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Jahrestag

Das Ende des Regensburger Zuckers


Von Helmut Wanner, MZ

Wolfgang Hammer scheut die Straubinger Straße. Auf der Ostumgehung würde er am liebsten Scheuklappen aufsetzen. „Mir blutet das Herz“, sagt er. Er fährt nicht mehr gerne ins Ostenviertel.

Das Weichbild der Stadt hat sich verändert. Die Fabrik, in der er gelernt und bis zur Rente gearbeitet hat, steht hier nicht mehr. Stattdessen ragen sechs Krane in den Himmel. Zwischen den Resten der Zuckerfabrik und dem Gasometer stehen Bautafeln. Sie haben ihre eigene Poesie: „Regensburger Zuckerstück direkt am Candis-Platz“ oder „Candis-Allee. Ihre grüne Oase im Regensburger Osten.“ Noch braucht man Fantasie es sich vorzustellen: 2014 wird hier ein neues Stadtviertel stehen – Candis.

„Acht Stunden ist Kurzarbeit“

Für die MZ ist Hammer über seinen Schatten gesprungen. Oder besser: Aus Respekt vor dem Vater des MZ-Reporters. Für den Franz, bei dem er in der Rohfabrik gelernt hat, Rohre zu schweißen, kehrt er an die geschleifte Pforte der Zuckerfabrik zurück. Wo früher täglich 735 Lkws ihre Fracht zur Rübenverarbeitungskampagne karrten, rattern die Straßenbaumaschinen. Statt nach Rübe riecht es nach Teer. Die Kreuzung wird asphaltiert.

Früher ging es hier richtig rund. „Acht Stunden ist Kurzarbeit. 10, 12 Stunden, da geht a Pulver rein“, zitiert Hammer sein Vorbild, den Franz. „In der Fabrik hat man gut verdient. Von August bis Januar gab es keinen freien Tag“, sagt Hammer. Die Kampagne war für die Arbeiter und Meister der Zuckerfabrik Zahltag. „Jede Geranie bei mir dahoam am Hafnersteig is von der Zuckerfabrik. Und die Zuckerfabrik hat Euch das Studium zahlt, das darfst nie vergessen“, sagt Hammer.

Der Himmel ist grau, auch ohne das Zutun des süßlichen Rauchs aus dem letzten Regensburger Industrie-Schornstein, den Direktor Erich Muhlack immer in Wasserdampf korrigierte, ist der Himmel über Regensburg nicht aufgerissen. Obwohl es doch eigentlich noch gar nicht so kalt ist, möchte man beinahe aneiseln hier im Osten der Stadt. Direktor Heinrich Muhlack hat sich dazu gesellt, ohne Schal, Mütze und Handschuhe. Er wohnt ja gleich ums Eck.

„Nur keine Nostalgie“

Die hierarchischen Mauern sind mit den Zuckersilos gefallen. Als die Zuckerfabrik-Rentner jetzt wieder im Antoniushaus zusammen kamen, nannten die ehemaligen Aktiven ihren langjährigen Direktor Muhlack (1978 bis 2006) untereinander „Muckl“. Ins Gesicht würde man ihm das nie sagen. Muhlack bleibt auch im Ruhestand der Mann der Betriebsleitung. Er spricht eine andere Zunge. „Nur keine Nostalgie aufkommen lassen“, mahnt er zur Sachlichkeit, um gleich darauf philosophisch zu werden. „So ist das Leben. Es entsteht etwas und wird etwas beerdigt. Ich bin Realist.“ So gut sei die Südzucker AG noch nie dagestanden, jetzt wo die Fabrik nicht mehr steht. „Schauen Sie sich die Börsennotierungen an. Die Aktie ist über 30.“ Sie stand vor der Werksschließung bei sieben Euro, ergänzt Wolfgang Hammer.

Ökonomisch gesehen hat die Werkschließung Südzucker also gutgetan. Die EU zahlte eine millionenschwere Stilllegungsprämie. „Ein Segen für Südzucker“ sei auch gewesen, dass das gesamte Gelände verkauft werden konnte. Muhlack: „Nicht nur die Filetstücke, auch zum Beispiel der Klärteich bei Irl.“ Alle 60 Hektar gingen an Martin Schmack. Und nicht nur das klappte: Südzucker konnte durch die Schließung von Regensburg die Verarbeitungskapazitäten ausbauen. Früher dauerte eine Kampagne 80 Tage, heute 110. Regensburg, in der Mitte zwischen den Fabriken Plattling und Rain am Lech gelegen, war der Verlierer.

Ein bisschen Zucker gibt’s noch

Dass bei der ganzen traurigen Geschichte nun eine gelunge Stadtreparatur herauskommt, macht Erich Muhlack zweimal froh. Die Tiefgarage für die ersten Lambert-Häuser stehen schon. An der Pforte entsteht ein Ärztehaus Candis. Zum 31. Dezember wird das Autolager auf dem Rübenhof Nord aufgelöst. Die Bauarbeiten für das Versorgungszentrum beginnen. „Dann muss ich für eine Tüte Milch nicht mehr bis ins Donaueinkaufszentrum fahren“, sagt Muhlack. Eine Zuckerfabrikstraße wird dann an die industrielle Geschichte des neuen Stadtviertels erinnern. Und etwas Zucker gibt‘s auch noch. 18 Mitarbeiter produzieren braunen Zucker für Luise Händlmaier. Dazu Gelierkonzentrat und Zucker für rosa Pillen.

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