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Interview

Das lange Warten auf ein neues Organ

Professor Dr. Bernhard Banas, der Leiter des Transplantationszentrums Regensburg, begrüßt den Vorstoß von Minister Spahn.
Von Angelika Lukesch

Professor Dr. Bernhard Banas, Leiter des Transplantationszentrums Foto: Uniklinikum Regensburg
Professor Dr. Bernhard Banas, Leiter des Transplantationszentrums Foto: Uniklinikum Regensburg

Regensburg.Vorneweg stellt Professor Dr. Bernhard Banas eines klar: „Eine Organtransplantation ist eine dramatische Verbesserung für die betroffenen Menschen!“ Leider müssten in Deutschland die Kranken auf den Wartelisten zwei- bis fünfmal länger auf ein Organ warten, als im Ausland. Ein Beispiel: „Ein Dialysepatient wartet in Deutschland auf eine Niere zwischen acht und zehn Jahre. Das ist fünfmal länger als im Nachbarland Tschechien. Hier muss er nur zwei Jahre warten“, sagt Professor Banas.

Die Versorgung in Deutschland mit Transplantationsorganen (die lebenserhaltenden Organe nach dem Transplantationsgesetz sind Leber, Niere, Herz, Pankreas, Lunge, Dünndarm) sei katastrophal. Auf 1000 Tote kämen in Deutschland lediglich 0,7-0,8 Organspender, in anderen Ländern seien es vier bis fünf. Die berechtigte Frage sei, sagt Professor Banas, wieso Deutschland im internationalen Vergleich, was Organspende anlangt, zu den Schlusslichtern in der Europäischen Union zähle. Die zweite Frage sei, was man dagegen tun könne.

Der Wunsch, Leben zu retten

„Was machen also die anderen anders?“ fragt Professor Banas. Zwei Drittel der Länder der EU haben die sogenannte Widerspruchslösung, nur ein Drittel die „harte“ Zustimmungslösung. In den anderen europäischen Ländern gebe es jedoch eine andere gesellschaftliche Übereinkunft gebe, bei der die Bereitschaft, Leben retten zu wollen, auch in die praktische Umsetzung gelangt sei. Doch auch in Deutschland will die große Mehrheit Leben durch Organspende Leben retten.

Laut Auskunft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2018 stehen 84 Prozent der Deutschen einer Organ- und Gewebespende positiv gegenüber, acht Prozent neutral und lediglich acht Prozent eher negativ. Die Bereitschaft zur Organspende hatte sich laut BZgA von 79 Prozent im Jahr 2010 bis zum heutigen Tag sogar um fünf Prozent erhöht.

Das Problem bestehe also auch darin, sagt Professor Banas, „dass wir uns zu Tode diskutieren“. Natürlich solle keiner genötigt werden, sich zu entscheiden. Doch wenn die große Mehrheit der Deutschen einer Organspende positiv gegenüberstünden, läge es doch nahe, das bislang praktizierte Vorgehen umzudrehen und die sogenannte Widerspruchslösung einzuführen. Das bedeutet, dass diejenigen, die keine Organe spenden wollen, dies dokumentieren sollen.

„Das Problem besteht darin, dass wir uns zu Tode diskutieren.“

Professor Dr. Bernhard Banas

Nach geltendem Recht ist es in Deutschland noch so, dass die betroffene Person dokumentieren muss, wenn sie Organe spenden will. Professor Banas weist daraufhin, dass auch bei einer Widerspruchslösung im akuten Fall die Angehörigen stets noch ein Vetorecht hätten und die Organentnahme verhindern könnten.

In Deutschland stehen 10 000 Menschen auf der Warteliste für lebenserhaltende Organe. Zwei Drittel dieser Menschen schaffen es irgendwann, ein lebensrettendes Organ zu erhalten, ein Drittel stirbt vorher. In allen anderen EU-Ländern habe man in den letzten Jahren die Organspendequote erhöhen können, sagt Professor Banas, in Deutschland sei sie zwischen 2010 und 2018 hingegen um 30 Prozent zurückgegangen.

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Gesellschaftliche Diskussion

Zudem gäben die Zahlen auf den Wartelisten kein realistisches Bild wieder. Sehr viele Kranke, sagt der Professor, ließen sich gar nicht auf der Warteliste eintragen, weil es ohnehin sinnlos sei. „Die Zahlen auf den Wartelisten stellen also eine beschönigende Unterschätzung der Situation dar“, sagt der Professor. Er ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußerst dankbar, dass er neuen Wind in das Transplantationsgesetz Deutschlands gebracht hat. Den Gesetzesentwurf, den der Minister am 31. August zur praktischen Verbesserung des Transplantationsgesetz eingebracht habe, hält Professor Banas für äußerst wertvoll.

„Die Zahlen auf den Wartelisten stellen eine beschönigende Unterschätzung der Situation dar.“ Professor Dr. Bernhard Banas

Demnach solle für jedes Krankenhaus ein Transplantationsbeauftragter benannt werden, der die Logistik für mögliche Transplantationen sowie Alarmketten aufbauen solle Auch die finanzielle Seite der Organentnahme müsse so berechnet werden, dass das Krankenhaus nicht auf den Unkosten sitzen bleibt. Darüber hinaus sollten Daten gesammelt werden, warum die Organentnahme nicht klappt und was man tun könnte, um dies zu verbessern. Dass Minister Span am 3. September die Widerspruchslösung ins Gespräch gebracht habe, mit dem Ziel, eine offene, gesellschaftliche Diskussion anzufachen, sowie eine offene parteiübergreifende Abstimmung im Bundestag, hält Professor Banas für äußerst wichtig.

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Keine Organmafia

„Die ethischen Werte sind uns wichtig. Wir haben eine Haftpflichtversicherung für das Auto, wir haben eine Krankenversicherung. Die Solidarität ist die Grundlage unserer Gesellschaft. 84 Prozent der Deutschen stehen einer Organspende positiv gegenüber, 98 Prozent würden für sich selbst, falls nötig, eine Transplantation haben wollen. Natürlich darf jeder eine Organspende ablehnen, aus welchen Gründen auch immer. Aber eines muss klar sein: Wir wollen Patienten helfen. Wir sind keine Organmafia.“

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