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Satire

Buch zeigt 67 Briefe aus dem Papierkorb

Florian Toperngpong legt einen grandiosen Bildband vor. Die Geschichte der Welt muss künftig neu buchstabiert werden.
Von Peter Geiger

Sogar den Putzplan der Kommune 1 hat Regensburger Künstler Florian Toperngpong ausfindig gemacht - mit Hilfe seines Mittelsmanns Aaron Aachen, der waldschratartig sein Dasein an der Grenze zu Tschechien fristet. Foto: Geiger
Sogar den Putzplan der Kommune 1 hat Regensburger Künstler Florian Toperngpong ausfindig gemacht - mit Hilfe seines Mittelsmanns Aaron Aachen, der waldschratartig sein Dasein an der Grenze zu Tschechien fristet. Foto: Geiger

Regensburg.Der Regensburger Künstler Florian Toperngpong ist nicht nur ein origineller Kopf, nein, er liebt auch die Verhüllung: Als er vor zwei Jahren im Sommer eine Woche lang leibhaftig in der Galerie „konstantin b.“ anwesend war und Post-it-Zettelchen bemalte und beschrieb, für die Ausstellung „Alles, was ich weiß“, da entstanden nicht nur wunderbare kleine Kunstwerke. Ohne jegliche Zuhilfenahme von Enzyklopädien oder anderen Hilfsmitteln befragte er einfach sein Hirn. Bohrte hinunter in Tiefenschichten seines Erinnerungsvermögens. Förderte von dort zutage, was er jemals erfahren und gelernt hatte. Und bannte das alles anschließend mit Kugelschreiber sehr formschön und kunstvoll auf gelbe Zettelchen.

Aus dieser Zeit existiert auch ein Porträt von ihm. Aber als Florian Toperngpong ist er darauf eigentlich gar nicht zu erkennen - denn sein Gesicht verschwindet komplett hinter Post-its. Man hat fast das Gefühl, da will einer den alten Descart’schen Lehrsatz vom „Cogito, ergo sum“ konterkarieren und in die Gegenwart herüberretten: „All das, was ich weiß, das bin ich!“

Mit seiner neuen Veröffentlichung „Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“ - einem rund 125 Seiten starken Buch, das bei Jacoby & Stuart in Berlin erschienen ist (24 €) - da verhält es sich ähnlich. Denn der Autor verbirgt sich zunächst hinter einer Maske – erfindet in der geheimnisvoll-kruden Figur des Archivars Aaron Aachen (s)ein Alter Ego und unterstellt diesem, dass er ganz zurückgezogen auf einem Jagdschloss an der Grenze zu Tschechien lebe.

Märchenhaft und surreal

Beim Pilze sammeln habe man sich kennengelernt. Das klingt nicht nur verrückt und märchenhaft - sondern ornamentiert auch den surrealen Kern der Situation vortrefflich. Jedenfalls habe sich dieser Aaron Aachen als Sammler erwiesen, als einer, der in seinem Privatarchiv in großer Zahl Briefe verwahre, von denen jeder einzelne über die Kraft verfügt, nicht nur Fässern den Boden auszuschlagen, sondern auch dafür zu sorgen, dass künftig die Geschichte der Welt neu buchstabiert werden muss. Weshalb jetzt im Buch auch jene handschriftlich verfasste Nachricht eines 17-jährigen Prager Gymnasiasten namens Franz Kafka an den damals schon recht bedeutenden Dr. Sigmund Freud zu sehen und nachzulesen ist. Der hatte soeben - man schreibt das Jahr 1900 - seine voluminöse Untersuchung „Die Traumdeutung“ auf den Markt gebracht hat. Und sieht sich nun mit der Bitte um Analyse eines kafka’schen Nachtmahrs konfrontiert: „Ich erwache eines Morgens in meinem Bett und stelle fest, dass ich mich in einen riesigen Käfer verwandelt habe.“

Das alles ist perfekt in Szene gesetzt – nicht nur, weil es sich um ein stockfleckiges, verknittertes, eingerissenes und mit dem Eingangsstempel des „Franz Kafka Privatarchivs“ versehenes Exemplar handelt, das obendrein noch den Namen des berühmten Forschers Eduard Goldstücker enthält – sondern weil auch der Handschriftvergleich jeder Prüfung standhält.

Fakten vs. Fiktion

  • Relotius:

    Wo die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verläuft, das wird angesichts von Fällen wie Claas Relotius oder Takis Würger heftig diskutiert.

  • Buch:

    Der Regensburger Allround-Künstler Florian Toperngpong kommentiert mit seinem beim Verlag „Jacoby & Stuart“ erschienenen illustrierten Bildband „Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“ das Thema auf eigenwillige und auch originelle Weise.

Ungeheures Ungeziefer

Ja, das ist tatsächlich der Schwung des nachmaligen Autors der „Verwandlung“, jener berühmten Erzählung, in der ein Mann namens Gregor Samsa davon berichtet, nach unruhiger Traumnacht in ein „ungeheures Ungeziefer“ verwandelt gewesen zu sein.

67 solcher Briefe „Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“ enthält dieser grandiose Band - und wenn man weiß, dass Florian Toperngpong im Hauptberuf Werbegraphiker ist, mit einer Vorliebe fürs Storytelling – na, dann ist man ja schon auf der richtigen Spur. Ob freilich der auf Seite 9 abgedruckte Brief eines „Stern“-Redakteurs (ja genau - die mit den Hitlertagebüchern!) an die Verlegerin „authentisch“ ist - oder Teil der Finte, das weiß nur der Künstler selbst. Ab 22. Februar werden die Brief-Originale übrigens bei konstantin b. (Am Brixener Hof 11) in einer Ausstellung zu sehen sein!

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