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Das Regensburger OB-Duell – eine Analyse

MZ-Redakteur Josef Pöllmann erklärt, warum Christian Schlegls Wahlniederlage unvermeidbar war und Joachim Wolbergs im Wahlkampf einen Lauf hatte.

Die Ausgangslage: Harmonie gegen lähmenden Lagerkampf

Bei der SPD war von Beginn an klar, dass Joachim Wolbergs als amtierender Bürgermeister ins Rennen um den OB-Sessel gehen wird. Er nutzte sein Amt geschickt, um sich Sympathien bei den Menschen zu erwerben. Die Partei stand hinter Wolbergs und demonstrierte – trotz mancher innerparteilicher Spannungen – Geschlossenheit. Diese komfortable Situation hatte Christian Schlegl nicht. Lange war er für viele Mitglieder der zerstrittenen Regensburger CSU der nicht OB-taugliche Haudrauf. Das Parteilager um den damaligen Kreisvorsitzenden Armin Gugau liebäugelte damit, den Rechtsanwalt Jürgen Linhart aus Cham in die OB-Kandidatur zu schicken. Schlegl war für diese Gruppe das Feindbild schlechthin. Doch dann sorgte Hans Schaidinger für einen Paukenschlag: Er war es, der bei Auftritten im Presseclub Jürgen Linhart zunächst ins Zwielicht brachte und Christian Schlegl anschließend als seinen Kronprinzen ausrief. Das hatte gesessen, jetzt begannen die Turbulenzen in der CSU noch einmal richtig. Was dann folgte, war ein monatelanger Versuch des Landtagsabgeordneten Dr. Franz Rieger, die Partei zusammenzuführen. Zunächst stürzte er Armin Gugau als Kreis-Chef der CSU, dann suchte er die Annäherung mit Schlegl. Was niemand für möglich gehalten hatte: Im Juli 2013 wählten die Christsozialen diesen zum OB-Kandidaten. Doch viele grummelten, denn Schlegl wurde das Image des politischen Ziehsohns von Hans Schaidinger nicht los.

Stadtratsliste: Jubel bei der SPD, Konfliktpotenzial bei der CSU

Die SPD zelebrierte die Aufstellung ihrer Stadtratsliste, lobte die „Kandidaten-Mischung“ und präsentierte mit Conti-Personalchef Michael Staab eine Überraschung. Bei der CSU gestaltete sich die Aufstellung der Stadtratsliste zäh. Schließlich galt es, mehrere Parteilager zu bedienen. Am Ende entstand eine Kompromissliste. Unbekannte Newcomer verdrängten Stadträte wie Erich Tahedl und Brigitte Schlee auf hintere Plätze. Konfliktpotenzial pur. Deswegen trauten in Regensburg die wenigsten Bürger der zur Schau getragenen Einheit der CSU.

Gravierende Fehler zum Start des CSU-Wahlkampfs

Die Salzburger Werbeagentur „Platzl 2“ entwarf die Wahlkampagne für Joachim Wolbergs. Zwar spotteten viele CSU-Mitglieder in Regensburg, der Name der Agentur werde am Ende sinnbildlich für das Abschneiden des SPD-Kandidaten stehen. Doch da hatten sie noch nicht geahnt, dass Schlegls Werbeteam unvorstellbare Schwächen offenbaren würde. Fehler 1: Während Joachim Wolbergs von Tausenden Plakaten strahlte, startete das CSU-Team zunächst die wenig aussagekräftige „Wer?“-Kampagne. Fehler 2: Monatelang verzichtete Schlegls Wahlkampfmanagement auf Kopf-Plakate des Kandidaten, ersetzte sie durch welche mit viel Text. Für Werbeprofis ein Kardinalfehler, weil OB-Wahlen Persönlichkeitswahlen sind. Fehler 3: Schlegls Wahlkampfteam hätte die Aufgabe gehabt, einen Kandidaten zu präsentieren, der aus dem Schatten Schaidingers heraustreten will. Das misslang. Schlegl und Schaidinger auf einem Plakat zu zeigen, suggerierte, dass der Fraktions-Chef der CSU die jetzige Politik und den Politikstil in etwa fortsetzen würde.

