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Soziales

1000 Regensburger helfen Notleidenden

Seenotretter Michael Buschheuer überwältigt die Großzügigkeit. In Griechenland leben Flüchtlinge in prekären Verhältnissen.
Von Marion Koller

Die ersten Container sind voll: Michael Buschheuer strahlt. Auch sein Sohn Michael (5) hilft schon mit. Foto: Koller
Die ersten Container sind voll: Michael Buschheuer strahlt. Auch sein Sohn Michael (5) hilft schon mit. Foto: Koller

Regensburg.Im Hof der Firma Buschheuer in der Wienerstraße herrscht eine Geschäftigkeit wie im Taubenschlag. Ein Auto nach dem anderen rollt vor den offenen Container. Frauen, Männer und ganze Familien steigen aus. In Tüten und Paketen liefern sie Winterkleidung und Hygieneartikel für die Geflüchteten an, die in überfüllten Lagern auf Samos, Kos und Lesbos festsitzen. Der Regensburger Thomas Höning (55) legt einen Schlafsack in den Container.

Gibt gerne: Thomas Höning lädt Schlafsack und Winterjacken ein.  Foto: Koller
Gibt gerne: Thomas Höning lädt Schlafsack und Winterjacken ein. Foto: Koller

Er engagiert sich, „weil wir selbst genug haben und ich gerne etwas abgebe“. Renate Raab-Postler (51) und Anja Matschiner (53) kommen aus Schwandorf. Raab-Postler wirkt dort seit fünf Jahren in der Flüchtlingshilfe mit. Sie hat selbst im Ausland gelebt und weiß, wie es ist, „niemanden zu haben“. Die Katholikin sagt: „Es kann nicht sein, dass ich in die Kirche gehe und nichts Gutes tue.“

Michael Buschheuer, Gründer des Vereins Sea-Eye und Chef einer Korrosionsschutzfirma, beobachtet das Treiben von seinem Büro im ersten Stock aus mit einem zufriedenen Lächeln. Er konnte kurz vor Weihnachten die katastrophalen Zustände in den überfüllten griechischen Lagern nicht mehr ertragen und startete die „Nothilfe für Samos“. Die Resonanz hat den 42-Jährigen überrascht und überwältigt. Rund 1000 Regensburger helfen mit.

Buschheuer mit Sohn Michael im Büro seiner Korrosionsschutz-Firma Foto: Koller
Buschheuer mit Sohn Michael im Büro seiner Korrosionsschutz-Firma Foto: Koller

Bis heute haben Regensburg und die Region rund 70 Tonnen Hilfsgüter gespendet. Diese werden mit Lastwagen auf die Inseln Samos, Kos und Lesbos gebracht. Der erste hat das Unternehmen am Hafen am Donnerstag verlassen.

Etwa 60 000 Euro sind auf dem Spendenkonto von Space-Eye, dem neuen Verein von Buschheuer, eingegangen. Damit finanziert der Unternehmer die kostspieligen Brummifahrten. Er muss Lastwagen und Kran mieten, Fahrer und Fähren bezahlen. Fürs Mieten einer Zugmaschine bezahlt er 2300 Euro, eine einfache Fährfahrt von Ancona nach Patras verschlingt mehr als 1300 Euro. Vor Ort, in Griechenland, werden weitere Hilfsgüter für die Geflüchteten gekauft.

Scharfe Kritik an der EU

Sie schlafen zum Teil auf Schotterböden, hausen in notdürftig zusammengenagelten Holzgestellen, die nur durch Planen abgedeckt sind. Michael Buschheuer klickt auf eine Griechenlandkarte auf seinem Bildschirm. „In Kos leben 19 000 Leute in und um ein Lager, in dem eigentlich nur 2800 unterkommen sollten.“

„Ich helfe, weil es uns so gut geht und den anderen so dreckig.“

Doris Adam

Als Nothilfe vor allem für die Kinder holt Space-Eye nun Familien aus dem Elend und mietet Wohnungen auf der Insel. „In nassen und kalten Zelten ohne Strom und Heizung überwintern zu müssen, ist menschenunwürdig. Wir müssen das ändern“, betont Buschheuer. Bei der Beschaffung und Vergabe der Wohnungen greift Space-Eye auf die Hilfe der Regenstaufer Nichtregierungsorganisation flying help e.V. zurück. Sie arbeitet auf Kos.

