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Jubiläum

Das Regensburger Theaterwunder

Eine Chinesin, verkörpert von Eva Sixt, will Bairisch lernen – und das Publikum kann gar nicht genug davon kriegen.
Von Helmut Hein

„Mei Fähr Lady“, Joseph Berlingers Bairisch-Crashkurs mit Professor Zehetner, läuft seit mehr als sechs Jahren und demnächst zum 250. Mal. Foto: Josef Berlinger
„Mei Fähr Lady“, Joseph Berlingers Bairisch-Crashkurs mit Professor Zehetner, läuft seit mehr als sechs Jahren und demnächst zum 250. Mal. Foto: Josef Berlinger

Regensburg.Das ist eine Sensation! Oder sollte man besser sagen: ein kleines Wunder und, für die Zuschauer, pures Glück! Im Sommer 2011 setzt sich der Autor und Regisseur Joseph Berlinger hin und schreibt, in gerade einmal zwei Wochen, „Mei Fähr Lady“. Eine Dialekt-Komödie, die seit mittlerweile mehr als sechs Jahren läuft – immer vor ausverkauftem Haus. Die Heimat der Fähr Lady ist das Regensburger Turmtheater, aber das kleine Team tourte mit seinem Stück auch schon durch mehr als zwei Dutzend bayerische Städte und sorgte stets für das gleiche Entzücken. Warum? Und wie kam es überhaupt dazu?

Nun, jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Diese auch. Es begann damit, dass Berlinger und Turmtheater-Intendant Martin Hofer beisammensaßen. „Brainstorming“ nennt man das neudeutsch. Hofer träumte von einer Serie, in deren Zentrum stets eine Koryphäe, ein „Professor“ stehen sollte. Es sollte um Wissenswertes gehen, aber nicht zäh und trocken vom Katheter herunterdoziert, sondern, eingebettet in eine Spielhandlung, als Komödie des Menschlich-Allzumenschlichen. „Prodesse et delectare“ nennt das der lateinkundige Fachmann. Man nützt, aber auf vergnügliche Weise. Joseph Berlinger borgte sich bei Nietzsche den Titel für das Konzept: „Fröhliche Wissenschaft“.

Die Idee der „Fröhlichen Wissenschaft“ hat den Praxistest mehr als bestanden

Den Anfang machte Prof. Dr. Jürgen Zulley, bundesweit bekannt geworden durch seine Schlaflabor-Experimente. Schlaf muss nicht einschläfernd sein, wie sich rasch herausstellte, vor allem, wenn der versierte Profi Berlinger als Regisseur dem Ganzen den letzten Schliff und Pfiff gibt. Intendant Hofer strahlte. Das Schlaflabor auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wurde gleich zu einem Riesenerfolg. Dachte er. Da wusste er noch nichts von der „Fähr Lady“. Die Idee der „Fröhlichen Wissenschaft“ hatte den Praxistest bestanden. Als Teil zwei wurde jetzt ein „Bairisch-Crashkurs mit Prof. Zehetner“ ins Auge gefasst. Berlinger und Zehetner kannten sich schon lang. Zehetner Berlinger sogar länger, als dieser ihn. Denn der junge Bayerwaldler Berlinger – er stammt aus Lam – hatte Anfang der 1970er-Jahre als äußerst erfolgreicher Dialekt-Lyriker begonnen, später sogar über dieses Genre seine Doktorarbeit verfasst und zwischendurch – das kam einem Ritterschlag gleich – in der renommierten Literaturzeitschrift „Akzente“ publiziert. Zehetner, der angehende Dialekt-Papst, hatte sein Treiben wohlwollend aus der Ferne verfolgt und ist noch heute der festen Überzeugung, dass manche dieser Gedichte längst Klassiker sind, die immer wieder in Anthologien und Lesebüchern auftauchen.

Professor Ludwig Zehetner will das Bairische stets vor Invasionen aller Art bewahren

Dann aber kam es zu einer Krise; Krise im ursprünglichsten Sinn, der besagt, dass es von da an entweder bergauf oder bergab geht, dass danach alles vorbei ist oder ein neues, gefestigtes, gesteigertes Dasein beginnt. Ludwig Zehetner sollte in einer Festschrift gewürdigt werden und weil sich Berlinger nicht fürs Lobhudeln eignet, entschied er sich für einen Beitrag mit dem frech-entlarvenden Titel: „Der Dialektologe als Dialekt-Ideologe.“ Das war schon vertrackt, ja geradezu dialektisch gedacht – und gefiel Zehetner, der souverän genug ist, sich auch ein paar kritische Wahrheiten sagen zu lassen. Sein Statement zu dieser Affäre im Rückblick: „Er hatte ja recht.“ Das „Dialekt-Ideologe“ nimmt er nicht als Beschimpfung, sondern als Ehrentitel. Denn er sieht es bis heute als seine Aufgabe, das Bairische vor Invasionen, vor allem aus dem Norden, zu bewahren. Wer Zehetner nicht noch einmal sehen möchte, muss sich nur mit der Grußformel „Tschüs“ verabschieden. Das war’s dann. Das ist die verschärfte Version des Adieu: Geh mit Gott – oder, umständehalber, mit dem Sprachteufel.