SPD-Allgemeinplätze fallen im Bustunnel-Schock nicht auf

Joachim Wolbergs’ Wahlkampfteam setzte seine Strategie unbeirrt um: Der SPD-Kandidat warb auf seinen Plakaten weiter für ein „Mehr“ von allem: mehr Wohnungen, mehr Zusammenhalt, mehr Gerechtigkeit. Allgemein gehaltene Slogans und Belanglosigkeiten also, hinter denen sich jeder Bürger versammeln konnte. Schlegl versuchte, mit sachpolitischen Vorschlägen zu punkten – und griff so richtig daneben. Die Idee eines unterirdischen Bustunnels sorgte für einen Aufschrei in der Regensburger Bevölkerung. Niemand konnte sich die Umsetzung vorstellen, geschweige denn die Finanzierung. Schnell war von Hirngespinsten die Rede.

SPD-Punktsieg: Initiativen zünden mehr als Minister

In einem unterschieden sich die Wahlkämpfe von SPD und CSU diametral: Die Christsozialen setzten auf die bayerische Polit-Elite. Ministerpräsident Horst Seehofer, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner und Innenminister Joachim Herrmann – alle kamen in die Stadt, um Schlegl zu unterstützen. Das Ziel: zeigen, dass ein CSU-Mann den besseren Draht zur Staatsregierung hat. Die SPD warb mit Testimonials: Kulturschaffende für Wolbergs, Frauen für Wolbergs, Migranten für Wolbergs, und, und, und. Der SPD-Mann sonnte sich im Glanz unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen. Eine Art Bürgerinitiative – perfekte Basis für einen Wahlerfolg.

Die politische Blutgrätsche: OB-Attacke leitet Pleite ein

Schlegl hatte die Schmähungen nach dem Bustunnel-Vorschlag kaum verdaut, da traf ihn die Keule, die seine Niederlage einläutete. Hans Schaidinger, Schlegls Mentor und einstiger Kronprinzen-Macher, watschte seinen Kandidaten bei einem Auftritt im Regensburger Presseclub vor versammelter Medien-Schar verbal ab. Gerade Schaidinger, der bis dato auf Großflächenplakaten dafür geworben hatte, dass Schlegl das Oberbürgermeister-Amt kann. Der Amtsinhaber machte die Idee eines Bustunnels lächerlich und kritisierte kurzerhand den Vorschlag eines kostenlosen zweiten Kindergartenjahres für alle Eltern als „eine versteckte Unterstützung für gut Verdienende“. Zudem meldete er Zweifel an, ob die im CSU-Wahlprogramm vorgeschlagenen Projekte mit dem Ziel des Schuldenabbaus kompatibel seien. Ein Affront gegen den eigenen Kandidaten, eine Blamage des OB-Bewerbers, eine Demontage von Schlegls Konzept eines Kompetenzwahlkampfs. Ab diesem Zeitpunkt kippte die Stimmung. Denn warum, fragten viele, solle man einen Kandidaten wählen, dem sogar der eigene OB ins Stammbuch schreibt, dass er es eben nicht kann. Da half es am Ende nicht, den Ton in der CSU-Wahlkampagne massiv zu verschärfen und Wolbergs mit dem Slogan „Stabilität statt Chaos“ zu attackieren. Dieses Ablenkungsmanöver war zu durchschaubar.

Die CSU in Panik: Wenn es schief läuft, dann richtig

In der CSU herrschte nach Schaidingers Attacke Panik. Die, die nie zu den Fans des OB zählten, sagten: „Wir haben schon immer gewusst, dass er unberechenbar ist.“ Doch nun sagten auch die, die bislang Schaidinger-Anhänger waren: „Das hätten wir ihm nie zugetraut.“ Die CSU taumelte wie ein angeschlagener Boxer. Als letzte Chance sah sie die Distanzierung von Wolbergs und der SPD durch die Aufkündigung der Großen Koalition. Das verstanden die Menschen nicht, denn fast sechs Jahre hatten CSU und SPD im Stadtrat gut zusammengearbeitet. Die SPD nutzte die Steilvorlage eiskalt und ging damit hausieren, dass die CSU seit Jahren im Streit erprobt sei und sie es nun eben auf die Sozialdemokraten abgesehen habe.

Auflösungserscheinungen bei der CSU motivieren die SPD

Nach der unerwartet deutlichen Niederlage am 16. März sowohl bei der OB- als auch bei der Stadtratswahl liefen Christian Schlegl die innerparteilichen Unterstützer in Scharen davon. Bei einer Wahlkampfveranstaltung mit Finanzminister Markus Söder kurz vor der Stichwahl waren so wenige Leute da, dass Söder erstaunt fragte, ob er wohl zu früh nach Regensburg gekommen sei. Bei der SPD hingegen lief die Mobilisierung auf Hochtouren. Jetzt wollten es die Genossen wissen und den Wahlsieg für Joachim Wolbergs unter Dach und Fach bringen.

OB-Stichwahl Regensburg

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