Im Video sehen Sie Helfer bei der Arbeit

Die Hilfsgüter für Samos werden verpackt. Video:MZ

Die Untätigkeit der Europäischen Union kritisiert Buschheuer scharf. „Die Lager werden bewusst so schlecht gehalten, damit sie abschrecken.“ Der Unternehmer fordert: „Die Politik sollte eine europäische Lösung für die Verteilung der Flüchtlinge finden.“

Keine Wichtigtuer dabei

Von den Regensburgern dagegen schwärmt er. Die Spenden liefen zunächst zögerlich an. Als Buschheuer mit seiner Frau Hannelore und den drei Kindern den Weihnachtsurlaub in Prag verbrachte, stapelten sich die Spendenpakete im Firmenhof. „In unserer Abwesenheit ist das explodiert“, sagt er. „Dann haben sich die Helfer selbst organisiert, alles sortiert und eingepackt. Das nenne ich Schwarmintelligenz.“ Die Domstädter seien engagiert und kompetent. „Es gibt hier keine Wichtigtuer, keine blöde Quatscherei. Die kommen und packen an, sind aber nicht blauäugig.“

Doris Adam und Kathrin Martens beim Verpacken Foto: Koller
Doris Adam und Kathrin Martens beim Verpacken Foto: Koller

Viel Arbeit machen das Sortieren und Verpacken der Hilfsgüter. Das hat Space-Eye in eine leerstehende Hafenhalle ausgelagert. Dort türmen sich die Pakete. Carmen Schirrmacher-Spathas, Doris Adam, Kathrin Martens und Roland Preußl kleben die Pakete zu. Schirrmacher-Spathas erzählt von ihrem Athener Schwiegervater. Der sage, dass die Regierung die Geflüchteten ausbluten lässt. Die 49-Jährige, die im Kolpingbildungswerk mit Jugendlichen arbeitet, ist überzeugt: „Man muss aufstehen und etwas tun. Die Welt lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“ Preußl, geschäftsführender Bildungsreferent der Katholischen Erwachsenenbildung, nutzt seine Facebook-Kontakte, um auf die Aktion aufmerksam zu machen. Der 38-Jährige packt aus Nächstenliebe mit an.

Satelliten-Auge auf das Meer vor Libyen

  • Space-Eye:

    Das Projekt, an dem Michael Buschheuer und seine Ehrenamtlichen seit einigen Monaten arbeiten, hat zum Ziel, via Satellitenbilder das betroffene Seegebiet vor Libyen zu überwachen und – im besten Fall – Nothilfe herbeizurufen. Auch vermutete Menschenrechtsverletzungen auf hoher See wollen sie auf diese Weise recherchieren und zur Anklage bringen. Darüber hinaus arbeitet Space-Eye an der Dokumentation von Flucht, Vertreibung und Rettung. Fluchtschicksale sollen aufgeklärt werden, die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer soll Namen und Gesichter erhalten. Nichts soll in Vergessenheit geraten.

  • Seenotrettung:

    Mit dem Verein Sea-Eye haben Buschheuer und Unterstützer 14 000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt.

  • Sachspenden:

    Benötigt werden wetterfeste Winterkleidung wie Jacken und Skihosen, Schlafsäcke, Decken, Hygieneartikel. Anlieferung: Wienerstraße 14

  • Spendenkonto:

    Buschheuer ruft weiterhin zu Spenden auf. Die Kontodaten bei der Volksbank Raiffeisenbank Regensburg-Schwandorf eG lauten: DE53 7509 0000 0001 0491 51, GENODEF1R01. Die Spende ist steuerlich absetzbar. Alle Rückfragen beantwortet Hans-Peter Buschheuer unter 0171 / 3621390.

Dem ersten Lastwagen sollen weitere folgen. Michael Buschheuer und Space-Eye sammeln auch künftig. Von Organisationen wie flying help, Attika Human support und Refugees 4 Refugees weiß er, was die Geflüchteten brauchen. Derweil erfindet sich die Familie Buschheuer neu. „Wir haben mehr Arbeit, sind aber auch dankbar, selbst so ein Projekt zu stemmen“, sagt der Unternehmer. Seine Frau organisiert das Programm „Neustart im Team“ mit, das Geflüchteten eine Bleibe in Regensburg und eine zweijährige Betreuung offeriert. Die Caritas begleitet das EU-Projekt.

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