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Wie Facebook eine Autorin schuf

Die Regensburgerin Andrea Schmid verkauft Jacken bei Wellensteyn. Ein Chat in den Sozialen Medien veränderte ihr Leben.
Von Helmut Wanner

  • Andrea Schmid mit ihrem Erstlingswerk Foto: Schmid
  • Andrea Schmid auf der Steinernen Brücke Foto: Wanner

Regensburg.Ein Satz in einem Facebook-Chat stürzte Andrea Schmid ins größte Abenteuer ihres Lebens, einen Roman zu schreiben, den ersten. Im Grund war es nur diese eine Frage: „Darf ich dich Schatz nennen und so tun, als wären wir zusammen?“

Lenny, ihr Chat-Partner, ein todkranker Deutscher, wohnhaft im europäischen Ausland, verabschiedete sich mit dieser Bitte für länger ins Krankenhaus. Die Nachricht schmückte er mit einem blauen Tränen-Emotikon.

Das klang wie ein Romantitel

Das erregte die romantische Ader. „Ja freilich darfst du“, schrieb Andrea Schmid. Schlagartig stand bei der 55-Jährigen der Entschluss fest: „Ja, darf ich dich Schatz nennen, wird der Titel zu meinem Roman.“ Ihr Facebook-Freund willigte ein. „Ja, ok, mach das. Wenn du Namen, Alter und Ort veränderst, hab ich nichts dagegen.“ So entstand aus einem monatelangen authentischen Chatverlauf nahezu 1:1 der Buchtitel, der jetzt im Windsor-Verlag erschienen ist.

Darf Andrea Schmid das? „Wenn er seine Einwilligung in die Veröffentlichung intimer Sachverhalte gegeben hat, darf berichtet werden“, so die Kanzlei des Berliner Fachanwalts für Medienrecht, Johannes Weberling.

Seit drei Jahren ist die Verkäuferin bei Facebook und hat an die 500 Freunde. Irgendwann im März 2017 bekam Andrea Schmid von einem jungen Mann eine Freundschaftsanfrage, die sie akzeptierte. Er schrieb: „Habe MS, bin trotzdem geil.“ Der Facebook-Freund postete offen seine weiteren Krankheitsgeschichten. „Komme soeben vom Arzt. Es sieht so aus, als habe ich Hirntumor.“

Schmid wusste in diesem Moment nicht: Sagt der Facebook-Freund die Wahrheit? „Fake oder nicht, egal, dachte ich, jedenfalls wird ein schönes Buch daraus – aber dann rief mich die Botschaft an. Er sei zusammengebrochen und ich sei der einzige Mensch, der ihm nahesteht.“ Das zeigt uns ein erschütterndes Detail unserer Welt: Für kranke Menschen sind die sozialen Medien offenbar das einzige Fenster nach draußen. Dieser Facebook-Freund Lenny hat offensichtlich weder Eltern noch Verwandte. Andrea Schmid steht dagegen voll im Leben. Sie hat bei Modessa Moden gelernt, führte die Boutique Daisy. Tag für Tag steht sie auf dem Roten Teppich im Wellensteyn-Store, Tändlergasse. „Ich liebe meinen Beruf“, bekennt sie. Weil sie, wie sie sagt, ein Helfersyndrom bei sich spürte, begann Andrea Schmid einen bis Juni 2017 dauernden Facebook-Dialog mit dem Unbekannten, den ersten und einzigen. Sie erzählte darin auch viel aus ihrem eigenen Leben. Das half ihr, eigene Verletzungen in der Kindheit zu verarbeiten. An ihrem Geburtstag, dem 16. April, begann sie ihr Manuskript. „Ich setzte mich hin, nahm Kugelschreiber und ein Blatt Papier. Aber mein Freund sagte, was machst du da? Er hat mir auf dem Laptop einen Ordner eingerichtet. Er lautete: mein Buch. Er sagte, da tippst du jetzt rein. Die ersten 30 Seiten habe ich einfach runtergeschrieben in meinem Zack-Zack-Stil. Ich schreibe keine zehn Zeilen über ein Holzstöckchen. Sonst wäre mein Roman keine 80 Seiten, sondern doppelt so lang.“

Nach der Hälfte des Textes beginnt die reine Fantasie. Die Autorin setzt sich ins Flugzeug und macht sich auf den Weg zu ihrem Lenny, nach Paris. Sie trifft dort David und verliebt sich aufgrund einer Verwechslung am Flughafen in ihn. „Mein Freund brachte mich auf die Idee. Fahr hin, fang eine Affäre an, das wollen die Leute lesen.“ Und den Schlusssatz setzte ihr Sohn Dominik fest. „Darf ich dich Schatz nennen und so tun als wären wir zusammen?“

Dieser Roman, so könnte man jetzt einwenden, sei ein Beispiel für das Zeitalter der Amateure, das uns in allen Bereichen Phänomene beschert, sogar einen Donald Trump im Weißen Haus. Da kann allerdings ein Buch nicht so viel Schaden anrichten. Sehen wir es positiv: Autoren wie Andrea Schmid sind ein Beweis für die Demokratisierung der Kultur im digitalen Zeitalter. Früher saßen die Leute mit ihren traumatischen Kriegserlebnissen im Wirtshaus und sagten, was ich erlebt habe, darüber könnte ich einen Roman schreiben. Heute erleben die Menschen im richtigen Leben wenig Drama, aber sie stürzen sich ins Abenteuer. Sie trauen sich und schreiben ihn, diesen Roman ihres Lebens.

Lesen erst auf dem Sterbebett

Eine kritische Öffentlichkeit braucht sie nicht zu fürchten. Andrea Schmid lässt die Facebook-Gemeinde teilhaben. „Eine Romanze, die niemals enden wird und dennoch, sie hat nie begonnen.“ Texthäppchen wie diese werden von der Gemeinde geradezu gefressen. „Weltklasse!“ „Ein Meisterwerk!“ Der ehemalige Regensburger Reinhard Hoeglmeier, Ex-Sänger der Gruppe Wind, applaudierte sogar aus Amerika. In den 70er-Jahren war Andrea Schmid in einem Songwettbewerb im Riverboat nur zwei Punkte hinter ihm gelandet, seitdem kennen sie sich. Andrea Schmid bekennt: „Ich war noch niemals in Paris.“ Sie ist ein schreiberisches Naturtalent. „Ich habe in meinem Leben keine zehn Bücher gelesen. Dazu bin ich viel zu quirlig.“

Lenny will das Buch angeblich auch lesen, aber erst auf seinem Sterbebettt.

Die magische Brücke

  • Verkehrsweg:

    Jeden Tag überquert Andrea Schmid die Steinerne Brücke, wenn sie von ihrer Wohnung in Steinweg in die Arbeit am Neupfarrplatz geht. Das mittelalterliche Bauwerk habe ihr im Leben schon manchen Wunsch erfüllt.

  • Wunsch:

    Ihr größter Wunsch war es, einen Verlag für ihren Roman zu finden, um andere Menschen glücklich zu machen. Der Windsor-Verlag druckte die erste Auflage und muss demnächst nachdrucken lassen. Fortsetzung folgt.

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