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Ostern

Das Lebensprinzip Demut

Familie Huynh floh mit dem Boot aus Vietnam – und lernte in Regensburg, mehr als einmal von vorne anzufangen.
Von Pascal Durain, MZ

  • Neuanfang – so lautet unser Osterthema. Das Nichts, aus dem alles werden kann, symbolisiert ein leeres Blatt Papier. Yodai Aoji, Yusuke Hisashima und Louisa Knobloch haben daraus zu jeder Geschichte passende Origamis gefaltet. Sabine Franzl hat sie in Szene gesetzt. Foto: Sabine Franzl
  • Die „Cap Anamur“ rettete Phucs Familie aus dem Meer. So gelangte sie nach Deutschland. In Vietnam waren die Huynhs wohlhabend. Hier mussten sein Vater Phong Huynh und seine Mutter My Hoa bei Null anfangen. Foto: Fleischmann

Regensburg.Als Phuc Huynh seinen Wagen an diesem Montag in Richtung Puricellistraße lenkt, fährt er zu dem Restaurant, das er als „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ bezeichnet: das Nam – Asian Cuisine. Einem Ort, mit verschnörkelten Drachensäulen an der Eingangstür, die „so hässlich sind, dass es schon irgendwie cool ist“. In Phucs zweitem Wohnzimmer gibt es panasiatische Küche. Es ist ein Ort, der ihn stolz macht. Es vergehen keine zehn Minuten, ehe Phuc einen Geschäftspartner entdeckt, der hier speist: den Chef der Schlossbrauerei Eichhofen. Ein kurzer Ratsch unter Geschäftsmännern folgt. Das Netzwerk ist eben alles. Und kaum einer weiß das besser als der 38-jährige Inhaber. Nur ein paar Minuten später schneit ein weiterer Bekannter herein. Er will Phuc seine Tochter vorstellen – wegen eines Ferienjobs. Phuc sagt, das geht klar, sie soll ihm aber noch mal eine Nachricht schreiben. „Whatsapp oder SMS?“ – „Egal.“ Problem gelöst. Dann kann er sich das Essen seiner Geschäftspartnerin, seiner Mutter, weiter schmecken lassen. Phuc erzählt, dass in seinen Läden meist nur Menschen aus gutem Hause arbeiten, die gute Manieren mitbringen. Sie sollen bei ihm lernen, was es wirklich heißt, Geld zu verdienen. Und wer wüsste das nicht besser, als er.

Das Nam hat sich gemacht. Mittags muss man sich beeilen, um einen freien Platz zu bekommen. Dennoch macht ihn das Restaurant nicht reich. Aber das erwartet Phuc auch nicht. Seine Eltern haben Arbeit – und das hat er vollbracht. Nachdem sie ihr erstes Restaurant in der Engelburgergasse aufgeben mussten, sah es lange nicht danach aus.

Phuc Huynh ist einer, der weder lange stillsitzen kann, noch sich besonders viel einbildet darauf, was ihm alles gehört. Das ist sein Prinzip: Demut. Phuc sagt, er sei mit den Lehren von Konfuzius erzogen worden: „Du kommst mit blanken Händen auf die Welt, und so verlässt du sie auch wieder.“ Wer seine Geschichte kennt, weiß, dass das nicht einfach nur so ein Spruch ist. Es erklärt seinen Tatendrang, seine Haltung, seine Ausgeglichenheit. Phuc Huynh ist das, was man einen Macher nennt. Nicht lange quatschen, lieber gleich loslegen. Und in seinem Fall hat das auch funktioniert. Aber nur weil er weiß, wie es ist, alles zu verlieren.

„Mama, ich will Unternehmer werden“ – „Warum sitzt du dann noch hier?“

Phuc Huynh – so funktioniert er: ganz oder gar nicht. „Wir hatten durchaus Dusel“, sagt der erfolgreiche Unternehmer aus Regensburg.
Phuc Huynh – so funktioniert er: ganz oder gar nicht. „Wir hatten durchaus Dusel“, sagt der erfolgreiche Unternehmer aus Regensburg. Foto: Clemens Mayer

Auf Phuc Huynhs Visitenkarte könnte vieles stehen – nur nicht Angestellter. Sein kleines Imperium ist schwer zu durchschauen; aber eigentlich sind all seine „Projekte“ nur das Produkt seiner Konsequenz. Phuc Huynh ist Unternehmer. Neben der Webhosting-Firma Huynh Communications, die fünf Mitarbeiter zählt, leitet er drei Gastronomien – das Nam, das Nam – Take away, ein Burger- und-Curry-Laden im Gewerbepark, und seit Sommer 2014 das italienische Restaurant Il Baretto. Dazu ist er noch Geschäftsführer der Marketingagentur Kokuuna. Außerdem ist er Kunst-Mäzen, Dozent, Mikrokredit-Geber, Regensburger, Strippenzieher etc.

Auch wenn er 50- bis 60-Stunden-Wochen abreißt, behauptet er: „Das ist ja keine Arbeit.“ Dafür macht das alles zu viel Spaß. Er sagt, er wollte schon als Kind Unternehmer werden. Seine Mutter habe nur entgegnet: „Warum sitzt du dann noch hier?“ So sei er erzogen worden.

Zu seinem ersten Neuanfang wurde er als Kleinkind gezwungen. „Wir waren eine der reichsten Familien im Süden Vietnams.“ Dann verschoben sich Ende der Siebziger die Machtverhältnisse im Land, als die neue kommunistische Regierung die Ländereien der Familie übernahm und Phucs Großvater am Straßenrand erschossen wurde. Er weigerte sich, eine Brücke zu sprengen, die die Bauern auf seinem Grund von der Außenwelt abgeschnitten hätten. Unterstützer der früheren Republik wurden in der Folge in „Umerziehungslager“ gesteckt. Millionen Menschen wurden kaserniert, Tausende wurden gefoltert, vergewaltigt oder schufteten sich als Sklaven zu Tode – auch Phucs Vater Huynh Phong landete im Lager. „Lieber tot, als hier zu leben“ – sagte sich Phucs Vater.

