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Lebensgeschichte

Berührende Fastenpredigt in St. Emmeram

Charlotte Knobloch erzählte in Regensburg ihre Geschichte als jüdische Überlebende und gab Einblick in ihre Befürchtungen.
Von Gabi Hueber-Lutz

Fastenpedigerin Charlotte Knobloch beeindruckte ihre Zuhörer in der voll besetzten Bsilika. Foto: Hueber-Lutz
Fastenpedigerin Charlotte Knobloch beeindruckte ihre Zuhörer in der voll besetzten Bsilika. Foto: Hueber-Lutz

Regensburg.Wenn Menschen wie Charlotte Knobloch zum Thema „Lebensgeschichten“ sprechen, dann ist klar, dass die Zuhörer mit dieser Lebensgeschichte gleichzeitig tief in das düsterste Kapitel deutscher Geschichte eintauchen. Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach in der diesjährigen Reihe der Fastenpredigten in der Basilika St. Emmeram. Die Kirchenbänke fassten gar nicht alle die Menschen, die gekommen waren, um sie zu hören. Unberührt blieb wohl keiner.

Eindringlich, aber ohne jedes Pathos schilderte die 86-Jährige nicht nur ihre persönliche Geschichte. Sie spannte immer wieder den Bogen zu den gegenwärtigen Bedingungen jüdischen Lebens in Deutschland, die sie eng mit der Frage nach Heimat verband. Ihr Fazit war eindeutig: „Der Antisemitismus hat nichts von seiner Gefährlichkeit verloren“. Heruntergebrochen auf ihr eigenes Leben bedeutet das, dass sie den Zuhörern keinen versöhnlichen Schluss servieren konnte, in dem das jüdische Mädchen seine Heimat wiedergefunden hätte. „Diesen Gefallen kann ich ihnen nicht tun“, sagte sie.

Verlorene Hoffnung

Charlotte Knobloch im Gespräch mit Stadtdekan Roman Gerl Foto: Hueber-Lutz
Charlotte Knobloch im Gespräch mit Stadtdekan Roman Gerl Foto: Hueber-Lutz

Das Fazit ihres Lebens in der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Landschaft ist bedrückend: „Ich selbst habe nicht mehr die Hoffnung, dass ich eine Rückkehr zur Normalität erlebe.“ Die öffentliche Debatte sei vielfach in einem Maße verroht, das sie mit Sorge in die Zukunft blicken lasse. Ihr Appell war eindringlich. Die Politik dürfe nicht aufhören, an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern. Das „Nie-wieder“ sei ein Grundpfeiler, auf dem jüdisches Leben in Deutschland fußt.

Der Schaden sei schon jetzt beträchtlich, auch, wenn das Leben vordergründig unbeschwert weitergehe. So bedeute in einer jüdischen Schule zu lernen, hinter Panzerglas zu lernen. Noch sei das Stadium physischer Gewalt nicht erreicht, aber die Selbstverständlichkeit von Heimat sei gefährdet.

Tuula Immonen-Czech:„Sie ist so eine charismatische Persönlichkeit. Was sie über Heimat gesagt hat, ist etwas Besonderes.“ Foto: Hueber-Lutz
Tuula Immonen-Czech:„Sie ist so eine charismatische Persönlichkeit. Was sie über Heimat gesagt hat, ist etwas Besonderes.“ Foto: Hueber-Lutz

Knobloch forderte klare Stellungnahmen nicht nur von politischer Seite. Die große Gefahr seien diejenigen Menschen, die indifferent bleiben. Die indifferente Mehrheit habe auch den Nazis den Weg geebnet. Dass sie noch am Leben sei, verdanke sie den Menschen, die sich dieser Indifferenz verweigert haben. „Werden Sie bitte aktiv. Nur gemeinsam können wir den Hass überwinden“, forderte sie ihre Zuhörer auf.

