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Tournee

Cantemus erprobt in China neue Wege

Vom Brahms-Requiem bis zu „Urmel auf dem Eis“. Der Chor schreckt vor nichts zurück und das ist die Fahrkarte nach Shanghai.
Von Britta Schönhütl, MZ

Regensburg.„Nur weil ein Anruf aus China kommt, würde ich nie in ein Flugzeug steigen!“, gluckst Matthias Schlier. Doch genau das wird er: Auf Empfehlung eines europaweit bekannten Knabenchors wird der Cantemus von 28. Juli bis 8. August nach und durch China reisen. Genauer gesagt: 45 Mitglieder inklusive einer Bläsergruppe werden in sechs Städten siebenmal performen. Eine richtige Konzerttournee eben, für die der Chor explizit von einem chinesischen Konzertveranstalter angefragt wurde.

Aufgrund eines Konzertes im letzten November, dem Cantemus schon seine letzte Reise zu verdanken hat, verrät Matthias Schlier: „Das Brahms Requiem hat uns nach Wien geführt und jetzt führt es uns auch nach China.“

Regisseurin Evi Eiberger fähr mit

Sopranistin Sandra Trattnigg stellte damals den Kontakt nach Österreich her und verhalf Cantemus zum Konzert im Wiener Stephansdom. Auch mit dabei war Delf Lammers, der Konzertmanager des Windsbacher Knabenchores. Er unterstützt die Cantemus-Männer regelmäßig bei Konzerten – und wird den Chor nun nach China holen. Delf Lammers war dort selbst schon mit seinen Windsbachern unterwegs und kennt den Konzertveranstalter gut. Als man sich in Shanghai auf die Suche nach einem neuen europäischen Chor begab, schlug er sofort Cantemus vor.

Der Cantemus-Chor

  • Gründung:

    Der Cantemus-Chor wurde 1994 von Matthias Schlier, stellvertretender Leiter der Städtischen Sing- und Musikschule, mit anfangs 30 Kindern gegründet. Mittlerweile umfasst der Chor über 500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

  • Neugründung:

    Cantemus Neo gründete sich 2013 aus den erwachsen gewordenen Mitgliedern des Cantemus-Chors. Dieses Vokalensemble besteht aus etwa 35 Sängerinnen und Sängern. Der Schwerpunkt liegt im konzertanten Bereich.

Doch ist diese Nummer nicht ein bisschen zu groß für den Cantemus-Chor? Blickt man in die konzentrierten Gesichter in den Proben, versteht man schnell, wieso gerade dieser Chor angefragt wurde: Der Zehnjährige in der ersten Reihe gibt der Mittzwanzigerin hinter ihm den richtigen Ton, während sich die Männerstimmen zügeln, um die anderen nicht zu übertönen. Hier hört jeder auf jeden, hier schaut jeder auf jeden – auch beim Tanzen. Denn es wird szenisch: Matthias Schlier hat Regisseurin Evi Eiberger gebeten, die Tournee zu begleiten und nutzt so aus, was in Regensburg noch auf Verwirrung stößt: „Die Leute in Regensburg haben nach wie vor Probleme, uns einzuordnen. Erst machen wir „Urmel aus dem Eis„ und dann das Brahms-Requiem, da kennt sich keiner aus. Das als Konzept zu etablieren, dauert. Denn wir verbinden die verschiedenen musikalischen Sparten.“

Genau deswegen ist Cantemus nach China eingeladen worden. Weil der Chor vor nichts zurückschreckt und sich durch hohe Diversität auszeichnet: Cantemus kann dem chinesischen Publikum neben all den derzeit durchs Land tourenden und vergleichbaren Knabenchören nicht nur ein gemischtes Ensemble, sondern auch eine Altersspanne und die damit verbundene Stimmenvielfalt bieten, die anderen Chören fehlt. Von zehn Jahren bis wirklich erwachsen wird in China alles dabei sein. Das Konzertprogramm setzt dann noch eins obendrauf: Denn neben dem engelsgleichen Abendsegen oder Liedern aus der Zauberflöte von den Kleinsten werden auch Accapella-Stücke nur von den Großen gesungen. Abwechselnd mit kurzen Bläser-Einlagen wird all das szenisch umgesetzt, so dass irgendwann plötzlich die Jellicle Cats über die Bühne schleichen, nachdem zu „Singing in the Rain“ gehüpft wurde.

Dank der unermüdlichen Unterstützung von Evi Eiberger ist sich der Chorleiter seiner Sache ganz sicher: „Wenn alles klappt, definieren wir das Chor-Konzert neu. Es gibt solche Konzerte bisher nicht, die von Regisseuren mitentwickelt werden und sich hinsichtlich der Stilistik und Mischung der Stimmen so sehr unterscheiden.“ Aber wie kommt man da zur idealen Besetzung?

Knapp zehn Prozent dürfen die große Reise antreten. 45 Kinder, Jugendliche und Erwachsene – was nicht heißt, dass es sich bei der Gruppe um eine Art elitären Kreis handelt. Denn Matthias Schlier hatte viele Hürden zu nehmen: Die Eltern der Kleinsten mussten einwilligen, Prüfungs- und Familientermine berücksichtigt werden. Fliegen werden nun jene 45 Chormitglieder, die die organisatorische Hölle überlebt haben – und bereit waren, die Konsequenzen zu tragen. Denn am 6. August, zwei Tage vor Tournee-Ende, fahren 130 andere Chormitglieder nach Burg Finstergrün in Österreich, die wichtigste Chorwoche im ganzen Jahr.

Finstergrün schweißt zusammen

Wer also mit nach China fliegt, kann erst als Nachzügler auf die Burg. Klingt banal? Nicht für die Chorgemeinschaft, bekräftigt Matthias Schlier: „Die Fahrt nach Burg Finstergrün ist für den Chor wesentlicher als wenn ein paar von uns in China in irgendeiner Halle stehen. Es nützt uns nichts, dass wir sagen können, wir waren in China. Es geht um den Chor im Gesamtbild, Finstergrün schweißt die Gruppen zusammen!“

Ob die Konzerttournee dem Cantemus-Chor gut tun oder einfach eine ganz neue Erfahrung wird, kann erst im Nachhinein beurteilt werden. Für Matthias Schlier unterscheidet sich diese Reise erstmal nur hinsichtlich der Hitze und der Zeitumstellung von anderen, sonst blicke er ihr weder euphorisch noch ängstlich entgegen. Sein Chor wird das schaffen. Eine der jüngeren Sängerinnen bringt es auf den Punkt: „Wenn das die Gemeinschaft nicht aushält, dann ist sie auch nichts wert.“

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