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Erinnerung

Acht neue Stolpersteine werden verlegt

Mit der Aktion will der Regensburger Arbeitskreis auf die Krankenmorde während der NS-Zeit aufmerksam machen.
Von Angelika Lukesch

Heinrich Lutterbach war Geiger im Orchester des Stadttheaters Regensburg. Er wurde von den Nazis verhaftet, weil er Zeuge Jehovas war. Foto: Archiv
Heinrich Lutterbach war Geiger im Orchester des Stadttheaters Regensburg. Er wurde von den Nazis verhaftet, weil er Zeuge Jehovas war. Foto: Archiv

Regensburg.Die systematische Judenverfolgung im Dritten Reich ist hinlänglich bekannt. Die Nationalsozialisten hatten mit ihrer Tötungsmaschinerie jedoch auch Menschen mit Behinderung (psychisch und physisch) im Visier, Zeugen Jehovas, auch Sinti und Roma im Visier.

Es ist kaum bekannt, wie systematisch die Nationalsozialisten gegen Kranke vorgingen und diese ab 1933 durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das eine zwangsweise Sterilisation ermöglichte, quälte und ab Oktober 1939 ermordete. Hitler hatte zu diesem Zeitpunkt eine Ermächtigung herausgegeben, die „unheilbar Kranken“ den „Gnadentod gewährt“.

Gutachter entschieden über Leben und Tod

 Mitglied des Orchester des Stadttheaters Regensburg, wurde 1936 im Alter von 27 Jahren verhaftet, weil er der von den Nazis verbotenen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte. Lutterbach überlebte neun Jahre in den KZ Dachau, Mauthausen und Gusen.
Mitglied des Orchester des Stadttheaters Regensburg, wurde 1936 im Alter von 27 Jahren verhaftet, weil er der von den Nazis verbotenen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte. Lutterbach überlebte neun Jahre in den KZ Dachau, Mauthausen und Gusen.

„Die Behörde, die all diese Morde und die damit verbundenen Vorgänge organisieren sollte, lag in Berlin in der Tiergartenstraße 4, was dieser Aktion den Namen „T4-Aktion“ gab. Es gab dort sogenannte Gutachter, die über Leben und Tod entscheiden sollten, was anhand sehr einfacher Fragebögen in knapper Zeit geschah, ohne Kenntnisse der betreffenden Personen oder ihres Lebens- und Krankheitsweges. Es wurde einfach eine Zahl vorgegeben: zunächst seien 70 000 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung zu ermorden“, schildert Ulrich Fritsch vom Arbeitskreis Stolpersteine Regensburg.

241 Steine sind bereits verlegt

Dieser Arbeitskreis (AK) Stolpersteine im Evangelischen Bildungswerk erinnert mit der Verlegung von „Stolpersteinen“ (Pflastersteinen aus Messing, die mit den Lebensdaten des Menschen versehen sind) an Menschen, die im Zuge der Judenverfolgung im Dritten Reich von den Nazis ermordet wurden. 241 Steine wurden im Laufe von zwölf Jahren bisher verlegt.

Ulrich Fritsch vom AK Stolpersteine appelliert an die Regensburger, Opfer von Krankenmorden beim Arbeitskreis zu melden. Der AK sucht auch dringend neue Mitarbeiter. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.  Foto: Angelika Lukesch
Ulrich Fritsch vom AK Stolpersteine appelliert an die Regensburger, Opfer von Krankenmorden beim Arbeitskreis zu melden. Der AK sucht auch dringend neue Mitarbeiter. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Foto: Angelika Lukesch

Nun legt der AK seinen Fokus auch auf die von den Nazis ermordeten Kranken, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung und will auch an sie erinnern. Diese Menschen wurden ab 1939 von den Nazis aus den „Heilanstalten“ in zentrale Tötungsanstalten transportiert. Dort wurden sie noch am selben Tag durch Gas ermordet. Von Regensburg aus wurden 640 Patienten zur Tötungsanstalt nach Hartheim bei Linz transportiert. 248 Menschen davon waren aus anderen Heil- und Pflegeanstalten eingesammelt. 357 Personen stammten aus Regensburg.

70 000 Menschen wurden Opfer

Erst die Predigt des Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen im Oktober 1941, in der er die Ermordung von Kranken in einer Predigt anprangerte, veranlasste die Nationalsozialisten, die Abtransporte der Kranken und ihre Ermordung zu beenden – zumindest offiziell. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 70000 Menschen den Krankenmorden zum Opfer gefallen. Die Tötungsmaschinerie lief indes im Geheimen fort. Kranke und als aufsässig empfundene Häftlinge der Konzentrationslager wurden ermordet.

Das KZ Mauthausen war das größte deutsche Konzentrationslager auf dem Gebiet Österreichs. Es bestand von 1938 bis zu seiner Befreiung am 5. Mai 1945. Rund 200 000 Menschen wurden dort inhaftiert, mehr als die Hälfte davon kam ums Leben. Das Bild zeigt die Befreiung.
Das KZ Mauthausen war das größte deutsche Konzentrationslager auf dem Gebiet Österreichs. Es bestand von 1938 bis zu seiner Befreiung am 5. Mai 1945. Rund 200 000 Menschen wurden dort inhaftiert, mehr als die Hälfte davon kam ums Leben. Das Bild zeigt die Befreiung.

Der sogenannte „Hungererlass“ des bayerischen Innenministers 1942 schrieb vor, die Kranken durch fettlose Nahrung (gekochtes Gemüse) verhungern zu lassen. Der Tod innerhalb von drei Monaten war das Ziel. „Andere wurden durch überdosierte Medikamente ermordet“, sagt Fritsch. Im Deutschland dieser Jahre fielen 200000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung den Krankenmorden zum Opfer, darunter mehr als 5000 Kinder.

Der AK Stolpersteine Regensburg befasst sich intensiv mit den Krankenmorden. Es sei jedoch manchmal schwierig, sagt Fritsch, die Nachkommen dazu zu bewegen, für den ermordeten kranken Familienangehörigen eine sichtbare Erinnerung zu setzen. „In vielen Fällen wird die Existenz eines behinderten Familienmitglieds auch heute noch als Tabu gesehen, man möchte nicht darüber sprechen. So als ob durch sie ein Schatten auf die Familie fallen würde… Allmählich setzt sich die Akzeptanz von körperlich behinderten Menschen in der Gesellschaft durch. Dasselbe muss für Menschen mit geistiger Behinderung gelten.“

Stolpersteinverlegung

Am 8. Oktober ab 9.30 Uhr (Treffpunkt vor dem Haus der Bayerischen Geschichte) werden acht neue Stolpersteine verlegt und vier Steine wieder eingesetzt. Ein Stein erinnert an früheren ersten Geiger des Theaters Regensburg, Heinrich Lutterbach, der wegen seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas verhaftet wurde.

Danach werden Steine für Katharina Hübel (Hunnenplatz 5), Hermann Rehbach (Margaretenstraße 7), Alois Hartl (Portnergasse 7), Ludwig Kiergassner (Haaggasse 13) und Otto Forster (Gumpelzhaimerstraße 5) verlegt. Sie alle starben durch Krankenmord. Außerdem werden am Brixener Hof 2 Steine für das jüdische Ehepaar Moritz und Sara Hartmann verlegt sowie vier Steine wieder eingesetzt.

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