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Würstl-Toni: Favorit sagt ab

An Neujahr 2017 schloss der Kultimbiss. Die Stadt Regensburg will den Standort neu belegen – nun ist der Versuch gescheitert.
Von Julia Ried

Wo früher der Würstl-Toni seine Bude hatte, ist jetzt ein beliebter Platz zum Rasten. Foto: Ried
Wo früher der Würstl-Toni seine Bude hatte, ist jetzt ein beliebter Platz zum Rasten. Foto: Ried

Regensburg.Seit Juli 2017 hat die Stadt Regensburg versucht, wieder eine Würstlbude an den Kornmarkt zu holen – in der Tradition des jahrzehntelang dort ansässigen Kultimbisses Würstl-Toni. Nun ist die Vergabe gescheitert, wie Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra auf Nachfrage der Mittelbayerischen bestätigt. Der Favorit der Stadt ist ausgestiegen. Dabei handelt es sich um Wilhelm Reisinger junior. Seine Familie verkauft schon seit den 1940er-Jahren in Regensburg Würstl. Er betreibt einen Stand auf dem Neupfarrplatz.

Wie es nun weitergehe, sei offen, erklärt von Roenne-Styra: „Es muss zeitnah entschieden werden, ob und wie das Auswahlverfahren wiederholt werden soll.“ Dies werde nach den Pfingstferien geschehen, wenn die Zuständigen aus dem Urlaub zurück sind. Im Januar hatte von Roenne-Styra versichert: Zeitnah solle entschieden werden, wer dort einen Würstlstand betreiben darf. Geführt hatte den Würstl-Toni die letzten 20 Jahre lang Erika Schmidl, zuletzt mit der Unterstützung ihres Ex-Manns Anton Erl.

Angebot zurückgezogen

Wilhelm Reisinger jun (hier mit seiner Mutter Theresia Reisinger) verkörpert die vierte Generation der Familie Schmidl/Reisinger, einer „Dynastie“, die seit den 40er-Jahren in Regensburg Würstl verkauft. Seine Bewerbung für den Stand am Kornmarkt hat er zurückgezogen. Foto: Matthes
Wilhelm Reisinger jun (hier mit seiner Mutter Theresia Reisinger) verkörpert die vierte Generation der Familie Schmidl/Reisinger, einer „Dynastie“, die seit den 40er-Jahren in Regensburg Würstl verkauft. Seine Bewerbung für den Stand am Kornmarkt hat er zurückgezogen. Foto: Matthes

Wilhelm Reisinger (48) erläuterte im Gespräch mit der Mittelbayerischen die Gründe für seinen Rückzug. „Vom Herzen her“ habe er sich den Stand am Kornmarkt gewünscht. Seine Mutter ist die Schwester von Erika Schmidl; er hätte damit die Tradition seiner Tante und seines Onkels fortgesetzt. Doch gesiegt habe jetzt die Vernunft. „Es ist betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll.“ Die Konkurrenz für ihn wäre am Kornmarkt groß. Er komme auf elf Mitbewerber auf einer Strecke, die innerhalb von zwei Minuten zurückzulegen sei – vom geplanten Imbiss am Dachauplatz über die zwei Vinzenz-Murr-Filialen und drei Dönerläden bis zum kommenden Burger-Laden in der Schwarze-Bären-Straße. Außerdem gelte: „Die Maxstraße ist als Zubringer für Kunden nicht wirklich attraktiv. Das wird sich so schnell nicht ändern.“

Monatelang habe sich die Stadt noch um ihn bemüht, bis in den Mai. „Das hat mich sehr gefreut.“ Doch seine Entscheidung sei definitiv. „Ich sehe da einfach den Umsatz nicht.“

Unter der Überschrift „Erteilung einer Sondernutzungserlaubnis zur Errichtung und zum Betrieb eines Imbissstandes, vormals ,Würstl-Toni‘“, hatte die Stadt die Nachfolge in ihrem Amtsblatt von Montag, 24. Juli 2017, ausgeschrieben. „Die Angebote sollten traditionelle bayerische Gerichte/Würstel mit regionalem Bezug abdecken“, hieß es darin wörtlich. Am Neujahrsmorgen 2017 hatten Schmidl und Erl ihren Kunden zuletzt Knacker am Kornmarkt serviert.