•Prof Dr. Ludwig Zehetner und Eva Sixt in „Mei Fähr Lady“. Foto: Hüber-Lutz
•Prof Dr. Ludwig Zehetner und Eva Sixt in „Mei Fähr Lady“. Foto: Hüber-Lutz

Viele Jahre später kam dann Berlinger, der ja nicht nur Theaterstücke in Szene setzt, sondern auch wunderbare O-Ton-Reportagen für den BR verfasst, auf die Idee, aus Zehetners Forschungen und seinen Kolumnen – etwa in der MZ – ein Hörbuch zu machen. Er rechnete mit dem Interesse des Publikums am Dialekt und er war obendrein von dem beträchtlichen humoristischen Potenzial eines „Bairisch-Crashkurses“ überzeugt. Aus dem Hörbuch wurde dann rasch ein Stück. Im Zentrum sollte Prof. Zehetner stehen. Aber Berlinger erfand dazu mit beachtlichem Gespür Theaterfiguren, die einen Crashkurs bei ihm belegen sollten.

Das (vorläufige) Ergebnis ist bekannt. Noch nie war ein Stück in Regensburg so erfolgreich wie die „Fähr Lady“. Berlinger, dem Skepsis und Bescheidenheit nicht fremd sind, wendet ein: „Der Faust?“ Nein, auch nicht der „Faust“, schon gar nicht, wenn es um die Zahl der Vorstellungen geht, aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass das Stadttheater größer ist als Martin Hofers Domizil. Summa summarum haben weit mehr als 20000 Besucher die „Fähr Lady“ gesehen. Obwohl: Das stimmt vielleicht nicht ganz. Zwar wurden mehr als 20000 Karten verkauft. Aber es gehört zu den Besonderheiten dieses Stücks, dass manche entzückte Theater- und Bairisch-„Freaks“ die „Fähr Lady“ immer wieder sehen wollen – und, um ihre Begeisterung teilen zu können, gleich noch die ganze Verwandtschaft und ausgewählte Nachbarn mitbringen. Ein kollektiver Spaß, ansteckender als eine Wintergrippe.

Gibt es überhaupt noch Konkurrenten, wenn selbst der legendäre Hofer-„Faust“ ausfällt? Die gibt es durchaus. In einem, freilich winzigen, Münchner Kellertheater wurde Sartres „Ehrbare Dirne“ ein halbes Jahrhundert lang gespielt, natürlich in wechselnden Besetzungen; und aus London ist Agatha Christies „Mausefalle“ schwer wegzudenken. Berlinger fällt dann auch noch der Brandner Kaspar ein. Aber das war’s dann auch schon.

Was also ist das Erfolgsgeheimnis dieser „Fähr Lady“? Natürlich hat Berlinger, der sich auf diesem Terrain von alters her so traumhaft sicher bewegt wie ein Fisch im Wasser, ein fantastisches Skript geschrieben, voller verblüffender Wortspiele und überraschender Einsichten, ganz egal, ob es um die Geheimnisse der vierfachen Verneinung oder um die labyrinthische Welt der Richtungsadverbien geht. Noch entscheidender aber sind die Figuren, für die er sich entschieden hat. Natürlich Zehetner, der versteht sich von selbst, aber fast mehr noch seine Eleven. Und da besonders eine Elevin: Mei Ding, die Chinesin mit der Weißhaar-Perücke und dem Norma-Dirndl, die als Putzfrau arbeitet, aber partout Fährfrau werden möchte – in Matting. Und dafür natürlich Bairisch können muss.

Mei Ding heimst den meisten Beifall ein und sorgt für die größten Verblüffungseffekte

Eine Chinesin will auf der Donaufähre arbeiten und muss Bairisch lernen; so wie der verliebte französische Rapper, der die Kellnerin erobern will. Foto: H. Koch
Eine Chinesin will auf der Donaufähre arbeiten und muss Bairisch lernen; so wie der verliebte französische Rapper, der die Kellnerin erobern will. Foto: H. Koch

