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Bildung

Wenn Schüler blaumachen

Notorische Schulschwänzer sind auch in Regensburg ein Problem. Oft stecken gravierende Ängste hinter dem Schulboykott.
Von Kathrin Robinson

Während ihre Mitschüler im Klassenzimmer büffeln, treiben sich Schulschwänzer oft in der Innenstadt oder in Einkaufszentren herum.Foto: Arno Burgi/dpa
Während ihre Mitschüler im Klassenzimmer büffeln, treiben sich Schulschwänzer oft in der Innenstadt oder in Einkaufszentren herum.Foto: Arno Burgi/dpa

Regensburg.Sie lungern in Einkaufszentren herum, hängen in der Fußgängerzone oder in den Parks der Innenstadt ab oder vertreiben sich die Zeit, indem sie in Elektronikmärkten an den Spielekonsolen zocken – dabei sollten sie eigentlich die Schulbank drücken. 283 Anzeigen gegen Schulschwänzer sind im vergangenen Jahr beim städtischen Schulamt in Regensburg erfolgt, 2016 wurden 228 Verstöße gegen die Schulpflicht beim Schulamt angezeigt. Eine Anzeige gegen notorische Schulschwänzer ist eines der letzten Mittel, zu dem Schulen greifen, wenn andere pädagogische und disziplinarische Maßnahmen nicht greifen. Sie kann zu einem Bußgeldbescheid bis zu 40 Euro pro Fehltag für Schüler führen. Wenn der Schulschwänzer noch minderjährig ist, müssen zusätzlich die Eltern wegen Verstoßes gegen die Erziehungspflichten ein Bußgeld von maximal bis zu 200 Euro zahlen.

Mit der Streife zur Schule

Den größten Anteil an den Schulschwänzern in Regensburg haben die Berufsschüler, auf die 2017 allein 209 Anzeigen entfielen, 2016 waren es 188. „Die Anzahl der Berufsschüler unter den Schulschwänzern ist sehr hoch“, bestätigt Daniel Schmid vom Schulamt. „Allerdings sind das ganz überwiegend nicht die klassischen Berufsschüler, sondern Schüler, die sogenannte JoA-Klassen besuchen, die also keinen Ausbildungsplatz haben.“ An zweiter Stelle in der Schulschwänzer-Statistik in Regensburg folgen Mittelschüler, dann Grundschüler. An Realschulen und Gymnasien kommt notorisches Schulschwänzen laut dem Schulamt nur sehr selten vor.

Auch die Polizei bekommt es immer mal wieder mit Schulschwänzern zu tun. Etwa, wenn Beamte im Rahmen eines Einsatzes auf Heranwachsende treffen, die eigentlich im Unterricht sein müssten. Oder aber, wenn Schulen um Unterstützung bitten. Denn wenn ein Schüler unentschuldigt fehlt und die Eltern nicht erreichbar sind, verständigen Schulen die Polizei, um nach dem Rechten zu sehen. „Meistens klären sich diese Fälle ganz leicht auf, weil jemand die Krankmeldung vergessen hat oder Ähnliches. Aber es kommt durchaus vor, dass wir auf Schulschwänzer treffen“, sagt Albert Brück, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. In Einzelfällen werden diese dann durchaus auch mal mit der Streife zur Schule gebracht. Im vergangenen Schuljahr 2016/2017 registrierte das Polizeipräsidium in Regensburg 24 Fälle, in denen Beamte mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatten, die den Unterricht schwänzten. Im Schuljahr davor waren es ebenfalls 24.

„Schulschwänzen hat viele Ursachen.“

Sieglinde Braek, Leiterin der Pestalozzi-Mittelschule

In der gängigen Vorstellung sind Schulschwänzer Schüler, die keine Lust haben aufs Lernen, die auf die Schule pfeifen und sich in ihrer Null-Bock-Mentalität auch noch selbst gefallen. Doch so einfach ist es nicht. „Schulschwänzen hat viele Ursachen“, sagt Sieglinde Braek, die Leiterin der Pestalozzi-Mittelschule in Regensburg. Dass Schüler gelegentlich blaumachen, mal wegen einer Prüfung daheim bleiben oder den Nachmittagsunterricht sausen lassen, komme immer mal wieder vor. „Problematisch wird es, wenn sich die Fehltage häufen und sich das ganze in Richtung Schulverweigerung entwickelt.“ Drei bis vier Fälle notorischer Schulschwänzer gibt es an ihrer Schule pro Jahr, schätzt Braek. Die Zahl sei über die Jahre konstant geblieben.

Zahlen und Fakten zum Thema Schulschwänzen fasst unser Video zusammen:

Zahlen und Fakten zu Schulschwänzern

Vermeidung statt Verweigerung

Mit Hilfe zweier Sozialarbeiterinnen versucht die Schule, Schulverweigerer zurückzugewinnen. Sie nehmen Kontakt zu den Eltern auf und versuchen den Gründen für das Fernbleiben der Schüler auf die Spur zu kommen. Unterstützt werden sie hierbei von der Spezialambulanz für Schulvermeider der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJP) in Regensburg, die es seit 2011 gibt. Ein spezialisiertes Behandlungsteam kümmert sich hier um betroffene Schüler.

Fehlen in der Schule sei ein zunehmendes Thema, sagt Dr. Stephanie Kandsperger, Leitende Oberärztin an der KJP, die in dem Zusammenhang aber betont, dass es sich meist eher um Schulvermeider statt um Schulverweigerer und Schulschwänzer handelt. Denn: „Meistens stecken Ängste dahinter, wenn Kinder oder Jugendliche nicht mehr in die Schule gehen.“ Trennungsängste, Probleme im familiären Bereich, Prüfungsängste, Überforderung oder Angst vor Mitschülern aufgrund von Mobbing-Erfahrungen – all das kann dazu führen, dass „blaumachen“ chronisch wird. Umso wichtiger ist es laut Kandsperger, dass Eltern und Lehrer sofort reagieren, wenn sich Fehltage häufen, damit Schüler schnell Hilfe bekommen und wieder Vertrauen in das System Schule gewinnen.

Vertrauen in die Schule gewinnen – das können Schüler in Regensburg, die aufgrund ihrer Ängste selbst wochen- oder monatelang keine Schule mehr besucht haben, auch in der Unterrichtsgruppe „Ich schaff das“ der Jakob-Muth-Schule. Hier wird versucht, betroffene Jugendliche der Klassen 8 bis 9 wieder an einen Schulalltag zu gewöhnen – langsam und schrittweise, in einer Lernwerkstatt mit individuellem Stundenplan, intensiver Betreuung und psychologischer Begleitung und ohne Sanktionen (Lesen Sie hier unsere Reportage.). Zehn Plätze gibt es in der Gruppe. Sie sind stets gut gefüllt.

Lesen Sie mehr zum Thema:

Was hilft gegen Schwänzen? Monika Schanderl von der Universität Regensburg erklärt im Interview, warum Bußgelder allein oft wenig bringen.

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