig

Polizeisprecher Dietmar Winterberg beantwortete am Montag auch Fragen nach einem speziellen Training für solche Konfrontationen beziehungsweise ob Beamte nicht in Notwehr beispielsweise auch Warnschüsse abgeben können, um Gefahr für Leib und Leben abzuwehren. „Im polizeilichen Einsatztraining werden bis zu vier Mal im Jahr alle Polizeivollzugsbeamten in verschiedenen Szenarien beschult. Auch die Ausbildung junger Polizeibeamter beinhaltet intensive Trainingseinheiten. Tatsächlich lässt sich jedoch nicht jede Einsatzsituation immer darstellen“, sagt der Polizeisprecher. Treffen Beamte auf Personengruppen, wie im Arcaden-Fall, könne sich die Situation „im Handumdrehen verändern“.

Wie die Polizei mit derartigen Übergriffen umgeht, erfahren Sie im Video:

So geht die Polizei mit den Übergriffen auf die Be

Ob die Betroffenen anders hätten reagieren können, sei ebenfalls Teil der Ermittlungen. „Situationsbedingt waren andere Maßnahmen aufgrund des Tempos der Situationsänderung und der Anzahl agierender Personen offensichtlich nicht mehr möglich.“ Notwehr durch den Einsatz von Pfefferspray, Schlagstock oder gar Schusswaffen „unterliegt grundsätzlich einem strengen Gebot zur Verhältnismäßigkeit“.

Von Beleidigung bis zum Mord

Gewalt gegen Polizisten umfasst alle Formen von verbaler Gewalt – also Beleidigung – bis hin zu Körperverletzung und Tötung. Statistisch erfasst wird jedoch nur die enger gefasste Gewaltkriminalität.

Der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ist eine Straftat. Der Paragraf 113 des Strafgesetzbuches sieht in minderschweren Fällen eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe vor.

Extremismus-Opfer: Auf das Konto der linksextremistischen RAF der ersten Generation gehen 33 Morde, denen elf Polizisten zum Opfer fielen. Rechtsextremisten töteten seit 1997 fünf Beamte.

Das sagen Regensburg Persönlichkeiten zu den Gewalttaten:

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Kommentar

Tritte treffen doppelt

Ja wo samma denn, könnte man in gepflegtem bayerisch angesichts der brutalen Übergriffe auf Polizisten fragen. Wir sind weder im Hamburger Schanzenviertel,...

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