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Regensburg
Freitag, 23. Februar 2018 2

Justiz

Strafe für kleine Sünden: Lesen

Ein Projekt eröffnet jungen Straftätern eine Alternative zu Sozialstunden: Lesen! Man kann dabei nämlich schlauer werden.
Von Heinz Klein

  • Die Diplompsychologin Sigrid Bullard vergibt im Rahmen der Leseweisung ausgesuchte Bücher an jugendliche Klienten. Fotos (2): Heinz Klein
  • Für sehr ungeübte Leser gibt es auch spezielle Angebote in leichter Sprache aus der Buchreihe K.L.A.R. Foto: Klein

Regensburg.„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort…“, sagt das Sprichwort. Inzwischen macht das allerdings meist der Richter. Doch wo die Sünder noch jung und die Sünden noch ganz klein sind, muss nicht immer ein Gericht mit der Frage der Ahndung befasst werden. Dann kann ohne Hauptverhandlung auch die Staatsanwaltschaft eine kleine Strafe verhängen: 20 Sozialstunden beispielsweise. Eine Alternative dazu ist derzeit in Regensburg in Erprobung: die Leseweisung.

Der kleine Diebstahl eines Ersttäters könnte mit einer Leseweisung geahndet werden. Foto: Heimeier/dpa

Statt 20 Stunden arbeiten 15 Stunden lesen und noch zwei oder drei Mal mit einer Sozialpädagogin über das Buch, über sich selbst und über die kleinen Sünden zu reden – das ist der Deal. Sigrid Bullard ist eine der Sozialpädagoginnen, die beim Verein kontakt e. V. das Projekt betreuen. Zu ihr kommen junge Menschen, die Mist gebaut haben und das erste Mal in ihrem Leben mit Polizei und Justiz zu tun haben. Kleine Diebstähle, Schwarzfahren, illegal Graffiti sprühen, Schule schwänzen oder auch Mobbing, gerne über die sozialen Medien ausgetragen, stehen da auf dem Sündenregister.

Zwischen 14 und 21 Jahre ist Sigrid Bullards Klientel alt und beim ersten Gespräch meist schüchtern, nervös, unsicher und heilfroh, noch ohne Gerichtsverhandlung davongekommen zu sein.

Ersttäter und manchmal Erstleser

Lesen ist für viele Menschen etwas sehr Schönes. Doch dazu zählen Sigrid Bullards „Kunden“ nicht. Diese Ersttäter sind bisweilen sogar Erstleser, die vorher noch nie ein Buch ganz gelesen haben. Doch soll das Lesen zumindest eine schlaue Strafe sein, sagt Sigrid Bullard, die auch als systemische Familientherapeutin und Anti-Aggressions-Trainerin tätig ist. Die jugendlichen Sünder bekommen pädagogisch wertvollen Lesestoff in die Hand, Bücher, die schlauer machen und vielleicht auch etwas mit den Problemen zu tun haben, mit denen diese Kids gerade kämpfen.

Das Buch ist bestenfalls auch Türöffner, denn Sigrid Bullard spricht mit den Jugendlichen nicht nur über das Buch, sondern auch über sie. Und sie käme übrigens einem, der nur so tut, als hätte er das Buch gelesen, schnell auf die Schliche.

In München, Augsburg und Ingolstadt hat man mit der Leseweisung gute Erfahrungen gemacht und das scheint auch in Regensburg so zu sein. Neun Jugendliche absolvierten bisher das Regensburger Projekt – sieben Mädchen und zwei Jungs. Es waren Haupt- und Realschüler sowie ein Gymnasiast. Vielleser waren nicht darunter. Meist lag das Lesevolumen bei Null bis drei Büchern pro Jahr. „Da sind 400 Seiten schon eine Herausforderung“, sagt Sigrid Bullard. Zwei Wochen haben die jungen Leute in der Regel Zeit, den Lesestoff zu bewältigen. Dabei greift schon mal eine Erkenntnis um sich, die ganz hoffnungsfroh stimmen kann: Lesen muss gar nicht unbedingt Strafe sein…

Daniela Dombrowsky hilft

Der Lesestoff soll hochwertig sein: Jugendliteratur, die verschiedenen Problemlagen des Erwachsenwerdens auf verständliche Art und Weise thematisiert und den Jugendlichen die Möglichkeit bietet, neue Sichtweisen und Entwicklungsperspektiven kennenzulernen. Über die Geschichte und die Charaktere des Buches kann das eigene Fehlverhalten distanziert betrachtete und dann auch reflektiert werden. Gruppendynamik und Lebenswelt können bei der Auswahl der Lektüre eine wichtige Rolle spielen. Die Buchhändlerin und Sozialpädagogin Daniela Dombrowsky, seit vielen Jahren im Bereich der Leseförderung für Kinder und Jugendliche engagiert, liefert gerne Vorschläge für geeignete Bücher.

Auch auf die Leseempfehlungen aus Projekten in München und Ingolstadt greift Sigrid Bullard gerne zurück. Inzwischen gibt es bei Kontakt e. V. schon eine kleine Bibliothek, die unlängst dank einer 300-Euro-Spende erweitert werden konnte. Die Jugendlichen müssen beim Ausleihen des Buches zehn Euro Pfand hinterlegen, die sie bei Rückgabe des unbeschädigten Buchs zurückerstattet bekommen.

Der Probelauf des Diversionsprojekts begann im Oktober 2017 und wird in einigen Wochen abgeschlossen. Die Lesezuweisung wird, wenn sie für den betroffenen Jugendlichen und seine Tat als sinnvoll gesehen wird, in Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Jugendgerichtshilfe des Jugendamts abgesprochen. Sigrid Bullard kann anhand der ersten Erfahrungen von positiven Eindrücken sprechen und hofft, dass die Leseweisung auch künftig als Mittel der Wahl zum Einsatz kommt. Die Leseweisung im Rahmen des Paragraph 10 des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) kann vom Gericht ausgesprochen oder bereits im Vorfeld von der Staatsanwaltschaft im Rahmen des Paragraph 45 JGG veranlasst werden. Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen gute Deutschkenntnisse haben, das Lesen allerdings nicht zu ihren Hobbys zählen.

Bei Delikten, die in der Gruppe begangen wurden, ist es möglich, die Tätergruppe gemeinsam zur Leseweisung zu verdonnern.

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Die Bücher und der Verein

  • Zum Lesestoff

    , der den Jugendlichen angeboten wird, gehören Bücher wie Alabama Moon von Watt Key (Oettinger), „Nur eine Liste“ von Siobhan Vivian (Ravensburger Taschenbücher), oder “Jackpot – wer träumt, verliert“ von Stephan Knösel (Gulliver Verlag), „Das absolut wahre Tagebuch eines Indianers“ von Sherman Alexie (dtv) oder „Nichts ist okay!– Zwei Seiten einer Geschichte“ von Jayson Reynolds und Brendah Kiely (dtv).

  • Der Verein Kontakte

    e. V. wurde 1977 von dem Regensburger Strafrechtler Prof. Dr. Klaus Rolinski, mehreren Richtern und interessierten Studenten gegründet. Der Verein bietet soziale Trainingskurse an, arbeitet präventiv und integrativ, unterstützt und betreut Personen, die in Gefahr sind, straffällig zu werden, bietet aber auch Opfern von Straftaten Hilfe an.

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