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90 und fit wie ein Turnschuh: Alois Pindl

Einen wie ihn muss man mit der Laterne suchen: Alois Pindl, Unikat aus den Gründerjahren, feiert heute Geburtstag.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Franzl Ostermeier kniet ganz vorne: Pindl-Privataudienz bei Papst Pius XII. im Jahre 1952. Alois Pindl steht links vom Pacelli-Papst.
  • Alois Pindl, Gründervater. Er feiert 60 Jahre Pindl-Schulen und 90. Geburtstag. Foto: Wanner

Regensburg. Der Vater der Pindl-Schulen beim Heiligen Vater: Der Papst in weiß wirkt wie entrückt. Pius XII blickt himmelwärts. Erst Alois Pindl, im hellen Zweireiher links von ihm, erdet das Bild. Er fixiert den Fotografen. Ihre Heiligkeit in Rom, die damals noch im „Pluralis Majestatis“ von sich sprachen, gaben im Vatikan eine „audienza speciale“ für die Regensburger Privatschule. Vier Lehrer, ein Pallotiner-Pater, die Schüler – ein schönes Dokument einer privaten Begegnung mit dem Unnahbaren. Aber das, was an persönlicher Organisationskraft hinter diesem Foto aus dem Jahre 1952 steckt, sieht man nicht.

Pindl fuhr mit dem Motorrad über den Brenner – seinen Schulleiter, Dr. Otto Pollitzer, hinten drauf – um die Schulreise persönlich vorzubereiten. Die Privataudienz war eine so sensationelle Leistung für eine noch unbekannte Schule im Aufbau, dass hernach Bischof Michael Buchberger von Alois Pindl persönlichen Bericht wünschte, wie er das zuwege gebracht habe. Die Pindlschulen waren halb so alt wie die drei Pindl-Schüler, die vor Papst Pius XII. knien und fromm die Hände falten. Der vordere ist der Ostermeier Franzl, Spross des populärsten Nahrungsmittel-Industriellen im Regensburg der Fresswelle. 1964 verunglückte der einzige Ostermeier-Sohn 26-jährig in seinem Porsche zwischen Hemau und Hohenschambach tödlich.

Mit den Augen von uns Heutigen betrachtet, wirkt das Bild aus dem Privatbesitz des Vaters der Pindl-Schulen wie aus einer anderen Welt. Der kleine innere Schock, den das besondere Zeitdokument beim Betrachter auslöst, unterstreicht die gewaltige Zeit-Spanne, die Alois Pindls Leben überbrückt. Der am 17. Juni 1920 in Regensburg Geborene hat acht Päpste erlebt und sieben bereits überlebt. Einen wie ihn, muss man heute mit der Laterne suchen.

Das Unikat aus der Aufbau-Generation der Nachkriegs-Wirtschaftswunderjahre sitzt noch kerzengerade im Sattel. Seine Augen strahlen Energie aus. Mit seinem 90. Geburtstag, den Alois Pindl heute mit 220 geladenen Gästen im Glashaus in Bad Abbach feiert, will er zumindest gedanklich einen Schalter umlegen. Er denkt das Wort „Ruhestand“. Sein Rhythmus bleibt weiterhin unverändert. Punkt 6 Uhr aufstehen und ins Schwimmbad. Vorm Zubettgehen Sportprogramm und Yoga. Dazwischen Arbeit. Aber er will nicht mehr unbedingt täglich pünktlich um 7 Uhr im Büro sein und abends spät rausgehen. „Ich muss anfangen, mich daran zu gewöhnen, mir etwas mehr vom Leben zu gönnen“, formuliert er vorsichtig seine Einstellungsänderung im neuen Lebensabschnitt. „Schlafen, aufstehen, Büro: Mein Leben war 60 Jahre mit Arbeit erfüllt. Ich habe ja die Schule nicht nur gegründet und mich danach wie der liebe Gott zufrieden zurückgelehnt. Ich habe die Schule weiterentwickelt. Die Schulleiter haben Schule gemacht: Aber die Organisation, das war ich. Den Rahmen, den habe ich gebaut.“

Aus dem, was er hatte, hat er immer das Beste gemacht. Er war das letzte von neun Kindern seiner Eltern Josef und Franziska. „Der Zammagschorte“, so nennt er sich selbstironisch wegen seiner Körpergröße. Aber „ich bin explosiv, impulsiv und immer auf der Bühne“. Drei Jahre war er in Russland. Im zweiten Jahr saß er bereits im Gefechtsbus und schrieb Beurteilungen für die Offiziere. In englischer Gefangenschaft machte er die Entlassungen. Im Frieden griff Alois Pindl 1946 nach dem nächst Möglichen, um vorwärtszukommen. Es war eine offene Stelle beim Deutschen Gewerkschaftsbund, Sparte Berufsorientierung. „Alles lag darnieder, alles war arbeitslos.“ Da gab es keine persönlichen Träume zu verwirklichen und man hatte keine Alternativen. Das Büro war in der Wollwirkergasse. Nach einem Jahr hatte Pindl bereits dessen Leiter abgelöst, baute mit 125 Lehrern das DGB-Angebot in Niederbayern und der Oberpfalz aus.

