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Architektur

Aus Verhinderern wurden Gestalter

In den Anfängen wurden die Mitglieder in Regensburg als „Bauverhinderer“ bezeichnet. Nun feierte das Gremium Jubiläum.
Von Martina Groh-Schad

Die Gäste auf dem Podium diskutierten über die Zukunft des Beirats. Foto: Groh-Schad
Die Gäste auf dem Podium diskutierten über die Zukunft des Beirats. Foto: Groh-Schad

Regensburg.Am Ende verteilten die Musiker Instrumente ans Publikum und interpretierten die Botschaft des Abends künstlerisch. Trommeln, Rasseln, ein Xylophon – die Gäste im Leeren Beutel am Dienstagabend sollten ein Teil der Performance werden und mitmachen. Oder besser: Mitgestalten, wie seit 20 Jahren der Gestaltungsbeirat in Regensburg. Das sechsköpfige Gremium besteht aktuell aus Architekten sowie Professoren aus Stuttgart, Berlin, Nürnberg, Linz und München und berät die Stadt, Bauherren und Unternehmen rund um ausgewählte Bauvorhaben. „Der Rat hat unser Stadtbild mitgeprägt und ist zu einer festen Instanz geworden“, sagte Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer.

Was sind die Herausforderungen, die auf Regensburg zukommen?, fragte die Professorin für Planungstheorie und Stadtentwicklung Dr. Agnes Förster als Moderatorin die Runde auf dem Podium. Willi Egli, Schweizer Architekt, der bis 2002 dem Gestaltungsrat angehörte, berichtete von den Schwierigkeiten der ersten Jahre. Schmunzelnd erinnerte er daran, dass die Mitglieder anfänglich als „Wirtschaftsschädlinge und Bauverhinderer“ bezeichnet wurden und doch setzte sich nach und nach durch, „wie wohltuend scharf der Blick von Dritten ist, um Defizite zu erkennen“.

Stadtplanung

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Seit 20 Jahren gibt es den Regensburger Gestaltungsbeirat. Bei bedeutenden Bauprojekten hat er ein Wörtchen mitzureden.

Doch allzu lang hielt sich die Runde nicht mit der Aufarbeitung der Vergangenheit auf. Der Blick ging in die Zukunft. Aus dem Publikum kam der Wunsch nach stärkerer Einbindung der Bevölkerung und so wurde eine Live-Übertragung der Sitzungen des Rates und mehr Präsenz in den sozialen Medien gefordert. Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass die zentrale Herausforderung die gestiegene Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen ist. Das Schlagwort laute Verdichtung, was bedeutet, dass auf enger werdendem Raum mehr Wohnungen gewonnen werden müssen. „In Regensburg können wir kaum mehr nach außen wachsen, weil wir keine Flächen mehr haben“, sagte Maltz-Schwarzfischer.

Die Vorsitzende des Gestaltungsbeirats Jórunn Ragnarsdóttir sah das positiv: „Wenn wir beim Bauen immer weiter nach draußen gehen, verlieren die Städter den nahen Zugang zu den Erholungsräumen und damit Lebensqualität.“ Sie sparte nicht mit Kritik: „Ich finde, dass unser Wohnungsbau elend langweilig ist.“ Es sei höchste Zeit, dass die Menschen, die in Quartieren zusammen leben, wieder eine Architektur erfahren, bei der sie Heimat und Gemeinschaft finden können. „Weil die Einkommensschere immer mehr auseinanderklafft, müssen wir den Menschen exzellente gemeinschaftliche Räume anbieten.“

Ein Wunsch, den die Bürgermeisterin teilt, aber das sei kein Regensburger Phänomen. „Wenn in kurzer Zeit viel gebaut wird, dann kommen viele gleichförmige Bauten heraus.“ Hans Stockerl von der gleichnamigen Immobilien GmbH setzte dem entgegen, dass die Baubranche unter Stress stehe. „Die Grundstückpreise sind explodiert. Es gibt immer mehr Auflagen. Man findet kaum noch Handwerker. Die Kunden sind anspruchsvoller“, fasste er zusammen. Da werde dann gebaut, was nachgefragt wird und bezahlt werden kann.

Aus dem Publikum kam der Wunsch, die Arbeit des Gestaltungsrates weiter auszuweiten, zum Beispiel auf Flächennutzungspläne. „Der Gestaltungsbeirat ist kein Allheilmittel“, warnte Armin Frohschammer, Leiter des Bauordnungsamtes und wies auf rechtliche Grenzen hin.

Gestaltungsbeirat

  • Stadtbild:

    Der Regensburger Gestaltungsbeirat war nach Vorbild der Städte Linz und Salzburg der erste in Deutschland. Heute gibt es 130 Gestaltungsbeiräte. Welche Bauvorhaben bei den sechs Sitzungen pro Jahr zur Diskussion stehen, unterliegt keinen speziellen Vorgaben. Maßgeblich ist, dass es sich um die Stadt prägende Bauten handelt.

  • Öffentlich:

    In den vergangenen Jahren tagte der Rat mehr als 100 Mal in öffentlicher Sitzung und beriet sich über rund 350 Projekte im gesamten Stadtgebiet. Ob Einfamilienhaus oder Gewerbebetrieb: Das Spektrum, zu dem der Rat Stellung bezogen hat, ist groß.

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