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Regensburg
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Gesundheitsrisiken

So gefährlich ist die Regensburger Luft

Luftschadstoffe bringen statistisch jedes Jahr 160 Regensburger vorzeitig ins Grab. Staus verschärfen die Situation weiter.
Von Heinz Klein

Täglich Staus, zigtausende Autos, viele Dieselfahrzeuge. Entlang der vielbefahrenen Straßen sind die Gesundheitsrisiken besonders für Kinder besonders hoch. Foto: Marijan Murat/dpa
Täglich Staus, zigtausende Autos, viele Dieselfahrzeuge. Entlang der vielbefahrenen Straßen sind die Gesundheitsrisiken besonders für Kinder besonders hoch. Foto: Marijan Murat/dpa

Regensburg.Die Europäische Umweltagentur (EEA) warnte mit ernüchternden Zahlen vor den Gefahren durch Luftschadstoffe. Demnach sterben in Deutschland jährlich 66 000 Menschen vorzeitig durch die Feinstaubbelastung. Dazu kommen noch Stickoxide, die für weitere 13 000 frühe Todesfälle verantwortlich sein sollen.

Rechnet man diese Zahlen auf den eigenen Wohnort herunter, wie das der Stadtrat Richard Spieß am Runden Tisch für ein besseres Stadtklima tat, dann schockieren sie noch mehr. Demnach sind Feinstaub und Stickoxide jährlich für 160 vorzeitige Todesfälle in Regensburg verantwortlich.

Maximale Belastung an Straßen

Prof. Dr. Michael Kabesch: „Ob Grenzwerte dann auch für Kinder aussagekräftig sind, wissen wir nicht.“ Foto: Klein
Prof. Dr. Michael Kabesch: „Ob Grenzwerte dann auch für Kinder aussagekräftig sind, wissen wir nicht.“ Foto: Klein

Es sind alte und chronisch kranke Menschen, die Opfer dieser Belastungen werden, sagt Prof. Dr. Michael Kabesch. Die Luftverschmutzung führt aber auch bei Kindern zu Lungenerkrankungen. „Sie stehen in der Entwicklung und ihre Empfindlichkeit ist daher besonders groß“, warnt der Chefarzt an der Klinik St. Hedwig: Zwar können Kinder besser regenerieren als Erwachsene, doch einmal erworbene Schädigungen wirken dann auch ein ganzes Leben lang. Die Zahlen der EEA hält der Kinderpneumologe und Allergologe für realistisch. Ob das einfache Herunterrechnen nun genau die Situation in Regensburg wiedergebe, könne man freilich nicht exakt sagen.

Die Schadstoffbelastung ist dort am höchsten, wo sie entsteht. Quelle von Feinstaub und Stickoxiden ist vornehmlich der Verkehr, der Ort der höchsten Konzentration daher die Straße. Es sind vor allem die Anwohner stark befahrener Straßen, die in einem Korridor von 30 bis 100 Metern neben den Straßen die höchsten Belastungen abbekommen. Und natürlich sind auch die Verursacher des Übels diesen Belastungen intensiv ausgesetzt: die Autofahrer. Mit den täglich mehr werdenden Staus verschärft sich die Situation natürlich weiter. „Stop-and-go-Verkehr ist nicht schadstoffeffizient“, sagt Kabesch.

Die Feinstaubbelastung wird auch dezentral von Privatleuten gemessen, die die Ergebnisse in einem Netzwerk veröffentlichen (luftdaten.info). Messgeräte dazu gibt es für 26 Euro im Internet. Foto: Klein
Die Feinstaubbelastung wird auch dezentral von Privatleuten gemessen, die die Ergebnisse in einem Netzwerk veröffentlichen (luftdaten.info). Messgeräte dazu gibt es für 26 Euro im Internet. Foto: Klein

So müssen vor allem Kinder, die an stark befahrenen Straßen wohnen, ein deutlich höheres Risiko tragen, an Asthma und Allergien zu erkranken. „Es ist chronisch und schleichend, man sieht es nicht“, warnt der Lungenfacharzt. Derzeit besonders tückisch: Pollen in Kombination mit daran anhaftenden Luftschadstoffen. Und wenn Kinder dann noch in Haushalten leben, in denen geraucht wird, nennt Prof. Kabesch das eine „absolut teuflische Kombination“.

