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Bei den blauen Engeln vom Gleis 1

Wenn Menschen der Lebenszug entgleist, dann gibt es bei der Regensburger Bahnhofsmission immer noch eine offene Tür.
Von Helmut Wanner, MZ

  • In der Bahnhofsmission findet jeder Hilfe und ein offenes Ohr. Foto: altrofoto.de
  • In der Bahnhofsmission findet jeder Hilfe und ein offenes Ohr. Foto: altrofoto.de
  • Zwei blaue Engel (von links): Gabriele Männer (Diakonie) und Gertrud Reber (Caritas) Foto: altrofoto.de
  • In der Bahnhofsmission findet jeder Hilfe und ein offenes Ohr. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Der Tag begann für den blauen Engel Gertrud Reber gleich mal mit einer Panik-Attacke. Die Bahn-Polizei brachte einen Agora-Phobiker vorbei, einen Menschen mit Platzangst. Er war am Bahnhof plötzlich von der Angst überfallen worden, es nicht mehr über den Platz zu schaffen. Er hatte Schweißausbrüche, klagte über Herzrasen. Alle Lämpchen standen bei ihm auf Rot. Er wandte sich an die Polizei und die brachte Gertrud Reber den ersten Kunden des Tages.

Der kleine Besprechungsraum der Bahnhofsmission wurde zum Schutzraum für diese verängstigte Seele. „Der Mann beruhigte sich.“ In einer Stunde hatte Frau Reber den 50-Jährigen wieder soweit, dass er von sich aus gehen und einen Arzt aufsuchen konnte.

Jeder Tag ein Überraschungs-Ei

Jeder Tag ist für die drei Hauptamtlichen wie Frau Reber und die 16 Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission ein dickes Überraschungs-Ei. Man weiß nie, was drin ist. Manchmal ist ein süßes Schulmädchen drin, das vorbei kommt, weil ihm die Jeans aufgeplatzt ist und verzweifelt: „So kann ich nicht in die Schule gehen.“ Dem Mädchen wird ein Knopf angenäht.

Auch der Fahrschüler, der im Bahnhof seine Münzen zählt, die nicht mehr reichen für eine Wurstsemmel, ist Stoff für eine schöne Erinnerung. Beim Bahnhofsrundgang haben die blauen Engel ein Auge auf alles. Und so hat Valentina Wudtke, eine engagierte Deutsche aus Russland, den Jungen angesprochen. Er ging mit in die Bahnhofsmission und beteuerte: „Aber obdachlos bin i fei net!“

Die blauen Engel sind da

Am Bahnhof ersetzen Automaten zunehmend die Menschen. Freilich sitzt immer noch eine Person mit Schirmmütze am Service-Schalter. Aber dieser Mensch hat nicht die Zeit für spezielle Probleme und auch irgendwann Feierabend. In den Abendstunden, an Sonn- und Feiertagen haben nur die blauen Engel geöffnet. Sie sorgen mit dafür, dass der Bahnhof sein menschliches Gesicht bewahrt. Das ist tätige Kirche am Bahnhof. Hier arbeiten Katholiken und Protestanten Hand in Hand. Die Bahn revanchiert sich und stellt die 30 Quadratmeter große Räumlichkeit kostenlos zur Verfügung. Ein heller Raum mit blauem Linoleumboden und vier Tischen, eine Küche, ein Wickelraum und ein Besprechungsraum: Die Bahnhofsmission Regensburg ist seit ihrer Wiedereröffnung vor zwei Jahren ein Aushängeschild geworden. Eines, das nachts auch beleuchtet ist. Der Eingang ist am vorderen Ende von Gleis 1, bei der Galgenbergbrücke. Hier ist nahezu 24 Stunden jemand da, wenn man die Pause zwischen 17 und 19.30 Uhr abzieht. Nachts haben nur Männer Dienst wie Michael Weber, der ehemalige Orgelbauer. Er macht diesen Dienst gerne, „weil es mir gut tut, Menschen zu helfen“. Über den roten Knopf sind die Mitarbeiter mit der Bundespolizei verbunden. Die sitzt nebenan.

Von der landläufigen Vorstellung von Bahnhofsmission, Menschen in den Zug zu helfen, hat sich die von Diakonie und Caritas getragene Einrichtung notgedrungen entfernt. Hier landen in der Regel Menschen, deren Lebenszug entgleist ist. Und hier gibt es das Angebot mit der niedrigsten Schwelle. Keiner braucht vorher einen Termin zu vereinbaren.

Die Bahnhofsmission ist nach den Worten von Stefan Schmidberger (Caritas) ein sozialer Indikator. Diese Gesellschaft ist vor allem an der Seele krank. Die psychischen Erkrankungen machen mittlerweile den Löwenanteil der Einsatzfälle der Bahnhofsmission aus. 1473 Menschen mit psychischen Erkrankungen bekamen 2014 Hilfe. Die Zahl der Depressiven und Suizidgefährdeten steigt.

Niederschwelligstes Angebot

Migranten, vor allem aus Südosteuropa, wissen, dass man hier Rumänisch und Russisch versteht und man zur Not etwas zu essen bekommt und eine Fahrkarte, die einen wieder nach Hause bringt. Als niederschwelligstes Angebot der Stadt ist die Bahnhofsmission eine soziale Drehscheibe. Sie vermittelt und hilft weiter.

Das Budget ist beachtlich. Man erfährt zwar keine offiziellen Zahlen, aber mit 150 000 Euro liege man nicht weit entfernt, heißt es. In der Summe ist die Stelle der Geschäftsführerin Tatjana Ogar noch gar nicht inbegriffen. Die wird bis 2016 von der Glücksspirale bezahlt. „Danach müssen wir uns wieder um Gelder bemühen“, sagt Dr. Elisabeth Mader.

Seit zwei Jahren steht die Bahnhofsmission unter der Trägerschaft von „In Via“, dem katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit in der Diözese Regensburg. Das knüpft an die Anfänge der Bahnhofsmission in Regensburg an, die 1896 vor allem zum Schutz der Frauen und Mädchen auf dem Bahnhof gegründet wurde. Die Mädchen vom Lande wurden damals am Bahnhof oft das Opfer von Zuhältern. Dem wollten die Kirchen Einhalt gebieten. Die Vorstandsvorsitzende von „In Via“, Dr. Elisabeth Mader, nennt unter den Gründungsmitgliedern die Namen illustrer Damen wie Pustet und von Arretin.

Für die Arbeit in der Bahnhofsmission lassen sich auch heute noch Menschen ansprechen. Über ihr Kaffeekränzchen hat die pensionierte Lehrerin beispielsweise Kolleginnen und Freundinnen für den Dienst geworben. Alle bringen sich einen Tag pro Woche ein und sagen „Wir sind für Sie da“.

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