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Geschichte

Wie ein toter „Held“ zur Buchfigur wurde

Vor gut 100 Jahren starb der Eilsbrunner Bauer Johann Spies auf dem Schlachtfeld. Sein Enkel hat ihm ein Denkmal gesetzt.
Von Norbert Lösch

  • Johann Spies starb am 12. Juni 1917 an der Front in Belgien. Er wurde nur 38 Jahre alt. Foto: Privatarchiv Zierer
  • Auf einer Gedenktafel im belgischen Soldatenfriedhof Langemark fand Helmut Zierer den Namen seines Großvaters. Foto: Zierer
  • Helmut Zierer Foto: Lösch

Regensburg.Seinen Großvater hat Helmut Zierer nie kennengelernt. Der 76-Jährige weiß auch nicht, mit welchen Gefühlen der Eilsbrunner Kleinbauer Johann Spies damals in den „Großen Krieg“ gezogen ist. Was Zierer seit seiner Kindheit weiß: Sein Opa ist vom Schlachtfeld nicht mehr zurückgekommen. Am 12. Juni 1917 war Johann Spies gefallen – oder wie es in der verklärenden Sprache von damals hieß, „den Heldentod fürs Vaterland gestorben“. Was ihn in Krieg und Tod getrieben hat, arbeitete sein Enkel in einem Buch auf. Und auf das ist der gelernte Schriftsetzer und Hobby-Historiker Zierer mächtig stolz.

Zum 100. Todestag von Johann Spies und über die Nachforschungen seines Enkels hat unser Medienhaus eine Doppelseite veröffentlicht, auf der nicht nur das Schicksal eines von unzähligen Soldaten des Ersten Weltkriegs dargestellt ist, sondern auch der historische Kontext. Der Eilsbrunner war kein prominentes Opfer dieses unsäglichen Kriegs. Er war einer von vielen, die unbedarft und unkritisch gegenüber den Großmacht-Fantasien Deutschlands gegen Gegner ins Schlachtfeld gezogen sind, deren Heimat sie nicht gekannt haben und deren Namen sie nicht einmal korrekt hätten aussprechen können. Johann Spies hat sein Leben im Kampf um eine Zuckerfabrik gelassen, im fremden Belgien. Womöglich, so spekuliert Zierer, hat ihn eine Granate mit einem „Patent-Zeitzünder“ aus der deutschen Waffenschmiede Krupp zerrissen.

Bezug zur Heimat nie verloren

Der MZ-Artikel habe großen Anteil daran, dass er sein schon damals geplantes Buchprojekt tatsächlich durchgezogen habe, sagt Helmut Zierer. Er lebt schon seit Jahrzehnten in Fürstenfeldbruck, wo er sich sozial und politisch – unter anderem als Stadtrat für die SPD – engagierte. Den Bezug zum Dorf seiner Kindheit vor den Toren Regensburgs hat er aber nie verloren. Als er 2006 auf dem Massen-Friedhof Langemark in Belgien den Namen seines Opas suchte, hatte er eine Hand voll Eilsbrunner Heimaterde dabei.

Ende Mai 2016 machte sich Helmut Zierer zusammen mit seiner Frau Hildegard auf den Weg ins belgische Langemark. 44061 Soldaten ruhen in diesem Friedhof, darunter viele Namenlose. Den Namen seines Großvaters fand der Enkel auf einer riesigen Gedenktafel. „Es war ein ergreifendes Geburtstagsgeschenk für mich“, erinnert er sich an diese Szene.

Vor zwei Monaten hat er sein Buch „Ein ‚Bauernopfer’ für den Größenwahn des Kaisers“ veröffentlicht. Erschienen ist es in einer Erstauflage von 500 Exemplaren im Verlag Michael Laßleben Kallmünz (ISBN: 978-3-7847-1240-6, 14,90 Euro). Es ist mittlerweile auf den großen Online-Registern gelistet, in Büchereien und im Handel verfügbar und von Zeitungsredaktionen besprochen worden. Auch die Süddeutsche Zeitung plant eine Veröffentlichung.

„Die bisherigen Reaktionen haben mich total überrascht“, sagt Helmut Zierer. Dass sein Büchlein mit knapp 150 Seiten kein Standardwerk für den Geschichtsunterricht wird, ist ihm völlig bewusst. Die Verbindung einer traumatischen Familiengeschichte mit den wahnwitzigen Entwicklungen und Geisteshaltungen, die zum ersten Desaster des 20. Jahrhunderts führten, mögen für andere aber dennoch ein Anreiz sein, sich wie er selbst damit auseinanderzusetzen.

„Ich musste es einfach loswerden“, sagt er über seine Motivation, das Buch zu schreiben. „Geleitet vom Kriegsschicksal meines Großvaters, habe ich mich auf die Spuren eines Irrweges begeben, der Europa in Krieg, Tod und Verderben führte“, schreibt er im Vorwort, das schließlich auf dem Buchrücken gelandet ist.

Den Großvater rehabilitiert

Der Hinweis darauf, dass Rassismus, die Rüstungsindustrie und größenwahnsinnige Herrscher stets brandgefährlich sein können, wenn sie sich gegenseitig in die Hände spielen, ist ihm ebenso wichtig. Angetrieben hat ihn wohl auch die Erfahrung, dass er seinen Großvater jahrzehntelang falsch eingeschätzt hatte. Das Buch seines Enkels rehabilitiert ihn.

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