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Verkehr

Vorfahrt für den ÖPNV

Mit Bussen und Bahnen soll der Luftverschmutzung in den Städten begegnet werden. Zwei MZ-Autoren diskutieren Pro und Contra.
Von Wolfgang Ziegler und Katharina Eichinger

Bislang gibt es in Deutschland nach Angaben des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) keinen kostenlosen Nahverkehr. Das soll sich ändern.Foto: Gruber
Bislang gibt es in Deutschland nach Angaben des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) keinen kostenlosen Nahverkehr. Das soll sich ändern.Foto: Gruber

Es würde Sinn machen, nicht von Anfang an eine Maximalforderung aufzustellen, meint Wolfgang Ziegler:

Der Fasching ist vorbei – und dennoch wurden wir bei unseren Recherchen zu diesem Thema mehrfach mit dem Titel eines Karneval-Schlagers konfrontiert: „Wer soll das bezahlen...?“ Zu Recht! Denn kaum war der Brief von Umweltministerin Barbara Hendricks, Verkehrsminister Christian Schmid und Kanzleramtsminister Peter Altmaier an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella bekanntgeworden, da hielten diverse Nahverkehrsmanager schon Täfelchen hoch wie Punktrichter beim Eiskunstlauf: Auf dem des Vertreters aus München stand „872 Millionen Euro“, auf dem des Repräsentanten aus dem Rhein-Main-Gebiet „900 Millionen Euro“, auf dem des Regensburger RVV-Geschäftsführers Josef Weigl immerhin auch noch „43 Millionen Euro“. Auf diese Summen belaufen sich in den jeweiligen Gebieten gegenwärtig die Erlöse aus dem Ticketverkauf. Hochgerechnet auf ganz Deutschland ergibt sich schnell ein zweistelliger Milliardenbetrag.

Doch nicht nur vor dem finanziellen Hintergrund scheint der Vorstoß aus Berlin nicht ganz zu Ende gedacht zu sein. Denn neben dem Mangel an pekuniärer Software gibt es auch einen nicht unerheblichen Engpass an der Hardware. Zusätzliche Busse, die aufgrund der zu erwartenden steigenden Nachfrage unabdingbar wären, sind nämlich schlichtweg nicht vorhanden – und in der notwendigen Zahl in absehbarer Zeit auch nicht lieferbar. Ohne ein Plus an Bussen – und an Personal – würde das System aber blitzartig kollabieren.

Trotz dieser Hürden und Hindernisse darf die Idee aus Berlin nicht in Bausch und Bogen als verspäteter Faschingsscherz abgetan werden. Sie hat zumindest dazu geführt, dass das Thema Öffentlicher Nahverkehr wieder auf die Tagesordnung gekommen ist und dessen wachsende Bedeutung diskutiert wird – wenngleich diese wohl ohnehin unbestritten ist. Natürlich muss Bussen und Bahnen künftig noch mehr Vorrang eingeräumt werden – auch und vor allem in Regensburg. Denn gerade hier droht noch heuer – und wohl auf Jahre – ein Verkehrsinfarkt, wenn die Bauarbeiten an der Autobahn A3 erst einmal Fahrt aufgenommen haben.

Vorrang für den ÖPNV bedeutet aber nicht nur eine Bevorzugung aus Kostengründen. Vorrang darf gerade bei Bussen auch durchaus wörtlich genommen werden – durch Busspuren etwa. Busse, die fahrbar bleiben und im Gegensatz zu Pkw nicht im Stau stehen, bekommen allein durch diese Qualität ganz automatisch mehr Gewicht.

Es würde also vielleicht mehr Sinn machen, nicht von Anfang an eine Maximalforderung aufzustellen, Milliarden zu versprechen und hinterher mit leeren Händen zurückrudern zu müssen. Möglicherweise wäre es geschickter, sich dem Problem schrittweise zu nähern. In Regensburg könnte dies bedeuten, zunächst die Bus-Tarife flächendeckend zu senken. Oder die Innenstadtzone bzw. die Tarifzone 1 kostenfrei zu stellen. Oder die E-Busse auf der Altstadtlinie gratis fahren zu lassen. Oder Busfahrten an den Wochenenden kostenlos anzubieten. Oder ein besonders günstiges Jahresticket für den ÖPNV anzubieten, das sich preislich deutlich von der originären Preisstruktur abhebt. Ansatzpunkte gäbe es genug.