Das gar nicht so geheime Zentrum des Stücks ist diese Mei Ding, die zunächst fast gar nicht und nur mit abenteuerlichstem Dialekt Bairisch spricht und dann, am Ende all der Lektionen, deren Zeuge wir werden, so perfekt, dass sie den Spieß umdrehen kann. Sie „prüft“ ihren Professor und stellt ihm dabei so schwierige Aufgaben, dass der scheinbar „durchfällt“. Mei Ding heimst den meisten Beifall ein und sorgt für die größten Verblüffungseffekte – und das nicht von ungefähr. Zwar hat Berlinger die „Mei Fähr Lady“ allein verfasst. Sie ist also kein Gemeinschaftswerk von Berlinger/Sixt wie später „Hoffnung Havanna“ oder „Die Richterin“. Und doch kann man mit einem gewissen Recht von einer Ko-Autorenschaft Eva Sixts sprechen. Denn wie Mei Ding „spricht“ – und das ist ja entscheidend für den Erfolg des Stücks, – ist ihr Werk, das sich einer umfangreichen Recherche und einem entschiedenen Drill verdankt. Eva Sixt hat, um Mei Ding zu werden, mit einigen Chinesen, die in Regensburg leben, zusammengearbeitet. Hui Weber führte sie in die chinesische Grammatik und Phonetik ein. Dann wurde Berlingers Text „spontan“ von einigen Chinesen gelesen. Das Ganze wurde auf Band aufgezeichnet. Ein Band, das Eva Sixt immer wieder hörte. Dieser Mei-Ding-Idiolekt ist also zugleich präzise und fantastisch und sorgt immer wieder für Begeisterungsstürme.

Eine wunderbare Komödie, bei der man viel lachen, aber auch viel lernen kann

Auch die beiden „Sidekicks“ hat Berlinger mit souverän-sicherer Bosheit gewählt: den Preußen Striede und den Franzosen Boulanger, jeder mit unverkennbarem Akzent und einer angeborenen Unfähigkeit versehen, das Bairische zu begreifen oder gar zu sprechen. Natürlich leben diese beiden Figuren (beide übrigens bisher von Titus Horst, vom kommenden Herbst an dann von Georg Lorenz dargestellt) von Klischees und Vorurteilen. Das Drama und mehr noch die Komik brauchen ja die Missverständnisse.

Noch einmal die Frage an den Autor nach dem „Rätsel“ des beispiellosen Erfolgs. Was begeistert das Publikum so sehr an dem Stück und vor allem an der Figur der Mei Ding? Berlinger hat sich natürlich seine Gedanken gemacht, so viele und so ausführliche, dass man damit ein kleines Büchlein füllen könnte. Erfolge kann man bekanntlich nicht planen oder erzwingen. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass spätere Versuche in „Fröhliche Wissenschaft“, trotz zum Teil prominentester Besetzung – der Ex-Wirtschaftsweise Wiegard, der sich voll ins Zeug legt und sogar seine Gitarrenkünste vorführt –, nicht mehr an die Erfolge der „Fähr Lady“ heranreichen konnten. Vielleicht hilft ein wenig Küchenpsychologie der Bühnenwirksamkeit. Berlinger ist davon überzeugt, dass die Zuschauer gern dabei zuschauen, wie ein vollkommener „loser“ (der nicht einmal richtig sprechen kann, ein „Barbar“ also) zu einem herzgewinnend-frechen „winner“ wird. Gewissermaßen: Aschenputtel lernt Bairisch – und gewinnt am Ende sogar beim Bierzelt-Dirndl-Contest. Außerdem: Die Zuschauer sind überwiegend des Bairischen mächtig – und müssen dann miterleben, dass sich das, was Professor Zehetner vor- und was Mei Ding nachspricht, oft jedem Verständnis zunächst einmal entzieht. Bairisch in seiner reinsten Form und „legato“ (wie Zehetner immer ruft, also gebunden gesprochen) ist pure Kakophonie. Sprache verwandelt sich in Musik. Alles klingt wunderschön, aber der Sinn ist weg. Das verblüfft. Und man freut sich natürlich, wenn er wiederkehrt, wenn man also plötzlich doch versteht, was sich eben noch jedem Verständnis entzogen hat.

Und: „Mei Fähr Lady“ ist eine wunderbare Komödie. Man muss viel lachen und kann doch auch viel lernen oder vielleicht besser: erfahren. „Prodesse et delectare“, wie Ludwig Zehetner sagt, der nicht so sprachpuristisch ist, dass er alte lateinische und französische Wendungen oder Anglizismen rundweg ablehnt. Nur gegen „Preußismen“ ist er allergisch. Wenn also jemand „tschüs“ sagt oder „kuckt“ oder die Leiter „hoch“ steigt statt „aufi“. Man muss aber zum Abschied nicht unbedingt „pfüati“ oder leise servus sagen. Tschau geht auch. Er versteht die Verwunderung gar nicht: „Das ist doch italienisch“. Hauptsache nicht preißisch.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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