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Immobilie

Aufzug wurde zur Behindertenfalle

1997 freute sich die Regensburger Stadtbau über den Bauherrenpreis für barrierefreies Wohnen. Nun ist die Anlage in der Rote-Löwen-Straße 10 ein Problem.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Eine Stunde lang war Guy Heckel in dem Winter im Keller gefangen. Foto: Wanner
  • Guy Heckel hat beide Beine amputiert. Er braucht den Aufzug. Foto: Wanner
  • Wolfgang Baum (links) und Guy Heckel: Der Mann saß in diesem Winter mit seinem Rollstuhl eine Stunde lang im Keller fest. Foto: Wanner

regensburg. Für Feuerwehr, Polizei und Hilfsdienste ist das barrierefreie Haus Rote Löwenstraße 10/Fidelgasse 11 am Arnulfsplatz eine notorische Adresse. „An drei von sieben Tagen steht der gläserne Außen-Aufzug“, bestätigt Nachbar Walter Simböck. Der Inhaber des gegenüberliegenden „Café Blomberg“ wird zu allen Tages- und Nachtzeiten Zeuge, wenn Hilfs- und Rettungsdienste in die enge Regensburger Altstadtgasse zu Einsätzen gerufen werden, weil der Aufzug wieder einmal steht.

Dann müssen die Helfer die Bewohner die schmalen Treppen hinauf oder hinunter tragen und den schweren elektrischen Rollstuhl gleich mit. Arzttermine, Kinobesuche und Einkäufe sind für die Bewohner der einstigen Vorzeige-Wohnanlage für Behinderte seit mehreren Jahren ein Risikospiel. Schuld ist der instabile Außen-Aufzug. Pikanterweise gewann die Aufzugsfirma 2012 den Preis für diskriminierungsfreie Unternehmenskultur der Stadt Nürnberg.

Inklusion ins Gegenteil verkehrt

35 behinderte und zum Teil schwerstbehinderte Bewohner, die auf den Aufzug angewiesen sind, kommen nicht in ihre Wohnungen zurück oder können nicht aus ihrem Haus, wenn der Aufzug streikt. „Jeder Bewohner hier hat seine Geschichte zu erzählen“, sagt Hülya Högl, Beraterin bei Phönix. Das Sozial-Unternehmen ist im Parterre.

Frau Högl ist selbst Rollstuhlfahrerin. Sie stellt fest, dass das Konzept der Inklusion hier mittlerweile durch die Fakten ins glatte Gegenteil verkehrt wird. Der beinamputierte Bewohner Guy Heckel brachte in diesem Winter eine Stunde im Keller zu. Dorthin hatte ihn der Aufzug von sich aus gefahren. Heckel: „Was sollte ich machen? Ich habe geschrien wie ein Schwein.“

Die Rechnung geht an die Stadtbau

Termine beim Neurologen müssen verschoben werden, sogar von einem geplatzten OP-Termin ist die Rede. Bewohner wie Nicole Lindenberg können ihrem Beruf nicht nachgehen. Damit sind Arbeitsplätze der Betreffenden gefährdet. Nicole Lindenberg: „In meinem speziellen Fall, ich bin ebenfalls Rollstuhlfahrerin und als Psychologin am Uniklinikum tätig, warten Patienten, die nicht behandelt werden können!“ Es ist wenig tröstlich, dass die Rechnungen für die Einsätze „alle 1:1 in die Adolf-Schmetzer-Straße 45 gehen“, die Zentrale der Stadtbau GmbH. Das laufen beträchtliche Beträge auf. „Die zahlen wir auch gerne“, sagt Joachim Becker auf Anfrage der Mittelbayerischen.

Nach erfolgloser Nachrüstung und unzähligen Monteureinsätzen findet der Stadtbau-Chef die verfahrene Aufzugs-Situation inzwischen selber „fürchterlich“ und „zum Haare ausreißen“. „Die Aufzugsfirma ist laufend zu Nachbesserungen da, gibt ihr ok. Und dann sind wieder Störungsmeldungen von den Bewohnern da,“ sagte er.

Eine Vorzeige-Adresse

Das Versagen der Firma falle auf den Vermieter zurück. Dass die Nerven der Mieter blank liegen, dafür äußert Becker gegenüber der MZ „Verständnis“.