„Wer Antisemitismus schürt, erodiert das demokratische Fundament.“

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Die Wucht ihrer Geschichte als jüdisches Kind im heraufdämmernden Hitler-Deutschland beeindruckte die Menschen in der Basilika. Charlotte Knoblochs Vater, ein Anwalt und Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, habe fest an die deutsch-jüdische Symbiose geglaubt, an Regeln und Gesetze. Ihre Kindheit sei trotzdem von Anfang an von Ausgrenzung bestimmt gewesen, erzählte sie. Richtig bewusst wurde das der Vierjährigen als eine Hausmeistersgattin ihr verbot zu ihren Freunden in den Nachbarhof zu kommen: „Judenkinder dürfen hier nicht spielen.“

Thomas Baumann: „Man spürt, sie ist sehr mitgenommen von den negativen Ereignissen ihres Lebens, geht aber trotzdem vorwärts.“ Foto: Hueber-Lutz
Thomas Baumann: „Man spürt, sie ist sehr mitgenommen von den negativen Ereignissen ihres Lebens, geht aber trotzdem vorwärts.“ Foto: Hueber-Lutz

Eine Frage tauchte auf, die sich dem Kind anscheinend einprägte: Was habe ich angestellt? Ihr Weg zur Schule war oft ein Spießrutenlauf, der Judenhass allgegenwärtig. Sie erlebte die Zerstörung der Münchner Synagoge, die Reichspogromnacht und fragte sich als Kind, warum die Feuerwehr nicht löscht. Verständnis schwingt in ihren Worten mit, wenn sie von der Mutter spricht, die ihren jüdischen Mann und ihr Kind verlassen hat, weil der Druck von außen zu groß wurde. Vater und Tochter hätten nach Amerika gehen können, hätten aber die Großmutter zurücklassen müssen. Sie entschieden sich in München zu bleiben. Die Lage spitzte sich zu. Ihr Vater brachte sie ins Fränkische zu Kreszentia Hummel, einer ehemaligen Hausangestellten des Onkels.

Das Richtige tun

Zum Glück für die kleine Charlotte galt sie als Bankert, als uneheliches Kind der Zenzi. Ihre streng katholische Pflegemutter hielt alle damit verbundenen Anfeindungen aus. „Ich konnte überleben, weil Kreszentia das Richtige tat, einfach, weil es das Richtige war.“ Der Vater überlebte als Zwangsarbeiter und später versteckt auf einem Speicher. Wirklich heimisch wurde Charlotte im Fränkischen nicht. Zu gefährlich waren die Zeiten.

Auch die Rückkehr nach München war keine Rückkehr in die Heimat. Zu sehr graute es ihr vor den Menschen, die sie früher angespuckt hatten und nun ausnehmend freundlich waren.

Johann Hagner: Der Regensburger ist beeindruckt davon, dass Charlotte Knobloch nicht zur Menschenfeindin wurde. Foto: Hueber-Lutz
Johann Hagner: Der Regensburger ist beeindruckt davon, dass Charlotte Knobloch nicht zur Menschenfeindin wurde. Foto: Hueber-Lutz

Wie die Hausmeistersgattin, die nun die Hilfe des Vaters brauchte, um einen Persilschein zu erhalten. Gemeinsam mit ihrem Mann wollte Charlotte Knobloch in die USA auswandern, die Kinder kamen, man blieb. Aber auch ein gepackter Koffer blieb. Erst mit der Einweihung der neuen Münchner Synagoge habe sie so etwas wie Heimat wiedergefunden. Die Frage der Zugehörigkeit sei aus jüdischer Sicht trotzdem ein lebenslanger Prozess.

„Danke, dass Sie uns mit hineinnehmen in Ihre Lebensgeschichte“, sagte Dekan Roman Gerl. Auch ihm als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Regensburg sei es ein großes Anliegen den Dialog zu fördern. Den Einzug der AFD in den Bundestag sehe Charlotte Knobloch als wahr gewordenen Alptraum. Er würdigte die Rednerin als eine wortmächtige Kämpferin für ein friedliches Miteinander. „Danke für Ihre bewegenden Worte, für all Ihren Einsatz und Gottes Segen für Sie.“

Heinz Grobmeier musizierte gemeinsam mit Fredy Granzer Foto: Hueber-Lutz
Heinz Grobmeier musizierte gemeinsam mit Fredy Granzer Foto: Hueber-Lutz

Der Rahmen, den die beiden Musiker Heinz Grobmeier und Fredy Granzer beisteuerten, passte perfekt. Die sephardische Musik der spanischen Juden im Mittelalter griff über die Jahrhunderte hinweg und schien die zeitlose Schwere zu thematisieren, von der jüdische Schicksale so oft geprägt sind. Nächsten Donnerstag wird die Reihe mit der Lebensgeschichte einer weiteren herausragenden Persönlichkeit fortgesetzt: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck kommt nach St. Emmeram.

Fastenpredigt

Gauck predigt in Sankt Emmeram

Auch Charlotte Knobloch kommt in die Basilika nach Regensburg. Lebensgeschichten stehen dieses Jahr im Fokus.

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