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Bildung

Bloß nicht aufs Gymnasium! Oder doch?

Wie gehen Eltern und Kinder mit dem „Übertritt“ um? Wie soll Schule sein? Das waren die Themen bei einer MZ-Gesprächsrunde.
von Steffi Bauer, MZ

Reden und zuhören: Die Teilnehmer einer von der MZ organisierten Gesprächsrunde sind sich einig, dass sie ihrem Nachwuchs beim Thema „Übertritt“ beratend zur Seite stehen wollen.
Reden und zuhören: Die Teilnehmer einer von der MZ organisierten Gesprächsrunde sind sich einig, dass sie ihrem Nachwuchs beim Thema „Übertritt“ beratend zur Seite stehen wollen. Foto: dpa

Cham.„Wenn mein Kind nach der vierten Klasse keine weiterführende Schule besucht – habe ich dann etwas falsch gemacht?“ Was für eine Frage! Aber die Mutter, die an der von unserem Medienhaus organisierten Gesprächsrunde zum Thema „Abenteuer Grundschule“ teilnimmt, erläutert, warum manche Eltern sich genau diese Frage stellen: „Wir waren damals 22 Kinder in der Klasse, davon sind dann zwei auf eine höhere Schule gegangen. Jetzt sind die Zahlen ja eher umgekehrt!“

In der Tat: Etwas mehr als 70 Prozent aller Grundschüler wechseln in Stadt und Landkreis Regensburg nach der vierten Klasse auf Realschule oder Gymnasium. Der Chamer MZ-Redaktionsleiter Frank Betthausen leitete die Gesprächsrunde und ist selbst Vater dreier Kinder. Auch die anwesenden Eltern haben Kinder, die die Grundschule besuchen und daneben teilweise welche, die den Übertritt hinter sich gebracht haben. Sie unterhalten sich in dieser Runde über Leistungs- und Übertrittsdruck, aber auch darüber, wie Schule heute sein sollte. Fast jeder der Teilnehmer hat jemanden im Bekanntenkreis, der eine beeindruckende Karriere über den zweiten Bildungsweg gemacht hat. Also beantworten sie die Frage, ob ihr Kind unbedingt auf eine weiterführende Schule sollte, einstimmig mit „Nein“.

„Wenn mein Kind nach der vierten Klasse keine weiterführende Schule besucht – habe ich dann etwas falsch gemacht?“

Bei der Frage, wie die Eltern sich die optimale Schule für ihre Kinder vorstellen, steht an vorderster Stelle das Verhalten der Lehrer: „Wenn die Chemie nicht stimmt, ist und bleibt es für die Kinder ein Kampf, angefangen schon beim morgendlichen Aufstehen bis hin zum Hausaufgabenmachen.“ Nur ein Lehrer, der es verstehe, die Kinder positiv zu unterstützen und zu motivieren, sei der Richtige für diese Aufgabe. „Ein Lehrer kann mit ganz wenigen, kurzen Momenten viel anrichten.“ Diese Erfahrung mussten einige der Eltern selbst in ihrer Schulzeit machen.

Lesen Sie zum Thema von MZ-Redakteur Thomas Kreissl auch: „Eltern haben die Grenzen im Blick“

Die Schulfreundin einer der Mütter wurde damals „regelrecht psychisch fertiggemacht“. Und leider hat mancher Lehrer nach Meinung eines Vaters – zumindest früher – gerne eine Art „Tunnelblick“ entwickelt: Wer nur in dem Fach, das dieser unterrichtete, schlecht war, in allen anderen Fächern aber ein Einserschüler, dem wurde trotzdem schon mal geraten, das Gymnasium wieder zu verlassen. Oder aber folgende – in diesem Fall aktuelle – Aussage vor Viertklässlern einer Grundschule im Landkreis Cham: „Keiner von euch geht aufs Gymnasium“. Für diese Lehrerin sei der zweite Bildungsweg der Königsweg, sagt die Mutter einer Tochter, die zu Hause berichtet hatte, was nach Ansicht ihrer Lehrerin alles gegen das Gymnasium spricht. So viele Vorteile der zweite Bildungsweg auch hat – wie es nach der Grundschule weitergeht, das sollten die Schüler mit der notwendigen Unterstützung immer noch selbst und ohne zu viele Vorbehalte entscheiden dürfen, finden die Teilnehmer der Gesprächsrunde.

