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Immobilie

Das Medienhaus mit den grünen Kacheln

Der Mittelbayerische Verlag setzt mit seinem Gebäude eine neue Landmarke in Regensburg. Architekt Johann Spengler erzählt, was „sein Haus“ ausmacht.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Das neue MZ-Medienhaus an der Kumpfmühler Straße 15 in Regensburg: Die zweischalige Fassade spielt mit dem Rhythmus von Glasflächen, verspiegelten Kacheln und Stützen, die nach oben immer schmäler werden. Foto: www.cadmicopter.de
  • Das neue MZ-Medienhaus an der Kumpfmühler Straße 15 in Regensburg: Hier arbeiten rund 320 Menschen. Foto: www.cadmicopter.de
  • Die zweischalige Fassade spielt mit dem Rhythmus von Glasflächen, verspiegelten Kacheln und Stützen, die nach oben immer schmäler werden. Foto: www.cadmicopter.de

Regensburg. Das MZ-Medienhaus ist im Wortsinn eine Schau. An den Köpfen kann man es sehen: Jeder zweite Autofahrer, der das neue Domizil des Mittelbayerischen Verlags passiert, dreht den Kopf und schenkt dem Gebäude einen interessierten Blick. Am Fuß der Kumpfmühler Brücke steht jetzt ein echter Hingucker. Rund 320 Menschen arbeiten hier. Der noble Komplex, innerhalb von rund zwei Jahren für eine Millionensumme im niedrigen zweistelligen Bereich geplant und gebaut, setzt am südlichen Stadteingang eine neue Landmarke und legt den Maßstab an Neubauten hoch.

Die Menschen, die den Komplex erdacht haben, sitzen in München, Nähe Englischer Garten, in einer kleinen grünen Idylle. Die Denkwerkstatt von Steidle Architekten befindet sich in einem unscheinbaren Haus mit Splitlevels, Treppchen, Stegen und Bürokabinetten. In einem der Kabinette sitzen Johann Spengler, geschäftsführender Gesellschafter, und Mitarbeiter Georg Schnase. Spengler, ein offener Typ mit Lockenkopf, erläutert die Ideen zum neuen Verlagshaus. Und er spricht vom anregenden Wert von Treppen und Fluren.

Zum Süden eine Umarmung, zum Westen ein Schauspiel

Die Steidle-Architekten suchten das Gegenteil von Koffer-Architektur, die wie ein Koffer an einem beliebigen Platz abgestellt wird, ohne Rücksicht auf den Ort: ein Haus also, das maßgearbeitet ist für Topographie und Stadt. An der Kumpfmühler Brücke trafen die Planer auf einen schwierigen Ort. Die hohe Brückenrampe drohte, den Komplex zu verzwergen. „Wir haben das Haus deshalb auf ein Tablett gestellt“, erläutert Spengler. Ein Basement- und ein Untergeschoss, die für Parken, Lager, Technik und andere untergeordnete Funktionen reserviert sind, heben den ganzen Block.

Wer über die Brücke stadteinwärts fährt, den nimmt das Haus mit einer Willkommensgeste in Empfang, mit einem U, einer Umarmung. Gleichzeitig schenkt die Südseite Einblick in den Newsroom, das Hauptquartier der Redaktion und Herzstück der Nachrichtenfabrik. Hinter gut sechs Meter hohen Fenstern dehnt sich ein Raum, der über zwei Etagen aufragt. Auf 740 Quadratmetern Fläche verarbeiten rund 80 Redakteure und Bild-Experten an Schreibtisch-Inseln oder an zwei wandfüllenden Touchscreen-Monitoren fast rund um die Uhr aktuelle Informationen. Nachts strahlt der erleuchtete Newsroom wie eine Kristall-Schatulle.

Wer aus Norden kommt, nimmt vor allem das Turmgeschoss war, das Bibliothek und Besprechungsräume birgt. Der Kopfbau mit schlanken, 4,50 Meter hohen Fenstern definiert die Ecke Kumpfmühler- und Fritz-Fend-Straße neu.

Das gotische Prinzip: unten schwer, oben leicht

Fünf Etagen plus Turm, 12.000 Quadratmeter Fläche, gut 600 Fenster, fast 12.000 Kacheln: Das MZ-Haus verfügt über beeindruckende Zahlen. Seine Faszination aber gewinnt es aus der Fassade. Die zweischalige Gebäudehülle erlaubt einen subtilen Kniff: Parterre ziehen sich die Fenster tief in die Kolonnade zurück. Nach oben gehen die Glasflächen in die Breite. Gleichzeitig rücken die Fenster in der doppelten Gebäudehaut Etage für Etage, fast unmerklich, nach vorn. Ganz oben schließlich liegen Kacheln und Fenster bündig nebeneinander und reflektieren das Licht als beinahe bruchloser Spiegel. Der Block, unten verschattet, wird zum Himmel hin lichter und leichter und löst sich optisch auf. „Eine Art gotisches Prinzip“, sagt Spengler. „Wie beim Dom, bei dem die Stützen schmäler werden.“

