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Gesundheit

Das lange Warten auf die Operation

Am Mittwoch wird in Regensburg für eine bessere Versorgung von Adipositas-Patienten protestiert. Zwei Betroffene berichten.
Von Louisa Knobloch, MZ

Daniela Martin (Name geändert) kann aufgrund ihres Übergewichts kaum noch gehen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.
Daniela Martin (Name geändert) kann aufgrund ihres Übergewichts kaum noch gehen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Foto: Knobloch

Regensburg.Daniela Martin hat einen Traum: Im September kommt ihr Sohn in die Schule. „Mein größer Wunsch ist es, die Kraft zu haben, ihn dort hinzubringen und wieder abzuholen“, sagt sie. Momentan kann die 45-Jährige, die in Wirklichkeit anders heißt, kaum aus eigener Kraft vom Wohnzimmer in die Küche gehen, für längere Strecken ist die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern auf einen Rollstuhl angewiesen. Martin wiegt bei einer Körpergröße von 1,56 Meter rund 132 Kilo – das entspricht einem Body-Mass-Index (BMI) von 54. Begonnen haben die Gewichtsprobleme nach der Geburt ihres Sohnes: Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung bildeten sich bei Martin massive Wassereinlagerungen. „Ich war unglaublich müde und mir war oft schwindelig.“ Sie bewegte sich weniger, nahm immer mehr Gewicht zu: „Ein Teufelskreis.“

Dr. Corinna Attenberger leitet das Adipositaszentrum am Caritaskrankenhaus St. Josef in Regensburg.
Dr. Corinna Attenberger leitet das Adipositaszentrum am Caritaskrankenhaus St. Josef in Regensburg. Foto: Knobloch

Ein BMI über 40 allein würde bereits einen chirurgischen Eingriff zur Gewichtsreduktion rechtfertigen, sagt Dr. Corinna Attenberger, Fachärztin für Adipositaschirurgie am Caritaskrankenhaus St. Josef in Regensburg. Bei Martin kommen noch Begleiterkrankungen dazu: Sie leidet an Schlafapnoe, also nächtlichen Atemaussetzern, und hat bereits eine Lungenembolie erlitten. Alle paar Wochen muss sie deswegen stationär im Krankenhaus behandelt werden. Ihren Antrag auf eine Schlauchmagen-Operation lehnte ihre Krankenkasse jedoch ab. Sie solle es mit konservativen Therapiemethoden wie Ernährungsberatung und Sport versuchen, hieß es. „Wie soll ich Sport machen, wenn ich nicht einmal in der Lage bin, mir die Haare zu kämmen?“, fragt Martin. Sie gab jedoch nicht auf und legte Widerspruch gegen die Entscheidung ein.

In Bayern wird wenig genehmigt

So wie Martin warten viele Adipositas-Patienten in Deutschland teils jahrelang auf eine Operation. Mit einem bundesweiten Aktionstag an diesem Mittwoch (25. Mai), dem „Save-A-Life“-Day, möchte die Arbeitsgemeinschaft Adipositaschirurgie (CAADIP) der Deutschen Gesellschaft für Allgemein und Viszeralchirurgie auf die gesundheitlichen Gefahren durch Adipositas und auf Hindernisse bei der Behandlung aufmerksam machen. Auch das Caritaskrankenhaus St. Josef beteiligt sich daran. Hier findet am Mittag von 12 bis 13 Uhr eine Protestaktion statt. Die CAADIP kritisiert unter anderem die Genehmigungs-Praxis der Krankenkassen: Diese sei regional unterschiedlich, nicht nachvollziehbar und sozial ungerecht, heißt es im Flyer zum Aktionstag. So lag Bayern 2014 bei den adipositas-chirurgischen Eingriffen pro 100 000 Einwohner mit einem Wert von 8,2 deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 15,2 und weit hinter Stadtstaaten wie Berlin (46,6) oder Hamburg (40,4). Wissenschaftliche Studien zeigen zudem, dass adipositas-chirurgische Eingriffe bei Patienten zu einer deutlichen Verbesserung eines Typ-2-Diabetes führen.

