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Geschichte

Bücher: Kriegsgefangene in Regensburg

Isabella von Treskow und Bernhard Lübbers stellen zwei Bände der „Neuen Edition“ vor. Es geht um Kriegsgefangene.
Von Helmut Hein

  • Kartoffelbrot gab es im Kriegsgefangenlager auf dem Unteren Wöhrd. In der Zeitung „Le pour et le contre“ schrieben Gefangene, dass sie das Essen verabscheuten. Foto: Privatsammlung Fred Wiegand

Regensburg.Am Anfang stand ein Schatz, den jemand achtlos weggeworfen hatte und den der spürnasige Regensburger Antiquar Reinhard Hanausch aus dem Altpapierabfall fischte: ein komplettes Konvolut der Wochenzeitung „Le pour et le contre“, die 1916/17 für ein Dreivierteljahr in Regensburg erschien. Auf französisch? Ja, denn es handelte sich um Mitteilungen von Kriegsgefangenen für Kriegsgefangene, geschrieben und vervielfältigt im großen Lager auf dem Unteren Wöhrd.

Franzosen, Serben und Belgier

Wer jetzt erstaunt die Stirn runzelt, der befindet sich in bester Gesellschaft. Denn wie jahrzehntelang der ukrainische „Staat“ im Stadtsüden der Nachkriegszeit fast vollständig aus dem Gedächtnis verschwunden war, so wusste man auch lange nichts (mehr) von dem Kriegsgefangenenlager vor allem für Franzosen, aber auch für Serben und Belgier mitten in der Stadt. Dass sich das geändert hat, ist Hanauschs Verdienst, mehr aber noch das von Bernhard Lübbers, dem Leiter der Staatlichen Bibliothek in der Gesandtenstraße. Und es hat sehr viel mit seinem Selbstverständnis als wissenschaftlicher Bibliothekar zu tun. Der sollte nämlich nicht nur sammeln, also (neue) Bestände sichten und katalogisieren, sondern selbst forschen, wie das der legendäre Kollege Paul Raabe – „Deutschlands bekanntester Bibliothekar“ (FAZ) – gefordert hatte. Also erwarb Lübbers vor zehn Jahren das Konvolut und machte sich an die Arbeit.

Die erste Frucht der Zusammenarbeit mit Prof. Isabella von Treskow, Lehrstuhlinhaberin für Romanische Philologie an der Universität Regensburg, war eine dreitägige wissenschaftliche Tagung im sommerlichen Regensburg des Jahres 2016. Weil aber auf Dauer nur bleibt, was gedruckt ist, finden sich die vierzehn Beiträge des Symposions jetzt im zweiten Band der „Neuen Edition“, die kulturgeschichtlichen Forschungen zu Gefangenschaft und Internierung in Regensburg von 1914 bis 1919 gewidmet ist. Die ersten beiden Bände, sorgfältig ediert und im Pustet-Verlag erschienen, wurden jetzt in der Staatlichen Bibliothek präsentiert. Drei weitere Bände sind in Planung. Wenn sich weiteres Material oder neue Analyseansätze finden, kann das Projekt auch erweitert werden.

Kultur? Das ist nicht das, was man sofort und ohne groß nachzudenken in einem Kriegsgefangenelager vermutet. Aber die Haager Konventionen, damals noch sehr frisch, sollen ein menschenwürdiges Leben der Arretierten garantieren. Dazu gehören auch selbstbestimmte kulturelle Betätigungen in einem sehr umfassenden Sinn. Für die Betreiber der Lager ergibt sich noch der Mehrwert, dass dadurch die Gefangenen beschäftigt und besänftigt werden. Wer liest, musiziert oder Theater spielt, randaliert und revoltiert nicht. Kultur kompensiert die Verluste, die der Krieg unweigerlich mit sich bringt.

Woher weiß man von dem reichen kulturellen Leben im Lager an der Spitze des Wöhrds? Vor allem aus der Zeitung „Le pour et le contre“, die nicht nur Artikel zu diversen Themen, sondern auch Annoncen enthielt. Eine Auswahl an Beiträgen ist jetzt als Band 1 der „Neuen Edition“ erschienen, übersetzt von Manfred L. Weichmann und herausgegeben von Isabella von Treskow. Die Zeitung als Fundgrube. Wer sie nutzt, kann Mentalitätsgeschichte betreiben – und sich ein Bild davon machen, was und wie da musiziert, gespielt und gelesen wurde. Dass Richard Wagner, ein halber Franzose, von Baudelaire „entdeckt“ und von höchstem Einfluss auf die jungen Komponisten, später aber auch Gegenstand eines erbitterten, nationalistisch gefärbten Streits, auf dem Programm stand, verwundert zunächst. Weniger aber das Faible für die Klassiker des französischen 19. Jahrhunderts, von Bizet und Berlioz bis zu den neueren. Die Verwunderung betrifft nicht nur Ideologisches, sondern auch die vorhandenen Mittel. Wagner war bekanntlich nicht gerade Kammermusiker. Isabela von Treskow: „Da musste fast alles transkribiert werden“, also „heruntergeschrieben“ auf kleinere Besetzungen und auf die Instrumente, die gerade zur Verfügung standen. Kompetenz war reichlich vorhanden, Hausmusik war damals in bürgerlichen Familien Usus.

Lachen hilft beim Vergessen

Es wurde aber auch Theater gespielt; mit Vorliebe höherer Boulevard, gern auch Vaudeville. Lachen hilft beim Vergessen und Verdrängen oder, vornehmer formuliert, es sublimiert die eigene aktuelle Lage. Gespielt wurde mitten im Krieg beispielsweise George Courtelines „La paix chez soi“, was zwar „Der häusliche Friede“ bedeutet, was man aber durchaus als Metapher für den allgemeinen Weltzustand nehmen konnte. Dieses Stück bzw. Proben für das Stück wurden während der erwähnten Tagung 2016, „sehr schön“, wie Lübbers meint, von der privaten Regensburger Theater-Akademie aufgeführt.

Viel kulturelles Leben also – und im Zentrum stand die Zeitung „Das Für und das Wider“, die vieles berichtete und zu vielem Stellung nahm. Wenn man einen erweiterten Kulturbegriff im Sinn hat, gehört auch der Unmut der Kriegsgefangenen über das fremde, ja feindliche Essen dazu; beim Wort „Kartoffelbrot“ sträuben sich einem nicht nur die Haare. Was die Franzosen nicht wussten: dass ihre Bewacher auch nichts anderes zu essen bekamen.

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