Moosgrün statt MZ-Blau

Die Keramikkacheln leuchten in sattem Moosgrün. Warum grün? Warum nicht mittelbayerisch-blau? Keine andere Frage zum MZ-Gebäude wird so oft gestellt. Spengler holt bei der Antwort ein wenig aus: „Grafiker, die Logos für Unternehmen entwickeln, machen sich Gedanken, wie die Farbe im Print und in der Werbung wirkt. Farbe an Gebäuden, das ist was ganz anderes. Und die Erfahrung zeigt, sobald wir anfangen, Unternehmenslogos auf Häuser zu übertragen, geht’s schief. Unser Leitgedanke war also: Wir entwerfen erst mal ein schönes Haus, das wird dann selbst zum Logo.“

Blau hätte zu kalt gewirkt, Gelb oder Rot zu knallig. Und Grau, das zum Prinzip von Schatten und Licht gut gepasst hätte, fanden die Architekten zu langweilig. „Irgendwann kamen wir auf Grün.“ Mit engstirnigen Bauherren, sagt Spengler, wäre die Abkehr von der Unternehmensfarbe vielleicht nicht ohne weiteres möglich gewesen. Aber Peter und Thomas Esser ließen sich gern für Grün gewinnen. Spengler macht den Brüdern ein Kompliment: „Ich denk’, das waren unsere Lieblingsbauherren. Aufgeschlossen, mit Verantwortungsgefühl und mit Sinn für Gestaltung.“

Häuser haben manchmal Namen; meistens heißen sie dann nach ihren Besitzern, Bewohnern oder Erbauern. Dem MZ-Medienhaus dagegen ist etwas Erstaunliches gelungen: Es hat sich innerhalb weniger Monate selbst einen Namen gemacht. Bei den Regensburgern heißt es heute schon „das Haus mit den grünen Kacheln“.

Die Kacheln sind ein prägender Faktor am Haus. Billig sind sie nicht. „Aber es gibt auch kaum ein Material, das so langlebig und hochwertig ist und so elegant und lebendig wirkt“, sagt Spengler. 11.834 glasierte Ziegel verkleiden das Haus. Pro Quadratmeter wiegen die Keramikteile knapp 70 Kilo und die größte Einzelplatte ist 35 Kilo schwer. Für den Lieferanten war der Auftrag ein diffiziles Puzzle. Je nach Stockwerk und Tiefe der Laibungen musste er lauter verschieden große Kacheln brennen.

Membranen puffern das Licht, aus dem Boden quillt Frischluft

Wie ein Gebäude auf den Betrachter und in den Stadtraum wirkt, ist das eine. Wie es sich für die Nutzer anfühlt, das ist die andere wichtige Seite. „Was wir gern tun“, sagt Spengler, „sind Häuser, die nicht für Technik gemacht sind, sondern für Menschen.“ Optimale Arbeitsverhältnisse waren das Ziel. Fenster vom Boden bis zur Decke lassen viel Licht ins Innere. Den Newsroom fluten außerdem vier Oberlichter; Membranen puffern die Helligkeit. Eine zusätzliche Tageslichtquelle ist der weiß gekachelte Innenhof.

Auf eine Klimaanlage wurde verzichtet. „Wir haben lieber Fenster, die man aufmacht, wenn’s warm ist, und schließt, wenn’s kalt wird“, sagt Spengler. Kühlleitungen in den Rasterdecken und kühle Bauteile begünstigen das Raumklima und aus Bodenauslässen entlang der Fensterachsen quillt Frischluft, permanent, langsam und unaufdringlich. Die Luft strömt sachte aus und wird erst durch die Bewegung der Menschen im Raum verteilt.

Raum fürs Reden: Offene Büros und ein Foyer mit Freitreppe

Ein Medienhaus lebt von Austausch und Kommunikation. „Deshalb war uns ein großes Treppenhaus wichtig“, sagt Spengler. „Wir überlegten, wie das Miteinanderreden funktioniert. Und dazu ist eine Treppe natürlich ideal.“ Die Leitidee erinnert an Gruner+Jahr Hamburg. Der Gigant am Baumwall war 1990 ein Großauftrag für Büro-Gründer Otto Steidle (mit Uwe Kiessler als Partner). Das Prinzip war auch damals, Kommunikation zu stiften. Für die 100.000 Quadratmeter große G+J-Zeitungsstadt entwarf Steidle offene Flure, aber noch klassische Zellenbüros.

Das MZ-Verlagshaus in Regensburg strukturierten Steidle-Architekten noch offener, mit einem rund 20 Meter hohen Foyer, das den Blick vom Erdgeschoss bis zum obersten Stock freigibt und die zentrale Freitreppe inszeniert.

Johann Spengler erinnert sich an die Planungen für den G+J-Koloss und zitiert Verleger Henri Nannen: „Der hat bei den Vorgesprächen mal gesagt: Journalismus ist Quatschen auf dem Flur.“

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