Kommentar

Eine OP kann helfen

Bereits heute ist über die Hälfte der Deutschen übergewichtig – Tendenz steigend. Mit den Pfunden wächst auch das Risiko für weitere Erkrankungen wie Diabetes...

Der Bundesverband der Krankenkassen in Deutschland (GKV-Spitzenverband) verweist darauf, dass eine Operation bei Adipositas nur als letztes Mittel in Betracht komme und die Patienten dafür eine Reihe von Bedingungen erfüllen müssten. „Die besondere Prüfung einer solchen Operation wird auch deshalb notwendig, da ein eigentlich gesundes und intaktes Organ verändert wird“, teilte eine Sprecherin mit. Bei einer Schlauchmagen-OP wird beispielsweise ein großer Teil des Magens entfernt. Bevor eine Operation empfohlen wird, sollten die Patienten mindestens ein Jahr lang eine konservative Therapie machen. Diese besteht aus Ernährungs- und Bewegungstherapie sowie psychologischer Beratung. Auch hier übt der CAADIP Kritik: Viele Patienten hätten gar keinen Zugang zu einer solchen Therapie, weil flächendeckende Angebote fehlen. Zudem müssten Patienten oft Zuzahlungen leisten.

Martha Huber (Name geändert) wird an diesem Mittwoch am Caritaskrankenhaus St. Josef operiert – auch ohne eine Zusage der Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Martha Huber (Name geändert) wird an diesem Mittwoch am Caritaskrankenhaus St. Josef operiert – auch ohne eine Zusage der Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Foto: Knobloch

Dieses Problem kennt auch Martha Huber (Name geändert). Seit 2006 kämpft die heute 59-Jährige mit den Pfunden, probierte eine Diät nach der anderen. 2014 brachte sie bei einer Größe von 1,68 Meter 110 Kilo auf die Waage. „So kann es nicht mehr weitergehen, habe ich mir gedacht.“ Ihr Antrag auf eine Operation wurde von der Krankenkasse jedoch abgelehnt – sie solle eine konservative Therapie machen und zunächst 30 Kilo abnehmen, teilte man ihr mit. Für ein Therapieangebot hätte Huber fünf Mal die Woche rund 40 Kilometer einfache Strecke fahren müssen. „Das war mit meinem Beruf und Familienalltag nicht zu vereinbaren.“ Huber leidet unter ihrem Gewicht – seelisch und körperlich. Rechts hat sie bereits ein künstliches Kniegelenk, auch das linke Knie macht inzwischen Ärger. Durch ein Lip-Lymph-Ödem sind ihre Beine zudem stark angeschwollen. „Ich möchte die OP meiner Gesundheit zuliebe machen“, sagt sie – auch, wenn ein Schlauchmagen eine permanente Ernährungsumstellung und den Verzicht auf süße Getränke wie Limonade und Radler bedeutet.

OP – auch ohne Kostenzusage

Da die Krankenkasse das Erstgutachten nicht innerhalb der vorgegebenen Frist von fünf Wochen beantwortet hatte, liegt bei Huber eine sogenannte „Genehmigungsfiktion“ vor, erläutert Attenberger. Die Leistung gilt also als genehmigt. Doch auch ein Revisionsgutachten wurde von der Kasse abgelehnt, das Verfahren ging an den Rechtsanwalt. Im Rahmen des „Save-A-Life“-Day wird Huber an diesem Mittwoch nun ohne offizielle Kostenzusage der Krankenkasse operiert – als Teil der Protestaktion. „Für mich ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagt Huber und lächelt. Mit dem Schlauchmagen will sie ein Gewicht von 80 bis 85 Kilo erreichen – und dauerhaft halten.

Daniela Martin hat nach anderthalb Jahren zähen Ringens mit ihrer Krankenkasse endlich eine Bewilligung erhalten: Im Juni soll sie operiert werden. „Ich freue mich riesig. Allein der Gedanke, wozu ich dann wieder fähig bin – mit den Kindern toben oder auf den Spielplatz gehen –, beflügelt mich in jeder Hinsicht.“

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