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Justiz

Angeklagter lebte in Gewaltspirale

Im Prozess um den Totschlag an einer Regensburgerin berichtete ein Gutachter von Alkohol- und Drogenexzessen des Angeklagten.
Von Marion von Boeselager

Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter eine Mappe. Rechts Verteidiger Hagen Schön Foto: Boeselager
Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter eine Mappe. Rechts Verteidiger Hagen Schön Foto: Boeselager

Regensburg.Im Prozess um den gewaltsamen Tod einer 33-jährigen Regensburgerin in ihrer Wohnung in der Metgebergasse schilderte der psychiatrische Sachverständige Dr. Joachim Haas vor dem Landgericht das Leben des mutmaßlichen Täters und Ex-Lebensgefährten der Getöteten. Dem 32-jährigen Schreiner wird Totschlag vorgeworfen. Er soll die junge Frau im Januar nach einem Streit mit zahlreichen Messerstichen regelrecht niedergemetzelt haben. Das Opfer verblutete. Während der Angeklagte bisher zu den Vorwürfen schweigt, schilderte der Gutachter dessen von Gewalt, psychischen Problemen und Alkoholexzessen geprägte Vergangenheit. Und: Eine frühere Beziehung des 32-Jährigen weist starke Parallellen zum Verhältnis mit dem Opfer auf.

Nach Worten des Gutachters wuchs der aus Wiesbaden stammende Angeklagte als Sohn eines Schreiners und einer strengen Mutter im Wiesbadener Raum auf. In der Familie habe er „wenig emotionale Zuwendung und familiären Zusammenhalt“ erlebt. Der Vater, der gern dem Alkohol zusprach, soll das an ADHS leidende Kind ab dem 7. Lebensjahr häufig geschlagen haben. Der Grund: Der Sohn gab den Klassenclown, provozierte Lehrer und kam schließlich in eine Einrichtung für schwererziehbare Kinder. Dort war der Bub erst „Opfer“. Dann habe er aber nach einer Schlägerei „Gewalt als Möglichkeit der Selbstbehauptung entdeckt“, so der Sachverständige.

Alkohol spielte früh eine Rolle

In der Metgebergasse ist die Bluttat passiert. Foto: Matthes
In der Metgebergasse ist die Bluttat passiert. Foto: Matthes

Die Gewaltspirale setzte sich in seinem Leben weiter fort, meinte der Gutachter. Mit 13 entdeckte er den Alkohol. Bald kamen Drogen dazu. Der junge Mann, der in der Schreinerei seines Vaters mitarbeitete und dort mietfrei wohnte, lebte in einem ständigen psychischen Auf und Ab mit Alkoholexzessen, Therapien und „aggressiven Durchbrüchen.“

Eines der Opfer war eine frühere Freundin, die er mit 25 kennenlernte. Die Beziehung war von „einem Wechselspiel zwischen Kränkungen und klammerndem Verhalten“ geprägt, berichtete Haas. Obwohl der sehr eifersüchtige Mann das Mädchen oft schlug, kehrte es immer wieder zu ihm zurück. Tiefpunkt der Beziehung war eine Prügelattacke gegen die junge Frau mit massiver Brutalität und sadistischen Komponenten. 2014 wurde der Mann deshalb in Wiesbaden zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

„Die Gewaltspirale in seinem Leben setzte sich fort.“

Dr. Joachim Haas, Psychiatrischer Sachverständiger

Einige Jahre später begann das Verhältnis zu der aus Polen stammenden Regensburgerin. Er hatte sie kennengelernt, als sie Verwandte im Wiesbadener Raum besuchte. Einige Zeit führte das Paar eine Fernbeziehung. Anfang 2017 zog sie bei ihm ein. Im April feierte man Verlobung. Im Mai begann der eifersüchtige Mann, seine Braut mit Fäusten zu schlagen. Einmal brach er ihr das Nasenbein. Ein anderes Mal soll er sie mit einem Messer verletzt haben. Er sperrte sie ein, nahm ihr das Handy ab. Mehrfach stand die Polizei auf der Matte. Auf Trennungen folgten Versöhnungen. Schließlich zog die Frau zurück nach Regensburg. Doch auch damit endete das On-off-Verhältnis nicht.

Polizei

Junge Altstadt-Bewohnerin getötet

Eine 33-Jährige stirbt in ihrer Wohnung in der Metgebergasse in Regensburg. Ein dringend Tatverdächtiger sitzt nun in U-Haft.

Am 22. Januar ließ sich der Ex-Freund mit dem Taxi nach Regensburg fahren. In der Wohnung der 33-Jährigen muss es dann abends zum Streit gekommen sein. Wenig später war die junge Frau tot. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft schlug der Schreiner dem in der Badewanne liegenden Opfer zunächst mehrfach mit der Faust ins Gesicht. Als die Frau fliehen wollte, stach er mit einem Messer mindestens acht Mal auf Brust, Unterbauch und Gliedmaßen der 33-Jährigen ein, die im Bad nackt auf dem Rücken lag, so die Vorwürfe. Ein Stich traf das Herz.

Fast drei Promille im Blut

Nach dem Blutbad verständigte der mutmaßliche Täter selbst den Rettungsdienst und seine Eltern. Aber es war zu spät. Der Polizei erzählte der völlig aufgelöste Mann, seine Freundin habe sich in Suizidabsicht selbst „gestochen“. Der Mann hatte drei Promille Alkohol und Psychopharmaka im Blut.

Regelmäßig sind die MZ-Reporter bei Prozessen am Amts- und Landgericht. Alle Berichte aus dem Gerichtssaal finden Sie hier!

Der Gutachter bescheinigte dem Angeklagten neben seiner Alkoholabhängigkeit eine kombinierte – dissoziale und narzisstische – Persönlichkeitsstörung. Seine Einsichtsfähigkeit sei bei der Tat erhalten geblieben. Eine Verminderung der Steuerungsfähigkeit schloss Haas nicht aus.

Trotz früherer Gewalttaten und seiner Vorverurteilung kommt für den Angeklagten eine Sicherungsverwahrung nicht in Betracht, teilte Richter Michael Hammer mit. Der Grund: Bei der Verurteilung handle es sich um eine Gesamtstrafe aus mehreren Einzelstrafen. Keine der verhängten Einzelstrafen genüge den Voraussetzungen dieser Norm, so Hammer. Der Prozess dauert an. Das Urteil soll am 22. Oktober verkündet werden.

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