Immer mehr Auffälligkeiten

Die meisten Grundschüler in Stadt und Landkreis zieht es an die Gymnasien.
Die meisten Grundschüler in Stadt und Landkreis zieht es an die Gymnasien. Foto mdl

Aber die Eltern selbst sind sich auch im Klaren darüber, dass man auf die Lehrer ohne Vorbehalte, die vielleicht schon durch Erfahrungen mit einem älteren Geschwister- oder Nachbarskind entstanden sind, zugehen muss: „Oft haben die Kinder dann gar kein Problem mit dem Lehrer, bei dem man sich dachte, wie soll das bloß funktionieren...“

Ganz wichtig bei einem Lehrer: Durchsetzungsvermögen und für Disziplin sorgen. „In der Klasse meiner Tochter werden ‚Störenfriede‘ immer neben die ‚braven‘ Kinder gesetzt“, berichtet eine Mutter. Ihre Tochter wurde dabei immer wieder so sehr gestört, dass sie am Ende gar nicht mehr in die Schule wollte – die Lehrerin hatte davon nichts bemerkt und erst nach Aufforderung der Eltern reagiert und den betreffenden Jungen auf eine separate Bank platziert.

Eine der Mütter hat eine Bekannte, die Arzthelferin ist, und berichtet: „Da hat sich die letzten fünf Jahre viel zum Negativen verändert.“ Früher hatten sie vielleicht ein verhaltensauffälliges Kind pro Quartal in der Praxis, heute ungefähr dreimal in der Woche. Diesen Trend bestätigt eine weitere Teilnehmerin der Runde, selbst Lehrerin. Die Gründe liegen für sie und die anderen im Freizeitverhalten: Statt Spiel, Sport und Spazierengehen würden die Kinder heute allzu oft „vor irgendeinem Kasten geparkt“, beklagen die Eltern, sei es Fernseher, Tablet oder Handy.

Übertrittsquoten Regensburg

  • Fast konstant

    Jahrelang waren die Übertrittszahlen an die weiterführenden Schulen in Stadt und Landkreis Regensburg nahezu konstant. Während seit dem Schuljahr 2010/2011 im Landkreis regelmäßig etwas mehr als 70 Prozent der Grundschüler aus der 4. Jahrgangsstufe aufs Gymnasium oder die Realschule wechseln, sind es in der Stadt knapp unter 70 Prozent.

  • Ziel: Gymnasium

    Der größte Teil der Grundschüler will aufs Gymnasium. In der Stadt waren das in den vergangenen Jahren jeweils annähernd 50 Prozent der Grundschüler, im Landkreis waren es meist gut zehn Prozent weniger. Dafür zieht es deutlich mehr Grundschüler aus dem Landkreis an die Realschule. Gut 30 Prozent waren es hier, während in der Stadt nur knapp 20 Prozent die Realschule bevorzugten.

  • Ein Aureißer

    Einen Ausreißer gab es im aktuellen Schuljahr. Die Zahl der Grundschüler, die ans Gymnasium wechselten, stieg auffällig an. So zog es in der Stadt 52 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium. Im Landkreis waren es mehr als 40 Prozent und damit fast fünf Prozent mehr als 2015/16. Damals war allerdings im Landkreis die niedrigste Quote der letzten Jahre registriert worden war.

