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Medizin

Ärzten gehen die Impfstoffe aus

Regensburger Eltern, die ihre Kinder vor Polio, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten schützen wollen, müssen warten.
Von Julia Ried, MZ

In den Medikamenten-Kühlschränken in den Apotheken fehlen derzeit einige Impfstoffe, etwa solche gegen Kinderlähmung und Grippe.
In den Medikamenten-Kühlschränken in den Apotheken fehlen derzeit einige Impfstoffe, etwa solche gegen Kinderlähmung und Grippe.Foto: Ried

Regensburg.Wer ein Medikament benötigt, der geht in die Apotheke und nimmt es von dort spätestens am nächsten Tag mit nach Hause – so sind es die meisten Patienten gewöhnt. Derzeit machen viele Regensburger, vor allem Eltern, jedoch eine andere Erfahrung. „Der Hausarzt meines Sohnes wartet seit Mitte September auf den Polio-Impfstoff“, berichtete eine Mutter der MZ. Als der Arzt ihr sagte, sie könne gerne selbst bei Apotheken anfragen, ließ sie sich nicht lange bitten. Doch auch die sechs Betriebe, mit denen sie telefonierte, hatten den Impfstoff gegen Kinderlähmung nicht mehr vorrätig.

Abhilfe können sie nicht schaffen: Die Pharmafirmen kommen mit der Produktion nicht nach, sie haben dem zuständigen „Paul-Ehrlich-Institut“ (PEI) Lieferengpässe gemeldet. Die betreffen nicht nur den Impfstoff gegen Polio. Die Liste auf der Internetseite des Bundesinstituts, das dem Gesundheitsministerium untersteht, ist lang.

Knappheit bei Mehrfachimpfungen

Zu spüren bekommen die Regensburger, die sich oder ihre Kinder dem Standardimpfprogramm unterziehen wollen, derzeit vor allem die Knappheit von drei Stoffen, erklärt Josef Kammermeier, Sprecher der Regensburger Apotheker: Der Stoff gegen Kinderlähmung „IPV Merieux“ ist erst „voraussichtlich Dezember 2015“ wieder lieferbar, informiert das PEI. Ausverkauft sind auch diverse Mehrfachimpfstoffe, die etwa vor Polio, Diphterie, Tetanus und Keuchhusten schützen sollen und für Kinder empfohlen werden, und ein Vierfach-Impstoff gegen Grippe. Dieser ist der Übersicht zufolge erst „in Saison 2016/2017 wieder lieferbar“. Daneben sind mehrere Impfstoffe knapp, die Risikogruppen oder vor Reisen in bestimmte Gebiete empfohlen werden, etwa gegen Typhus und Hepatitis A.

Mehrere Gründe zählen Experten für die aktuellen Engpässe auf. „Zwei, drei Dinge kommen zusammen“, sagt der Apotheker Kammermeier – und Dr. Matthias Pregler, Chef des Gesundheitsamts Regensburg, gibt ihm in allen Punkten Recht. Zum einen produzierten die Pharmafirmen wegen der Rabattauschreibungen der gesetzlichen Krankenkassen, in denen diese die Abnahme von bestimmten Mengen zusagen, schon seit Jahren auf Kante. Zum zweiten ist die Nachfrage besonders hoch. „Es ist bei manchen Impfstoffen etwas enger, wegen der hohen Menge an Impfungen“, sagt Pregler. Das Gesundheitsamt ist für die Erstuntersuchung aller Asylbewerber, die nach Regensburg kommen, zuständig. Allen Flüchtlingen, die nicht oder nach den Empfehlungen von Fachleuten nur mangelhaft geimpft sind, werde eine Impfung nahegelegt, erklärt Pregler; die Behörde kooperiert dazu mit Ärzten, die diese Aufgabe neben ihrer Tätigkeit in der Klinik oder Praxis übernehmen.

Darüber hinaus steht der Winter bevor, weshalb viele einen Termin für die Grippevorbeugung vereinbaren wollen, wie sie Experten älteren Menschen und gesundheitlich ohnehin Angeschlagenen empfehlen. Und der Vierfach-Impfstoff ist gefragt, obwohl die gesetzlichen Krankenkassen nur den wesentlich günstigeren bezahlen, der gegen drei Erregerstämme wirkt. Doch die Pharmakonzerte können auf den erhöhten Bedarf nicht spontan reagieren: Zum einen dauert die Produktion von Impfstoffen nicht Tage, sondern Monate. Zum anderen ist die Branche inzwischen stark konzentriert: Manche Mittel liefern nur zwei Firmen in Europa aus.

Die Auswirkungen bekommen Ärzte und Patienten zu spüren. Viele Menschen, die ihren Impftermin verschieben müssen, seien verunsichert, hat der Apotheker erlebt. Er kann das nachvollziehen: „Dass man den Begriff Engpass in den Mund nehmen muss, ist neu.“

Es gibt Alternativen

Kammermeier betont, für Angst vor mangelhaftem Schutz vor Krankheiten gebe es keinen Grund. „Es gibt keine Infektionsgefahr. Es gibt in Deutschland keinen Impfnotstand.“ Die Zeiträume, in denen Impfungen oder Auffrischungen empfohlen werden, seien großzügig angesetzt. Pregler weist daraufhin, dass es oft Alternativen gebe, Patienten also auf andere Präparate als den gewünschten ausweichen könnten. Für Eilige kann es sich lohnen, in der Impfsprechstunde des Uniklinikums nach einem Termin zu fragen, bestätigt Leiterin Dr. Annelie Plentz. Kliniken werden bei der Belieferung bevorzugt behandelt und haben deshalb mehr Vorräte.

Welche Impfstoffe nicht lieferbar sind, wann sie voraussichtlich wieder verfügbar sind und welche Alternativen es gibt, steht auf der Internetseite des Paul-Ehrlich-Instituts, www.pei.de.

Impf-Empfehlungen

  • Kinderlähmung:

    Die Viruskrankheit kann zu Lähmungen der Arme, Beine, aber auch der Atmung und so zum Ersticken führen. Die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Kinder empfohlene Impfung wird mit abgetöteten Viren durchgeführt. Erwachsenen rät die STIKO vor Reisen in Risikogebiete zur Auffrischung.

  • Tetanus:

    Wundstarrkrampf (Tetanus) ist eine lebensgefährliche Infektionskrankheit, zehn bis 20 Prozent der ungeimpften Kranken sterben. Die in der Erde und im Straßenstaub vorkommenden Bakterien können durch Wunden in die Haut gelangen. Die Impfung sollte alle zehn Jahre aufgefrischt werden, empfiehlt die STIKO.

  • Diphtherie:

    Diphtherie ist eine durch das Gift von Bakterien hervorgerufene lebensbedrohende Krankheit, die vor allem durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Vor Einführung der Impfung starben viele Menschen an der Krankheit oder erlitten einen Herzmuskelschaden. Eine Auffrischung alle zehn Jahre hält die STIKO für sinnvoll.

  • Keuchhusten:

    Keuchhusten beginnt meist wie eine Erkältung. Bedrohlich ist er durch Komplikationen wie Lungen - oder Mittelohrentzündung oder Gehirnschäden. Auffrischimpfungen sind im Vorschul- und Jugendalter empfohlen. Erwachsene sollten bei der Tetanus- und Diphtherie-Auffrischung zusätzlich gegen Pertussis geimpft werden.

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