Von der Diskussion kann Regensburg nur profitieren, meint Katharina Eichinger:

Ein ÖPNV zum Nulltarif wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung und würde für viele Verbesserungen sorgen: bei der Lärmbelästigung, Luftqualität, Staus und Parkplatzmangel. Regensburg ist geradezu prädestiniert dafür: In der Stadt, in der regelmäßig der Verkehr zusammenbricht, in der viele Junge leben, die eher bereit sind, auf ein Auto zu verzichten und in die viele pendeln, könnte ein solches Vorhaben erfolgreich sein.

Mehr Menschen, die den Nahverkehr nutzen, bedeuten weniger Autos. Unfälle legen oft das ganze Stadtgebiet lahm. Weniger Autos bedeuten auch: Die Stadt wird attraktiver. Es entsteht weniger Lärm, die Parkplatzsituation entspannt sich, Stellplätze fallen weg, die Verkehrssicherheit wird erhöht. Je mehr Menschen auf Autos verzichten, desto besser wird die Luftqualität. Busse verursachen laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen pro Personenkilometer halb so viele Abgase wie Autos. Die Folgen von zu vielen Autos in der Stadt wurden zum Beispiel in Stuttgart deutlich – mehrfach wurde 2017 Feinstaubalarm ausgelöst. Das Vertrauen in die Autoindustrie ist angeknackst: In der Vergangenheit haben einige Konzerne gezeigt, dass sie auf Kosten des Klimas tricksen.

Die Subvention des öffentlichen Nahverkehrs ist bereits hoch, wäre es unmöglich, die Kosten eines Gratis-ÖPNV zu stemmen? Regensburg ist eine reiche Stadt: Erst im Dezember beschloss der Stadtrat einen 905-Millionen-Euro-Haushalt. Und viel muss beim ÖPNV nicht mehr subventioniert werden: Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung werden bundesweit 37 Prozent der Kosten über Fahrscheine finanziert, 63 Prozent über öffentliche Zuschüsse. Busse können jetzt schon nicht ohne Subvention fahren, aber subventioniert wird Autofahren auch – laut Verkehrsclub Deutschland mit 150 Euro jährlich pro Person. Mehr Menschen, die Bus fahren, bedeuten eine höhere Frequenz der Laufkundschaft in der Innenstadt. Somit würde der Einzelhandel angekurbelt, die Altstadt attraktiver werden – und auch die Gastronomie würde profitieren.

Damit der Nahverkehr zum Nulltaris eine Entlastung bringt, gibt es eine Voraussetzung: Der RVV muss Anreize schaffen, umzusteigen. Die Stadt braucht zuverlässigere und schnellere Verbindungen. Und der Landkreis muss mit ins Boot. Ein kostenloser ÖPNV bringt wenig, wenn nur die davon profitieren, die in Fahrrad-Distanz leben. Die Busse müssen öfter fahren, der Fahrplan muss in entlegenen Regionen aufgestockt werden. Durch den geringeren Individualverkehr können neue Busspuren geschaffen werden.

Der fahrscheinlose ÖPNV ist mit enormem Kostenaufwand verbunden, eine höhere Quersubventionierung ist dringend nötig. Doch es fallen auch Kosten weg: Die Instandhaltung der Straßen wird günstiger. Sowohl Automaten als auch die Kosten für Kontrolleure fallen weg. Verwaltungsaufwand, um Schwarzfahrern auf die Schliche zu kommen, ist passé.

Die Überlegungen des Bundes sind ein Zeichen, die Kommunen nicht mit ihren Problemen allein zu lassen, auch wenn sie vielleicht aus dem falschen Grund gemacht wurden: um die EU zu beruhigen. Selbst, wenn der Gratis-ÖPNV nicht kommt, kann Regensburg nur davon profitieren, sich in diese Diskussion einzumischen.

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