Als die Gewerkschaft nach der Währungsreform die Tätigkeit aufgab, hatte Alois Pindl die Idee, ein eigenes Fortbildungsunternehmen aufzumachen. Er bot Lehrgänge an für Sekretärinnen, Bilanzbuchhalter, Fremdsprachen, Steno- und Schreibmaschinenkursen sowie Sonderlehrgänge für Heimkehrer. Er sagt: „Ich gab Kurse in jedem Loch. Sogar in der Gaststätte Motorboot.“ Die Raumnot machte ihn erfinderisch. Die Kreuzschänke war abends im Nebenzimmer Pindl. In der Kirche der Adventisten in der Trothengasse stellte er Klapptische auf und unterrichtete, wenn kein Gottesdienst war. Auch die Werbung machte sich Pindl selbst: „Ich habe 16 Stunden unterrichtet und nachts die Plakate geklebt. Mit einer 250er DKW bin ich rum. Vorne hatte ich den Leimkübel drauf. In Straubing bekam ich eine Anzeige wegen wilden Plakatierens.“

Das Turmzimmer im ehemaligen „Frühlingsgarten“ am Platz der Einheit. ist seine Zentrale. Von hier aus leitete Pindl den gemeinnützigen Schulverein. Alois Pindl hat mit Architekt Karl Bauer und einer eigenen Baufirma die Realschule errichtet. So wurde die Schule um 40 Prozent billiger.

Studiendirektorin Barbara Neumann-Grziwok leitet das Pindl-Gymnasium in dem Raum, wo sie geboren wurde. Alois Pindl hat die ehemalige Kinderklinik der Blauen Schwestern für zweieinhalb Millionen Mark gekauft und ging damals, wie er bekennt, „ungeheure Risiken“ ein. „Meine Frau sagte, jetzt hast du unser Leben zerstört. Ich antwortete ihr: Ich mach das schon.“ Heute befindet sich an diesem Platz das Pindl-Gymnasium. In Passau landete er einen Coup, der ihn besonders freut. Er nutzte die innerkirchlichen Streitigkeiten zwischen einem Priester aus Linz und dem Ordinariat. „Der ganze Domplatz gehört der Kirche. Nur mein Haus nicht.“

Alois Pindl ist katholisch, aber nicht bigott. Er weiß, wo er sich zu bedanken hat. Zuhause hat er noch die Stiefeln des Kameraden, der im Schützengraben auf ihm lag und ihn dadurch schützte. Pindl überlebte. Anlässlich der Feiern von 60 Jahre Pindl-Schulen sprach er den Dank auch öffentlich aus. „Ich danke unserem Herrgott, dass er mich auf meinem Weg begleitet und mir Mut und Tatkraft für ein gutes Gelingen meiner Tätigkeit gegeben hat.“

Gottvertrauen, Yoga und sein streng rhythmisiertes Leben haben den Senior der Pindl-Schulen kalendarisch mehr altern lassen als biologisch. Er kann auch für die nächste Zeit jeden Tag sagen, wo er sein wird. Montag bis Mittwoch regelt er die Geschäfte in Regensburg. Donnerstag früh nimmt er die Post mit nach Straubing und führt Organisationsgespräche. Am Abend fährt er nach Passau weiter. An der dortigen Wirtschaftsschule verbringt er den Freitag. Er übernachtet am Wochenende in seinem Haus in Österreich. Das wird auch so bleiben, wenn der Schulverein im Juli in eine GmbH übergeht. Alois Pindl wird Gesellschafter sein und zeitweise den Vorsitz übernehmen. So stellt sich Alois Pindl mit 90 Jahren seinen Ruhestand vor. Träume hat er. Er will sich ein kleineres Auto kaufen: „Den Audi Q5 habe ich schon Probe gefahren.“ Und er denkt an eine Weltreise. „Ich will etwas von der Welt sehen. Den Rest lass ich auf mich zukommen.“

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