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Inklusion

Barrierefreies Bauen verlangt Wissen

Behinderungen aus dem Weg räumen bevor ein Bauwerk steht – das ist die Kunst beim inklusiven Bauen. Wie das geht, wurde an der OTH Regensburg gezeigt.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Für Blinde wie Felix sind Hilfen zur Orientierung, wie tastbare Kanten, oder ein durchgehender Handlauf besonders wichtig. Für Sehbehinderte wäre eine kontrastreichere Farbgestaltung eine große Hilfe.Foto: dpa
  • Simulationsbrillen vermittelten den Studierenden beim Aktionstag an der OTH neue Erfahrungen.Foto: Wiedamann
  • Tina Brandmeier (r.) lässt sich den Alterssimulationsanzug anlegen. Foto: Wiedamann
  • Peter Kraus (r.) erklärte den Studierenden, wie Menschen mit Sehbehinderungen die Welt erleben. Foto: Wiedamann
  • Architekt Markus Donhauser von der Beratungsstelle Barrierefreies Bauen der Bayerischen Architektenkammer Foto: Wiedamann
  • Mit diesem Logo wirbt das Projekt „Regensburg inklusiv“. Foto: KJF Regensburg

Regensburg.Stunde um Stunde verfolgen die Studierenden der Ostbayerischen Technischen Hochschule aufmerksam die Vorträge. Das Thema dieses Aktionstags ist „Inklusives Bauen“ und vieles, was da von den Referenten im Rahmen der Kooperation des Projekts „Regensburg inklusiv“ und der OTH vorgestellt wird, ist den künftigen Architekten und Ingenieuren fremd. Beim Stichwort „behindertengerecht“ hätten sie in erster Linie an Rollstuhlfahrer gedacht, gestehen sich einige der Studierenden nach der Veranstaltung ein. Dass es eine Vielzahl anderer Behinderungen und vor allem Bedürfnisse und Anforderungen gibt, auf die beim Bau von Wohnungen, öffentlichen Gebäuden, aber auch Straßen geachtet werden muss, wird ihnen erst im Lauf des Tages klar. Und vor allem zum Schluss, als sie selbst, in einen Alterssimulationsanzug gezwängt, mühsam und unsicher wie manch 90-Jähriger eine Treppe hinaufstapfen müssen oder sehbehindert durch eine Simulationsbrille den Weg durch den Raum finden sollen.

„Man möchte sich am liebsten nur hinsetzen“, seufzt Tina Brandmeier nach ihrer Tour im Simulationsanzug. „Alle Bewegungen waren ziemlich schwer. Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, dass der Handlauf da ist, dass es Markierungen gibt,“ bestätigt Nina Schönbach nach ihrem Rundgang mit Anzug und Simulationsbrille. „Ich habe gesehen, was ich alles brauche, um mich sicher zu fühlen.“

Am eigenen Leib erfahren

Dass die Studierenden im Praxisteil selbst erfahren können, wie es ist, mit einer Behinderung in unseren Wohnungen, Häusern und auf der Straße zurechtzukommen, ist dem Regensburger Architekten Markus Donhauser von der Beratungsstelle Barrierefreies Bauen der Architektenkammer besonders wichtig. Er macht die Studierenden nicht nur mit gesetzlichen Grundlagen vertraut, sondern zeigt ihnen anhand vieler Fotos, wie bedeutsam die vorausschauende, inklusive Bauplanung für die spätere Nutzung durch alle Menschen ist. „Wofür ich vor allem werben will, ist, ein bauliches Umfeld zu schaffen, in dem man gar nicht merkt, dass das ein barrierefreies, rollstuhlgerechtes Haus ist.“

Thomas Kammerl vom Projekt „Regensburg inklusiv“ beschwört die Sichtweise: „Nicht die Menschen sind behindert, sondern sie werden behindert.“ Möglichst viele bauliche Behinderungen zu vermeiden, sei eine entscheidende Aufgabe der Architektur. Dass sich dabei Barrierefreiheit und Ästhetik nicht ausschließen, machen Donhauser und die anderen Referenten klar.

Viele Fehler sind nicht mehr heilbar

Wichtig aber sei die kenntnisreiche Planung. Wer erst nachträglich ein Haus barrierefrei gestalten will, hat oft schon – beispielsweise durch zu knapp bemessene Treppenhäuser – nicht mehr heilbare Fehler gemacht, sagt Donhauser. Alle Menschen mit und ohne Behinderung und jeden Alters müssen in gleicher Weise an allem teilhaben können. Ein anderes Portal als Hauszugang oder eine abgelegene Behindertentoilette für Rollstuhlfahrer seien diskriminierend.

Peter Kraus vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund und selbst sehbehindert erläutert den Studierenden mit Hilfe zahlreicher Bilder, wie entscheidend Orientierungsmöglichkeiten durch taktile, also tastbare Elemente, Leitsysteme und Markierungen, aber auch akustische Signale für Blinde und Sehbehinderte sind. Für Sehbehinderte seien Kontraste das A und O, um Türen, Treppen, Installationen erkennen zu können. Oberstes Kriterium sei, Sicherheit zu erreichen – auch die Sicherheit, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Architekt Michael Kroll, Vorstandsmitglied der Genossenschaft NaBau, stellt das „Haus mit Zukunft“ mit 35 Wohneinheiten vor, das gerade in Burgweinting entsteht. Kroll sieht Bauen als soziale Herausforderung. Inklusiv wohnen bedeutet für ihn: Menschen mit und ohne Behinderung wie selbstverständlich unter einem Dach. Sein Ziel ist ein lebensumstände-, generationen-, funktions- und projektübergreifendes Bauen, das lebendige Quartiere schafft. Im Haus der Zukunft werden Rollstuhlfahrer, Menschen ohne Behinderung, Alte und Junge, körperlich wie geistig behinderte Menschen nachbarschaftlich zusammenleben. Dass Kroll keine Fotos vom „Haus mit Zukunft“ und den architektonischen Lösungen zeigen kann, ist das einzige, was Architekturstudent Felix Bollwein an diesem Tag bedauert. „Es ist sehr schwer, an alles zu denken,“ sagt er und ist froh über das vermittelte Wissen. Und Kommilitone Lukas Bimmerle lobt: „Das hat schon viel gebracht!“

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