Mehr als eine Million Vietnamesen floh in den Kriegswirren – sie gingen als „Boatpeople“ in die Geschichte ein: Menschen, die sich in marode Boote quetschten und in den Wogen des Südchinesischen Meeres ihr Leben riskierten. Fast 250000 Boatpeople ertranken. Schon beim Versuch riskierten viele ihr Leben: Wer flüchtete, auf den wurde geschossen. Phucs Vater überlebte, die Soldaten trafen dreimal nur sein Hemd. Die Familie wagte die Überfahrt Richtung Singapur. Nach einem Überfall thailändischer Piraten auf hoher See, die ihnen noch die Klamotten raubten, „war der absolute Tiefpunkt“ erreicht.

Die „Cap Anamur“, der Frachter einer deutschen Hilfsorganisation, rettet Phucs Familie aus dem Meer. So gelangten sie nach Deutschland. „Wir wollten nach Amerika und landeten im Allgäu. So viel zum Plan.“ Zunächst kam die Familie nach Rieden, später in die Vertriebenengemeinde Neugablonz bei Kaufbeuren. Ausländerfeindlichkeit gab es dort praktisch nicht, sagt Phuc. Die Neugierde der Bewohner habe überwogen. „Wir waren voll integriert.“ Sein Vater verdingte sich als Schweißer, seine Mutter als Putzfrau, abends bastelte die fünfköpfige Familie Modeschmuck vor dem Fernseher.

Phuc sagt, er könne verstehen, dass heute die Angst vor Flüchtlingen und Überfremdung steigt, wenn man Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen in einer kunterbunten Massenhaltung einpfercht. Damals in ein kleines Dorf geschickt zu werden, sei das Beste gewesen, was seiner Familie hätte passieren können. Darum plädiert er dafür, dass diejenigen Flüchtlinge aufnehmen sollten, die ein Zimmer frei haben und sie dafür mit einer Pauschale zu entschädigen. So gelinge Integration. Und: „Wie kann sich eine Regierung über Flüchtlinge beschweren, die der drittgrößte Waffenexporteur ist? Das ist doch wie Fucking vor Virginity.“

1987 zog die Familie nach Regensburg, der nächste Neustart mit einem eigenen Restaurant. Alles lief gut, bis das Fürstenhaus nach und nach ihre Immobilien verkaufte. Phuc: „Mein Vater glaubte damals, dass er mit Ehrenmännern Geschäfte macht, für die der Handschlag etwas gilt.“ Aber da irrte er. Entgegen aller Zusagen verdoppelte sich schlagartig die Miete. Das Restaurant musste 1997 schließen. Und zurück blieben Mutter und Vater, die alles verloren hatten, Leistungen vom Staat ablehnten. Aber Migranten, ohne anerkannten Schulabschluss in Deutschland... „Wir wären dauerhaft in die Armut abgerutscht“, sagt Phuc. Er hatte damals gerade erst in München mit seinem Informatik-Studium das Weite gesucht. Der 20-Jährige kehrte zurück, um seine Eltern zu unterstützen. „Ich fragte mich, was können meine Eltern: Kochen können sie.“ Und so wurde die Mama später zum Geschäftspartner.

Die Erfolgsstrategie: Bis es kein Zurück mehr gibt

Phuc Huynh gründete daraufhin 1998 in seiner Dachbodenwohnung seine Internetfirma Huynh Communications. Dafür verkaufte er seinen Saab 900, schaffte einen Apple Powermac G3 an und zog bald die ersten großen Kunden an Land. Nur bekleidet mit Boxershorts, weil es unterm Dach so heiß wurde im Sommer , telefonierte er mit technischen Vorständen großer Konzerne in seinem Wohnzimmer. Das Büro bestand aus Campingstühlen. Das Start-Up, ein auf Apple spezialisiertes Hosting-Unternehmen, wuchs schnell, also brauchte der Gründer eine schnellere Internet-Leitung. Für 5000 Mark monatlich. „Ich war so in einer Position, aus der es kein Zurück mehr gab.“ So funktioniert er: ganz oder gar nicht. „Wir hatten durchaus Dusel.“ Als er Jahre später, als die Firma immer größer wurde, bei seiner Bank um einen Kredit bat, zollte ihm der Berater zwar Respekt dafür, was er auf die Beine gestellt hatte. Nur Geld habe man einem wie ihm nicht geben wollen – wegen seiner Herkunft, sagt er. Bis heute habe er keine laufenden Kredite und finanziert noch immer alles aus eigener Tasche. „Als Unternehmer bist du immer chronisch pleite“, sagt er. „Deutschland ist kein Land des Unternehmertums. Zu scheitern, ist verpönt.“

Nach Reue klingt das alles nicht. Er ist überzeugt, unsere Gesellschaft verändert sich gerade tiefgreifend. „Jeder wird nur noch nach seiner volkswirtschaftlichen Leistung gemessen. Sämtliche menschliche Werte treten zurück.“ Sein wichtigstes Projekt hat er daher noch vor sich: der nächste Neubeginn. Im September wird er Vater von Zwillingen.

Wie die Flüchtlinge von heute die Region prägen: Unsere Multimedia-Reportage „Syrien, Wegscheid, Passau – Regensburg“ lesen Sie hier.

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