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Die Stadt ist, was die Überschreitung von Grenzwerten für Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) betrifft, ein Wiederholungstäter, allerdings mit Tendenz zur Besserung. Heuer gab es bisher vier Tage mit Grenzwertüberschreitung bei Feinstaub, 2017 waren es 13 Tage (erlaubt sind 35 Tage im Jahr). Bei den Stickoxiden riss Regensburg den Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm knapp – sowohl 2016 (42 Mikrogramm) als auch 2017 (41 Mikrogramm). Heuer gab es bisher noch keine Überschreitung des Stundenmittelwertes von 200 Mikrogramm.

Regensburger machten mit einem Hustkonzert auf Luftverschmutzung aufmerksam:

Mit einem ungewöhnlichen Hustkonzert demonstrierten Regensburger gegen Luftverschmutzung. Video: Simone Grebler

40 Prozent fahren Diesel

Die Verkehrsbelastung in Regensburg ist hoch. So wird beispielsweise die Prüfeninger Straße täglich von 13 200 Kraftfahrzeugen befahren, die Straubinger Straße von durchschnittlich 18 800. In der Weißenburgstraße sind an Werktagen 20 900 Kfz unterwegs, in der Nordgaustraße sind es 39 700. In der Landshuter Straße rollen täglich etwa 23 300 Fahrzeugen, in der Friedenstraße/Kirchmeierstraße 29 800. Und direkt neben diesen Straßen wohnen viele Menschen.

Schaut man neben den rund 80 000 Pendlern, die unter der Woche täglich nach Regensburg kommen, noch auf die in Regensburg selbst zugelassenen Fahrzeuge, so ergibt sich, dass die Regensburger ihren Fahrzeugpark zu rund 40 Prozent mit Dieselfahrzeugen bestreiten. Gemäß den Zahlen des Bundesverkehrsministeriums sind sie mit 33 592 Diesel-Pkw unterwegs. Ferner sind 290 Busse mit Dieselantrieb gemeldet. An Fahrzeugen mit Benzinmotor gibt es in Regensburg 51 451.

So kann man sich einen Feinstaubsensor selbst basteln – die Anleitung gibt es bei YouTube:

Auch wenn die Stadt nach jahrelangen Grenzwertüberschreitungen nun unter die gesetzlich erlaubten Höchstmarken rutscht, gibt Prof. Kabesch zu bedenken: Grenzwerte kommen aus der Arbeitswelt. Es sind noch tolerierbare Belastungen in Arbeitssituationen, gemessen an der arbeitsfähigen, also relativ jungen und weitgehend gesunden Bevölkerung, für den Zeitabschnitt des Arbeitens, nicht des ganzen Lebens. Inwieweit diese Grenzwerte dann auch für Kinder aussagekräftig sind, sei ganz und gar ungewiss.

Zum Thema Grenzwerte verweist der Mediziner noch auf ein weiteres Detail: Die Messstation des Bayerischen Landesamts für Umwelt misst in Regensburg nur die Feinstäube der Partikelgröße P10. Die noch kleineren und biologisch noch wirksameren Stäube würden in Regensburg nicht gemessen.

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Messgeräte für 26 Euro

Das tun inzwischen private Tüftler mit Messgeräten, die im Internet erstaunlich kostengünstig für 26 Euro erworben werden können und ohne Vorkenntnisse zusammenzubauen sind. Im OK Lab Stuttgart vernetzen sich tausende Paten der Open Knowledge Foundation Germany und stellen ihre Messergebnisse ins Netz (www.luftdaten.info). So würden Luftbelastungen kleinräumiger dargestellt, zum Beispiel von einer Messstation in der von Autobahnen umzingelten Ganghofersiedlung.

„Uns ist allen bewusst, dass Luftschadstoffe erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben können“, sagt die um eine Stellungnahme gebetene Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Man wolle das nicht verharmlosen. Deshalb tue die Stadt wirklich viel, um die Belastungen zu reduzieren. „Wir wollen uns nicht vor der Verantwortung drücken“, sagt auch Bürgermeister Jürgen Huber. Er verweist auf Maßnahmen im Luftreinhalteplan, u.a. innovative Verkehrslösungen, abgasarme Mobilität und eine Verbesserung des ÖPNV. „All diese Maßnahmen führen dazu, dass nach derzeitiger Prognose in den nächsten Jahren die Grenzwerte auch für Stickstoffdioxid eingehalten werden können.“

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