Oft trotz mangelnder Alternativen, denn der Familienverbund sei heute oft nicht mehr so gegeben wie früher, zudem müssten in vielen Fällen beide Elternteile baldmöglichst wieder erwerbstätig sein. „Kapituliert man als Lehrer denn bei manchen Schülern nicht irgendwann?“, möchte eine andere Mutter wissen. „Wenn alle an einem Strang ziehen – Schulleiter, Eltern, Sozialpädagogen und Lehrer – kann man etwas erreichen. Ansonsten wird es schwierig“, sagt die Pädagogin. Mit den Eltern der Schüler habe sie persönlich nur wenig Auseinandersetzungen. „Aber bei manchen Klassenlehrern sind die Mamas Dauergast – Stichwort Hubschraubereltern.“

Besprochen wurde auch das derzeit in der Diskussion stehende Notensystem. „Noten hängen oft von der Tagesform ab“, sagen die am Gespräch beteiligten Eltern. Und für manche Fächer gebe es nur sehr schwammige Kriterien, es spiele eine große Rolle, welcher Deutschlehrer den Aufsatz durchlese oder das vorgetragene Gedicht bewerte. „Die Note sagt nichts über den Menschen aus, die soziale Beurteilung ist eigentlich viel interessanter“, waren sich alle einig.

„Die Note sagt nichts über den Menschen aus, die soziale Beurteilung ist eigentlich viel interessanter.“

Und wie schlimm erleben die Eltern den Übertrittsdruck, wenn ihre Kinder die vierte Klasse besuchen? Im Allgemeinen machen die Eltern die Erfahrung, dass Lehrer, Bekannte und Freunde zum Gymnasium raten, sobald die Grundschüler gute Noten nach Hause bringen. Die Anwesenden sind sich einig, ihren Kindern zwar beratend zur Seite zu stehen, ihnen aber selbst die Wahl zu lassen, welche Schule sie besuchen wollen.

Schon sehr konkrete Vorstellungen

Aber wissen diese wirklich, was auf sie zukommt? Sie scheinen zumindest konkrete Vorstellungen zu haben: „Meine Tochter will eigentlich aufs Gymnasium, aber die hohen Schülerzahlen dort schrecken sie etwas ab. Wir haben ihr gesagt: Du kannst überall deinen Weg machen, und wir versuchen dich, soweit es geht, dabei zu unterstützen.“ An den Tagen der offenen Tür könne man sich gemeinsam ein Bild von den Schulen machen. Einige der Kinder haben sich bereits für eine bestimmte Schulform entschieden, manche sogar schon für einen bestimmten Zweig. Aber die Eltern haben durchaus erlebt, dass bei Klassenkameraden ihrer Kinder Druck von den Eltern gemacht wird, was den Übertritt betrifft. Umgekehrt kommt es auch vor, dass die Schüler von den Noten her aufs Gymnasium gehen könnten, die Eltern aber sagen: Die Mittel- oder Realschule ist ausreichend. Wenn gewünscht, könne man auch nach der Mittelschule mit dem M-Zug weitermachen, den Kindern stünden weiterhin alle Möglichkeiten offen.

„Generell wäre es aber besser, wenn die Entscheidung für eine bestimmte Schulform nicht schon nach der vierten Klasse, sondern um einige Zeit später fallen müsste“, sagen die Anwesenden. Auf keinen Fall wollen sie ihren Kindern in der vierten Klasse Nachhilfe geben, um sie auf Biegen und Brechen auf eine weiterführende Schule zu schicken. Dass Burnout bereits bei Schülern vorkomme, sei erschreckend. „Es sind Kinder, sie wollen ja auch Freizeit und Spaß haben. Wir sollten ihnen ein bisschen Zeit zum Träumen lassen.“

Das bayerische Schulsystem im Überblick

Diese Grafik des Staatsministeriums für Bildung und Kultus gibt es einen guten Überblick:

Die Themenwoche

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche „Abenteuer Grundschule“. Hier geht es zu unserem Spezial.

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