Diese Aussagen der Stadtbauspitze sind relativ neu. Die Angelegenheit war am 10. Januar schon Gegenstand einer Nachfrage der Sozialen Initiativen. Damals hatte die Stadtbau GmbH noch behauptet, die Probleme im Griff zu haben. „Der Aufzug ist vom TÜV und einer Fachfirma abgenommen. Er wurde inzwischen mit insgesamt 35 000 Euro nachgebessert.“

Und Bewohner Wolfgang Baum stand als Nörgler da. Er beschwerte sich bei OB Hans Schaidinger. Der bestritt die Vorwürfe und sprach in seinem Schreiben, das der MZ vorliegt, von „Falschbeschuldigungen“. Er empfahl dem Beschwerdeführer „über einen Umzug nachzudenken“, wenn er nicht mehr in der Lage sei, die Vorteile des Wohnens in der Roten Löwen Straße 10 zu sehen.

Vor 20 Jahren war dies eine bundesweite Vorzeige-Adresse. Immer wieder wurden Fach-Gruppen durch das Haus geführt. „Mit der Sanierung dieser Wohnanlage in der Westnerwacht zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Beweis erbracht, dass barrierefreies Wohnen in einer gewachsenen Altstadt integrierbar ist“, hieß es. Insgesamt 33 barrierefreie Wohnungen wurden hier in Kombination mit quartiersoffener Krabbelstube, Sozialstation, Vereinsräumen und einer Gaststätte geschaffen. Die Rede ist vom „Casa Rios“, dem ehemaligen „Namenlos“. Die barrierefreie Umnutzung des aus dem Jahr 1890 stammenden Altbaus konnte damals nur durch Integration modernster Aufzugstechnik außerhalb der Gebäude gelöst werden. Die beiden Häuser Rote Löwen Straße 10 und Fidelgasse 11 wurden durch Brücken zwischen den Stockwerken verbunden, in deren Mitte der gläserne Aufzug steht. Dieser Geniestreich des Architekten wird für Mieter und Vermieter zum Dauerproblem. Die Aufzugstechnik erweist sich in den letzten Jahren als äußerst instabil. Im Sommer legt die Sonne, wenn sie in einem gewissen Einstrahlungswinkel schien, die Steuerung lahm. Jetzt im Winter verstopft Split die Türen. Oder der Aufzug geht wegen Schnee und Feuchtigkeit auf Störung.

Das nervt schon normale Mieter. Aber hier wohnen Dialyse-Patienten und Schwerstbehinderte. Jeder hier musste schon mal den Alarmknopf gedrückt. Der funktioniert immer. Die offiziellen Störmeldungen sind nur die Spitze des Eisberges. Bewohner Stefan Lindenberg, ein Informatiker im Rollstuhl, hat schon mehrmals selbst die Anlage wieder ins Laufen gebracht. Er hat mittlerweile ein Gefühl für die Steuerungsanlage entwickelt.

„Wir haben die Technik im Griff“

Bewohner Wolfgang Baum (Jahrgang 1954), ein chronischer MS-Patient, seit zwei Jahren im Haus, hat sich der Sache der Mieter angenommen. Er führt eine Störungs-Liste. Allein der Blick auf die Februarseite seiner Einträge spricht Bände. Danach stand der Aufzug am 13. und 14. Februar. Am 17. Februar musste die Feuerwehr anrücken. Danach stand der Aufzug am 18. und 19. Februar. Am 21. Februar stand er den ganzen Tag. Dabei sollte das Problem ja bereits seit September 2012 durch eine neue Steuerung im Wert von 35 000 Euro gelöst worden sein.

Neubau: Unzumutbare Belastungen

„Wir haben die Technik im Griff“, ist das Mantra der Firma. Zum technischen Versagen kommt menschliches dazu. Beim ersten Termin hatte der Monteur die falschen Ersatzteile dabei, für einen Außenaufzug. Er baute den Aufzug wieder zurück und fuhr ab. Vier Wochen später kam er mit den richtigen Teilen. Vier Tage lang wurde der Aufzug runderneuert (22. bis 26. Oktober). Notdienste übernahmen den Transport der Bewohner.

Zwei Tage später stand der Aufzug wieder. „Da der Austausch der Steuerung nicht den gewünschten Erfolg brachte“, kündigte die Stadtbau in einem Schreiben eine weitere Nachbesserung an. Die Stadtbau arbeite mit Hochdruck an dem Problem, betont Becker. Die Mieter fordern Lösungen.

Der Stadtbau-Chef sieht sich in der Zwickmühle. Wenn sie einen Aufzug bauen, der von Witterungseinflüssen unbeeinflusst ist, würde das unzumutbare Belastungen mit sich bringen. Die Mieter müssten alle für vier Monate auszuziehen.

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