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Musical

Das Dschungelbuch als rasante Show

Der Cantemus-Chor bringt im Regensburger Velodrom versnobte Geier und einen aggressiven Tiger auf die Bühne.
Von Angelika Lukesch, MZ

  • Mogli (Anselm Schmack, Mitte) wurde von den Affen in die Affenstadt entführt. Fotos: Lukesch
  • Die Geier freuen sich auf der Bühne im Velodrom auf den nächsten leckeren Kadaver. Sie kamen beim Publikum gut an.

Regensburg.Am Samstagabend, kurz vor der Premiere der neuesten Cantemus-Chor-Produktion „Das Dschungelbuch“, drängen sich die Zuschauer vor dem Eingang zum Velodrom. Das strahlende Sommerwetter passt zum Thema, die schwül-warme Luft im Velodrom tut ihr Übriges, um das Publikum in die richtige Dschungel-Stimmung zu bringen. Und dann beginnt das Theater! Auch wenn sich das neue Dschungelbuch von László Dés (Musik), Pál Békés (Buch) und Wolfgang Adenberg (Übersetzung) deutlich vom Disney-Film, respektive Disney-Musical mit dem selben Titel unterscheidet, so findet man sich als Zuschauer sehr schnell in einer sehr bekannten Dschungelwelt wieder.

Zu Beginn des Musicals tritt Eva Vollmer als „Mutter Natur“ auf, deren Gesang die Zuschauer berührt. Die Geschichte des Dschungelbuchs, das der Cantemus Chor unter der Gesamtleitung von Matthias Schlier präsentiert, beginnt mit einer dramatischen Szene. Moglis Vater stirbt und Mogli bleibt allein im Dschungel zurück.

Eine Show der großen Gefühle

Anselm Schmack hat die Hauptrolle übernommen und wird in den folgenden zweieinhalb Stunden mit seinem Einsatz, seinem Gesang und nicht zuletzt seinen sportlichen Fähigkeiten brillieren. Die Inszenierung unter der Regie von Heidi Huber besticht durch Lebhaftigkeit, Modernität und Humor. Ernsthaftigkeit, Wehmut und Trauer finden jedoch auch als notwendiger Kontrapunkt zu einer rasanten Musical-Show ihren Platz in der Handlung, zum Beispiel wenn Mogli glaubt, dass sein Freund, der Bär Balu (Nico Muje), getötet wurde.

Sir Khan (Mert Öztaner) versetzt den Dschungel in Angst und Schrecken.
Sir Khan (Mert Öztaner) versetzt den Dschungel in Angst und Schrecken.

Den tragenden Figuren der Dschungelbuch-Geschichte, die wesentlich näher an Rudyard Kiplings Original angesiedelt sind, hat die Regisseurin vielseitigere Persönlichkeitsaspekte und einen schärfer umrissenen Charakter gegeben als in den Disney-Produktionen. Mert Öztaner als böser Tiger Sir Khan erobert auf fast diabolische Weise die Bühne und verbreitet Angst und Schrecken im Tierreich des Dschungels. Seine Maske erinnert an die Rockband Kiss, sein Kostüm ist das eines gewalttätigen Rockers und seine Rede beziehungsweise sein Gesang ist aggressiv, bedrohlich und ganz und gar böse. Das Wolfsrudel, das Mogli in seine Reihen aufgenommen hat, besticht als homogene Gruppe umsichtiger Wölfe, deren Leitwolf Akela (Johannes Moritz) von Sir Khan gedemütigt und schließlich getötet wird. Ganz anders treten die von allen anderen Tieren im Dschungel gehassten und verachteten Affen auf. Sie sind wild, ungebildet, Aufmerksamkeit heischend, launisch, aufdringlich, falsch, larmoyant und vor allem sehr, sehr laut. Die Musik untermalt die Charakterzüge aller Wesen im Dschungel vorzüglich, die Dialoge sind zum Teil von entwaffnender Witzigkeit und triefen nicht selten von Selbstironie.

Dieses Video verschafft Ihnen einen kurzen Eindruck von der Show.

Video: Lukesch

Die Schlange Kaa (Maria Freudling), die auf fantasievolle Weise als Menschenschlange (im Sinne von: Menschen stehen hintereinander) dargestellt wird, brilliert mit fein akzentuiertem „s“ und extremen Zischlauten sowie mit einer Choreografie, in die die Vielarmigkeit einer indischen Göttin passend einfließt. Der dicke Balu und der schlaue Baghira (Laura Schönhütl) begleiten den kleinen Mogli durch all die Gefahren des Dschungels mit den guten Eigenschaften, die echte Freunde haben müssen. Laura Schönhütl verleiht Baghiras Wesen Klugheit, Weisheit und viel liebevolle Freundlichkeit. Nico Muje besticht als Balu mit glaubhaft zärtlicher Grobheit und absoluter Loyalität.

Geier kommen beim Publikum an

Sehr großen Erfolg beim Publikum haben auch und vor allem die Geier. Arpad Vulkan als Obergeier Tschil und seine vier Geier-Begleiter sind versnobt, selbstgefällig und ständig latent gierig nach Kadavern. Die versnobte Manieriertheit, mit der die Geier auf der Suche nach toten Tieren im Dschungel überall präsent sind, geben die fünf Geier Eva Vollmer, Marleen Bauer, Astrid Schönhütl, Antonia Bach und Arpad Vulkan auf vorzügliche und unglaublich ansprechende Weise.

Die Geier fungieren als Running Gag und geben dem Musical Struktur und sehr viel Charme. Die gesanglichen wie auch die Leistungen in den Sprechphasen, für die Annika Fischer und Uli Groeben verantwortlich zeichnen, sind auch bei dieser Inszenierung hoch zu loben. Die Konflikte mit den Menschen, Moglis Wunsch und gleichzeitig seine Aversion, zu seinen Artgenossen zurückzukehren, werden in der gebotenen Dramatik dargestellt. Anselm Schmack macht die große Ambivalenz Moglis deutlich, den es einesteils in den Dschungel zurück und anderenteils zu den Menschen zieht. Diese neue Cantemus-Chor Produktion, die kongenial von der Piu Piu Band unter der Leitung von Ulli Forster und Thomas Basy begleitet wurde, gehört in die Riege der Top- Cantemus- Inszenierungen. Zu bewundern sind solche Höchstleistungen vor allem, wenn man das Alter der Protagonisten bedenkt und die Tatsache, dass alle Musicaldarsteller der Cantemus-Chöre dies „nebenbei“ in ihrer Freizeit machen.

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