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Regensburg
Freitag, 20. April 2018 27° 2

Soziales

„Strohhalm“ vertreibt die Einsamkeit

Im Winter kommen täglich 50 Hilfsbedürftige in die Regensburger Keplerstraße. Dort gibt es Essen und menschliche Wärme.
Von Angelika Lukesch

Im Strohhalm finden sich die Menschen zu Gesellschaftsspielen zusammen und genießen die Gemeinschaft. Fotos: Angelika Lukesch

Regensburg.Draußen ist es kalt und unwirtlich. Wer die Türe zum Strohhalm aufmacht, dem schlägt ein anheimelndes Stimmengewirr entgegen. Im Innenraum ist es warm und gemütlich. An den Wänden hängen Bilder von Regensburg, der ganze Raum ist bayerisch gemütlich ausgestattet. An den Tischen sitzen Menschen, die miteinander reden und bei Gesellschaftsspielen wetteifern. Andere schauen fern, Nachrichten laufen, der Kaffee dazu, der nur 20 Cent kostet, schmeckt nach Zuhause. „Die meisten Leute kommen, weil sie nicht allein sein wollen. Das ist der Hauptgrund“, sagt Josef Troidl, Gründer des Strohhalm.

Eine kostenlose OP organisiert

Dr. Udo Stelbrink, der Arzt, der einmal in der Woche nach den Gästen im Strohhalm schaut, fügt hinzu: „Herr Troidl hat von Anfang an zu mir gesagt, dass er jemanden braucht, der mit den Leuten redet. Das Reden ist von großer Bedeutung. Hinsetzen zu den Leuten und zuhören. Die menschliche Zuwendung ist ganz wichtig.“ Oftmals reiche es den Leuten auch, wenn sie nur dabeisitzen und um sie herum werde geredet. „Dann fühlen sie sich wohl, weil sie nicht alleine sind. Sie können ihre Sorgen mit den anderen teilen, das ist auch ein ganz bedeutender Grund“, sagt Dr. Stelbrink.

Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin kocht, rechts ein Gast.

Er kam vor drei Jahren zum Strohhalm. „Ich habe gesehen, was der Herr Troidl hier macht und das finde ich gut. Ich wollte mich nach meiner Pensionierung betätigen. Mir geht es gut und daher versuche ich, etwas von dem abzugeben. An Menschen, die schlechte Startbedingungen haben oder Pech hatten.“ Er berät die wirtschaftlich Schwachen und hilft ihnen, wenn sie sich in Behandlung begeben müssen. Er geht mit ihnen zum Arzt und besucht sie im Krankenhaus oder auch mal zu Hause. Einmal hat Dr. Stelbrink eine kostenlose Leistenbruchoperation für einen Mann organisiert, der nicht krankenversichert war.

„Das Zuhören ist von großer Bedeutung.“

Arzt Dr. Udo Stelbrink

Rund 50 Menschen besuchen den Strohhalm in den Wintermonaten, im Sommer sind es 40. Sie kommen zum Frühstück (50 Cent), zum Mittagessen (1 Euro, ein Teller Suppe kostenlos), zum Kaffeetrinken (20 Cent) und genießen die menschliche Wärme, die im Strohhalm herrscht, in physischer und psychischer Hinsicht. „Bei uns wird keiner schief angeschaut, bei uns ist jeder unser Gast“, sagt Josef Troidl. Es gibt jedoch Ausnahmen und die betreffen Alkoholiker und Drogenabhängige. Wer high ist, darf nicht in den Strohhalm oder wird des Hauses verwiesen. „Anders geht es nicht“, sagt Troidl. „Wir existieren nur auf Spendenbasis, wir bekommen keinen Zuschuss. Wenn ich einen Zuschuss kriegen würde, würde ich die Alkoholiker und Drogenleute auch nehmen müssen. Und die will ich hier nicht haben.“

850 Fördermitglieder dabei

Er ist stolz darauf, dass der Strohhalm aus eigener Kraft existiert und funktioniert. 850 Mitglieder im Verein bilden die Basis. Immer wieder gibt es großzügige Spender, im vorigen Jahr bekam der Strohhalm ein ganzes Haus gespendet, da gibt es jetzt Mieteinnahmen.

Dr. Udo Stelbrink

Die Struktur der Gäste hat sich im Laufe der Jahre verändert. „Es gibt mehr ältere Leute, die zu uns kommen. Die Altersarmut betrifft hauptsächlich Frauen. 80 Prozent der Gäste sind Männer“, sagt Troidl. „Männer kommen auch mit dem Alleinsein wesentlich weniger gut zurecht“, fügt Dr. Stelbrink hinzu. 50 Ehrenamtliche tragen dazu bei, dass der Strohhalm funktioniert, dass jeden Tag Frühstück, Mittagessen und Kaffee auf dem Tisch stehen. „Wenn wir einem Ehrenamtlichen Lohn zahlen müssten, würde es nicht mehr funktionieren. Unsere Leute machen es aus Überzeugung und es kommen auch immer wieder Neue dazu“, sagt Troidl. Dennoch habe der Strohhalm immer Bedarf. „Wir bräuchten zum Beispiel unbedingt jemanden für den Sonntag zum Ausschenken des Kaffees“, sagt Troidl.

An Heiligabend wird Weihnachten auch in der Strohhalm-Familie gefeiert. Der Raum wird mit Bierbänken bestuhlt. Auch Josef Troidl wird Heiligabend im Strohhalm verbringen, denn: „Das ist meine Familie“.

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