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Geschichte

Vom 7. August 1914 ist Post da

Im Bahnhof wurde gerade das Fundament für einen Dampfhammer gegossen, als der Erste Weltkrieg begann. Georg Holler legte seine Erinnerung hinein.
Von Helmut Wanner, MZ

Regensburg.Die grüne 1-Liter-Flasche mit Schnappverschluss und dem Hinweis „Eigentum Bürgerbräu Regensburg“ ist unter Sammlern an sich schon eine Rarität. „Von 1912 bis 1920 führten Josef Braun und Johann Hahn das Weißbräuhaus Bürgerbräu in der Schwarzen Bärenstraße,“ bestätigte Brauereiexperte Helmut von Sperl.

In dieser selten gut erhaltenen Flasche steckte eine kuriose Flaschenpost vom Beginn des Ersten Weltkriegs in Regensburg. Der Eisenbahn-Schlosser Alfred Pangerl (77) hat sie unter Umständen, die äußerst glücklich zu nennen sind, vor Jahren aus einem Beton-Fundament eines Dampfhammers der Firma Hasenklever, Düsseldorf, geborgen, ohne sie zu zerstören.

Als Sieger zurück

Jetzt, wo der Beginn des Ersten Weltkriegs sich zum 100. Mal jährt, erinnerte sich Pangerl an das in Sütterlin verfasste Schriftstück, das er in seinem Brandlberger Haus zu seinen Schätzen genommen hatte. Darin berichtet der königliche Oberwerkführer Georg Holler, praktischer Leiter der Schmiedewerkstätte, am 7. August 1914 vom Beginn des Ersten Weltkriegs.

Das seltene Zeitdokument verleiht dem historischen Datum Regensburger Lokalkolorit. Es beginnt so: „Am 1. August 1914 Mittags halb 12 Uhr wurde begonnen mit dem Fundament zur Schmiedemaschine von Hasenklever, Düsseldorf. Abends halb 8 Uhr kam die Kriegserklärung mit Russland. Am 2. August abends um 7 Uhr wurde die erste Abteilung der hier garnifomirenden (sic!) zwei Chevaulegerregiments einquartiert, und um 11 Uhr ist sie abgefahren. Wohin, weiß heute noch niemand. … Am 6. und 7. August zog das 11. Infanterieregiment, welches hier in Garnison liegt, ins Feld, allem Anschein nach nach Frankreich, desgleichen die letzte Abteilung des 2. Chevaulegerregiments, aber alle mit voller Begeisterung und frohen Mut. Gebe Gott, dass sie wieder unbeschadet als Sieger in unsere Heimat zurückkehren.“

Post wird Teil eines Bahnmuseums

Der Unterzeichnende, Georg Holler, sei ein Onkel des ehemaligen SPD-Stadtrats Hans Holler aus Schwabelweis gewesen und habe in der Lappersdorfer Straße gewohnt, so hat Pangerl recherchiert. Diesen Onkel Georg müssen die Umstände des Kriegsausbruchs so erschüttert haben, dass er, nachdem er eine Mass Bier geleert hatte, die Sendung verspürte, seinen persönlichen Beitrag zur Geschichtsschreibung leistete. Er schrieb das alles für uns Heutige auf und notierte sogar, dass der Reichstag zusammentrat und einstimmig fünf Milliarden für die Kriegskasse genehmigte.

Danach rollte er das Papier, umwickelte es noch einmal mit einem Pergament, steckte es in die sorgfältig gesäuberte und getrocknete Flasche und ließ den Verschluss zuschnappen. Dann legte er, wie er schrieb, „dieses Schriftstück unter den Beton des Fundaments.“ Er tat es mit Rührung.

Erinnerungen an den Weltkrieg irgendwo abzulegen, habe man hin und wieder gemacht, weiß Helmut von Sperl. Er erinnert sich an eine ironische Botschaft an die Nachgeborenen, die im Fehlboden oder einem Bierkrug versteckt war. „Ihr könntet Euch jetzt viel Geld sparen“, hieß es, „weil es kein Bier mehr gibt.“ Im Krieg war der Bierausschank rationiert.

Das Schreiben Georg Hollers, aufgesetzt zu Beginn des Krieges, schlug einen anderen Ton an. Es endet mit dem Wunsch: „Möge es den Findern dieses Schriftstücks gegönnt sein, recht viel Ruhmreiches über den, dem deutschen Volk aufgedrängten, Kriege zu wissen und erzählen zu können. Das walte Gott.“

Pangerl hat die Flaschenpost in seinen aktiven Jahren als Handwerker in der Bahnmeisterei an der Friedenstraße 3 a entdeckt, als er einen dort im Boden übriggebliebenen Betonklotz wegmachte, das Fundament eines schweren Schmiedehammer. Der Beton sei sehr hartnäckig gewesen, erinnert er sich. Es sei Glück gewesen, dass er die Flasche nicht voll erwischte. Am 18. Februar 1976 brach er mit seinem Presslufthammer einen armstarken Teil aus dem Fundament heraus --- und da sah er in einem Hohlraum die grüne Flasche liegen.

Über die geheimnisvolle Botschaft aus der Flasche herrschte helle Aufregung in der Bahnmeisterei. Erst ein älterer Kollege aus dem Büro konnte das Sütterlinschreiben entziffern. Pangerl durfte den Fund behalten. Seine Mutter hat das Schreiben dann übersetzt und sein Sohn tippte es in den Computer. Pangerl, einst Vorstand des Burschen- und Männervereins Brandlberg, hütet das Original bis es Teil des geplanten Museums der Regensburger Eisenbahnfreunde wird. „Von der Eisenbahn kommt es, zur Eisenbahn soll es wieder zurück“, hat er bestimmt. Als Vertreter der älteren Generation hält er das Schreiben in Ehren. Erstens, weil sein Vater im Krieg gefallen ist. Und zweitens wegen der besonderen Liebe zur Eisenbahn. Sie war vor 100 Jahren das wirtschaftliche Rückgrad Deutschlands, und hatte im Krieg auch eine symbolhafte Bedeutung. Die Kapitulation Deutschlands wurde am 11. November 1918 im Wagen von Compiègne unterzeichnet.

Der Zufall wollte es, dass die Flaschenpost der letzte Schlosser der Bahnmeisterei entdeckte, also jener Eisenbahner, der dort das Licht ausmachte und zusperrte. Über dem Ort, wo das Schriftstück gefunden wurde, erheben sich heute die „Arcaden“.

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