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Regensburg
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Gericht

Unkontrolliert Waren im Netz bestellt

Nach dem Verlust seines Jobs in Regensburg missbrauchte ein Mann die Daten seiner Mutter (89) um Outdoor-Artikel zu ordern.
Von Marion von Boeselager

Der Angeklagte surfte im Internet, trank täglich an die zwei Flaschen Schnaps und schuf sich eine heile Traumwelt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Der Angeklagte surfte im Internet, trank täglich an die zwei Flaschen Schnaps und schuf sich eine heile Traumwelt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Regensburg.Er verlor seine Frau, seine Gesundheit und dann auch noch seinen Job an einem Regensburger Krankenhaus: Da geriet ein 47-jähriger Mann auf die schiefe Bahn. Am Donnerstag stand er wegen gewerbsmäßigen Betrugs in zwei, Computerbetrugs in zwölf Fällen sowie Fälschung beweiserheblicher Daten vor dem Regensburger Amtsgericht. Der Angeklagte soll von Mai bis Oktober 2016 von der Wohnung seiner Mutter im östlichen Landkreis aus völlig unkontrolliert Waren im Internet bestellt haben, obwohl er in der Zeit zahlungsunfähig war. In den meisten Fällen gab er dabei – ohne Wissen und Zustimmung seiner Mutter – deren Daten an.

Bergsteigerartikel für Seniorin?

Die bestellten Artikel hätte die 89-Jährige – eine pflegebedürftige Frau, die von einer kleinen Rente und Pflegegeld lebt – sicher nicht gebrauchen können: Vier Paar Sportschuhe CrossFit, After Shaves und Eau de Parfums mit dem an Tarzan erinnernden Namen „Jungle Man“, Herren-Trekkingjacken und -schuhe, Wandersocken, mehrere Jeans, Outdoor-Bedarf, Boxershorts und weitere „männliche“ und sportbetonte Produkte im Gesamtwert von über 4250 Euro.

Vor Gericht legte der Angeklagte, zunächst über seinen Verteidiger Christian Reiser, dann mit eigenen Worten, ein umfassendes Geständnis ab:

Mit der Scheidung 2012 habe es angefangen. Dann traten beim bis dahin völlig unbescholtenen Angeklagten neben einer entzündlichen, chronischen Nierenerkrankung epileptische Anfälle und schließlich Depressionen auf. In der Folge kündigte ihm sein Arbeitgeber. Daraufhin zog der nun auch finanziell klamme Domstädter zu seiner Mutter in den Landkreis. Seinen Kummer ertränkte er in immer stärkerem Maße im Alkohol. Davon kam er nicht mehr los. Die Abwärtsspirale setzte sich fort.

Angeklagter schuf Traumwelt

In der mütterlichen Wohnung saß der unverschuldet in die Arbeitslosigkeit geratene Mann oft vor dem Computer, trank täglich an die zwei Flaschen Schnaps – und schuf sich eine heile Traumwelt.

„Er war früher Bergsteiger“, berichtete sein Verteidiger Christian Reiser. „Damit wollte er wieder anfangen, obwohl er das in seinem Gesundheitszustand gar nicht gekonnt hätte.“ Der Angeklagte begann im Suff, Sachen für Exkursionen ins Gebirge zu bestellen, unter den Daten der Mutter. Die Waren verbarg er dann vor der Seniorin, konnte sie aber auch nicht bezahlen. Zu seinen sonstigen Problemen gesellten sich nun auch noch Schulden.

„Meine Mutter habe ich auch seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das ist die schlimmste Strafe.“

Der Angeklagte

Schließlich zog der 47-Jährige die Reißleine: Er beichtete seine Fehltritte seiner Mutter und seinem Bruder und bat sie, Strafanzeige gegen ihn zu erstatten. Außerdem begab er sich in eine stationäre Langzeit-Therapie für alkoholkranke Männer und Frauen, die noch bis Ende 2019 andauert. Seitdem ist er, bis auf einen kurzen Rückfall, trocken. „Ich merke, das hilft mir“, sagte der Angeklagte.

„Ich schäme mich“, meinte er rückblickend auf seine unkontrollierten Bestellungen. „Erst nach einer Entgiftung ist mir klar geworden, dass ich Straftaten begangen habe. Jetzt ist der Kontakt zu meinem Bruder weg. Er hasst mich wohl. Und meine Mutter habe ich auch seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen“, sagte er unter Tränen. „Das ist die schlimmste Strafe.“

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Angesichts der „besonderen Umstände“ der Tat und der Tatsache, dass der Angeklagte quasi sich selbst anzeigte, ließ Richterin Danzer Milde walten und verurteilte den 47-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Er darf als Auflage seine Therapie nicht mutwillig abbrechen und erhält auch nach seiner Entlassung aus der Einrichtung einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt, „damit er nicht wieder in die Abwärtsspirale gerät.“ Es sei dem Angeklagten sicher noch schwerer gefallen, die Sache seiner Mutter und dem Bruder zu beichten, als der Polizei, sagte Danzer. Der Alkohol sei, zusammen mit den persönlichen Schwierigkeiten, Triebfeder der Taten gewesen. Dagegen gehe er jetzt an.

Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer eineinhalb Jahre, der Verteidiger ein Jahr Haft, jeweils mit Bewährung, beantragt.

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