Ein Video zur Würstl-Dynastie auf dem Neupfarrplatz sehen Sie hier.

Die "Würstldynastie" auf dem Neupfarrplatz

Sehnsucht nach der Würstlbude

Vermisst wird der Würstl-Toni immer noch, zeigt eine mittägliche Umfrage der Mittelbayerischen an einem Mittag auf dem Kornmarkt. Der 36-jährige Marc Hiller isst gerade auf einer Bank, wie sie jetzt auch auf dem ehemaligen Standort der Würstlbude steht, Mitgebrachtes aus der Kunststoffdose. „Auf jeden Fall“ wünsche er sich wieder einen solchen Imbiss hier. „Das war eine Institution in Regensburg, sei es beim Weggehen oder in der Mittagspause.“ Straßenkehrer Robert Frankl (58) sagt: „Eine Würstlbude wurde schon hergehören.“ Er war Kunde bei Erika Schmidl, kaufte sich „in der Früh mal einen Kaffee“, gerade im Winter, oder auch einmal eine Knackersemmel. Bierfahrer Martin Kraus (26), der gerade auslädt, sagt: „Mir ist es praktisch wurscht.“ Es gebe genug Imbissbuden. Das finden Christina Schlachtbauer (28) und Wolfram Achatz (35), die in ihrer Mittagspause für eine Knackersemmel bei Wilhelm Reisinger auf dem Neupfarrplatz auf dem Kornmarkt geparkt haben, zwar nicht. Doch ein zusätzlicher Wurstbrater sollte sich „eher mehr außerhalb“ ansiedeln, sagt Christina Schlachtbauer, damit er gut mit dem Auto anzufahren ist.

Anton Erl, sein Sohn Markus und Imbissbetreiberin Erika Schmidl nahmen an Silvester und Neujahr 2016/2017 von ihren Gästen Abschied. Foto: Steffen
Anton Erl, sein Sohn Markus und Imbissbetreiberin Erika Schmidl nahmen an Silvester und Neujahr 2016/2017 von ihren Gästen Abschied. Foto: Steffen

Reisinger selbst hat den Trubel um die Schließung der Bude seiner Tante, gerade im Internet, mit Skepsis verfolgt. Schließlich habe seine Tante den Imbiss aufgegeben, weil zu wenige Kunden gekommen seien. „100 Semmeln am Tag sind zu wenig.“ Von Facebook-Einträgen könne niemand leben. Allein die Sondernutzungsgebühr beträgt etwa 1000 Euro im Monat, sagt Erika Schmidl (65), die von morgens um fünf bis mindestens um 17 Uhr nachmittags am Kornmarkt Würstl briet. Sie denkt gern zurück an diese Zeit. „Sie gangad glei wieder rein“, sagt Anton Erl (66), mit dem sie wieder zusammenlebt, scherzhaft. „Wenn a bissl mehr übrigbleiben würde“, hätte sie weitergemacht, sagt sie. Dass sich wieder jemand dort ansiedelt, hält sie jetzt, viele Monate nach ihrem Abzug, für „ganz ganz schwierig“.

Die Wurstbrater-Dynastie

  • Die Gründer: Heinrich und Theresia Schmidl eröffnen 1946 einen Stand am Kornmarkt/Herzogshof, wo sie in Wasser erhitzte Würste anbieten. Seit 1953 verkauft Familie Schmidl Wurstspezialitäten am Christkindlmarkt.

  • Zweite Generation:

    Als Heinrich Schmidl 1962 stirbt, übernimmt der Junior den Stand am Kornmarkt. Auch Tochter Theresia packt ab 1964 mit an. In den 70er Jahren errichtet Heinrich Schmidl jun. einen neuen Stand am Nordende des Kornmarkts.

  • Der „Würstl-Toni“:

    Heinrich Schmidls Tochter Erika übernimmt in den 80er-Jahren mit ihrem Mann Toni Erl diesen Imbiss. Theresia Reisinger macht sich zu dieser Zeit vor allem mit dem Stand auf dem Christkindlmarkt einen Namen, den sie seit 1982 leitet.

  • Vierte Generation:

    Als Theresia Reisinger der Stand auf dem Neu-pfarrplatz 2011 zu viel wird, übernimmt ihn ihr Sohn Wilhelm Reisinger.

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