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Yoga

Den Geheimnissen des Yoga auf der Spur

Regensburger Wissenschaftler untersuchen die heilenden Kräfte des Yoga. Atementschleunigung ist dabei ein Faktor. Das geht überall, sogar im Stau.
Von Heinz Klein, MZ

  • Rund 250 000 Menschen in Deutschland praktizieren täglich intensiv Yoga. Foto: dpa
  • Professionelle Yoga-Lehrer des Yogaforums München stellten sich für Messungen ihrer Körperfunktionen zur Verfügung und auf den Kopf. Dabei wurde klar: Yoga wirkt wie mittlerer Ausdauersport. Foto: Uniklinik Regensburg

Regensburg. Stau – auf der Autobahn oder in der Warteschlange an der Kasse: das ist Ärgernis, verplemperte Zeit, verschärfter Termindruck, Stress. „Nein“, sagt Professor Dr. Thomas Loew. Der Chef der Abteilung Psychosomatik am Uniklinikum sieht Warten im Stau vielmehr als „geschenkte Zeit“ an. „Das Warten nutze ich, um mich selbst zu warten“, sagt der Wissenschaftler. Mit ganz einfachen Entspannungstechniken lässt sich in solchen Situationen nämlich das Gegenteil von Stress erreichen. Für ein paar Minuten langsamer und tiefer zu atmen ist ja nun wirklich keine Kunst, hilft aber, sich selbst und den eigenen Blutdruck herunterzufahren. Wer das zweimal täglich macht, tut seiner Gesundheit wirkliches Gutes, empfiehlt der Professor.

Jetzt steht fest: Yoga ist Sport

Die Wirkung von Entspannungstechniken wissenschaftlich überprüfbar zu machen ist eine der Zielsetzungen einer internationalen Forschergruppe unter indischer Regie, an der die beiden Regensburger Professoren Thomas Loew und Thilo Hinterberger mitarbeiten. Dazu gehört es beispielsweise, die Hirnströme von meditierenden Zen-Meistern zu messen oder zu schauen, was sich im Körper von Yoga-Profis tut. Solche standen am Wochenende in der Klinik Donaustauf Kopf und wurden dabei von Thomas Loew durchgemessen: Spiroergometrie nennt sich das diagnostische Verfahren, bei dem durch Messung von Atemgasen die Reaktion von Herz, Kreislauf und Stoffwechsel sowie die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit untersucht wird. Die Ergebnisse der komplexen Messungen kann Professor Loew schon mal grob zusammenfassen: Yoga zu praktizieren kommt trotz der Bewegungslosigkeit der Übungen einem mittleren Ausdauertraining gleich, vergleichbar mit Walken oder Joggen.

Reinhard Bögle, Leiter der Yogalehrerausbildung des Yogaforums München, hatte sich am Wochenende mit fünf Yogalehrern für die Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Zwei indische Wissenschaftler verfolgten das Geschehen mit Spannung: die Professorin Dr. Leena Phadke und der Psychiater und Neurowissenschaftler Sanjay Phadke. Beide kommen von der Universität Pune, aus Poona also. Das Wort hat in den Ohren der Älteren noch Klang. Tausende von Hippies aus dem Westen zog es in den 1970er Jahren nach Poona, wo der spirituelle Lehrer Bhagwan Shree Rajneesh sie als Sannyasin in orange Tücher kleidete und sie lehrte, sich von allen Sicherheiten des Lebens zu trennen, ihre Blockaden (auch die sexuellen) zu lösen und fürderhin als Same, als Potenzialität zu leben.

Experten aus Poona arbeiten mit

Die Zusammenarbeit der Regensburger Wissenschaftler mit der Universität in Pune gibt es seit nunmehr sieben Jahren. Sie hat sich für beide Seiten als fruchtbar erwiesen. „Wir haben den Indern modernes Forschungsdesign vermittelt, aber nun schauen wir nach Indien, wo im Bereich der Bio-Messtechnik und der Auswertungssoftware hervorragende Physiker und Mathematiker arbeiten“, sagt Thomas Loew. Nur in der Atemphysiologie haben die Regensburger die besseren Apparaturen und enorme klinische Erfahrung. Und darum fanden diese Untersuchungen nun in der Donaustaufer Forschungs- und Lehreinrichtung des Uniklinikums Regensburg statt.

Was kann die Messung von Hautwiderständen oder der Herzratenvariabilität während der Ausübung von Yogatechniken den Patienten des Regensburger Universitätsklinikums nützen? Eine ganze Menge, sagt Thomas Loew. In der Abteilung für Psychosomatik des Universitätsklinikums profitieren Patienten mit schwer einstellbarem Blutdruck beispielsweise von dem kompletten Relaxed-Paket: Autogenes Training, funktionelle Entspannung, progressive Muskelrelaxation und Yoga. Letzterem bestätigt der Professor unzweifelhaft positive Wirkung: „Garantiert jede gut aussehende Schauspielerin, die über den TV-Bildschirm flimmert, macht Yoga“, versichert Loew. Nur erforscht seien diese positiven Effekte des Yoga noch zu wenig. Und das soll sich ändern.

Bei den Untersuchungen ging es um zwei Komponenten: die Körperspannung durch die Yogaübungen und eine exakt durch Atemtakter vorgegebene Atementschleunigung. „Normalerweise atmen wir etwas zehn bis zwölfmal in der Minute, bei körperlicher Belastung entsprechend mehr“, erklärt Loew. Er empfiehlt nun als Basistherapie, fünf bis zehn Minuten lang die Atmung auf sechs Atemzüge pro Minute zu reduzieren.

Mit Atmen den Blutdruck senken

Diese vorübergehende Atementschleunigung ein bis zwei Mal am Tag praktiziert schütze präventiv vor Bluthochdruck und senke den Blutdruck aktuell auch während der Übung. „Man kann in der Steuerungszentrale des vegetativen Nervensystems im Stammhirn einen Schalter umlegen und so beispielsweise den Blutdruck beeinflussen“, weiß der Wissenschaftler. Das werde in den USA bei Kindern mit erhöhtem Blutdruckrisiko in den Schulen bereits praktiziert. Und Loew nennt weitere segensreiche Folgen der Atementschleunigung: sie beruhigt bei emotional erlebtem Stress und ist hilfreich bei chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) und Herzinssuffizienz. Mit der Kombination aus Yoga und Atementschleunigung wollen Loew und der Direktor der Pneumologischen Abteilung der Klinik Donaustauf, Prof. Michael Pfeifer, künftig Patienten aus der Beatmungssituation herausbekommen, Ausdauerübungen für bettlägerige Patienten entwickeln und beispielsweise deren Brustkorb wieder wesentlich beweglicher machen.

Rund 250 000 Menschen in Deutschland praktizieren täglich intensiv Yoga, hat der Professor ausgerechnet. Damit erreiche Yoga bereits die Zahl der Tanzsportler in Deutschland. „Täglich eine halbe Stunde Yoga hält den Menschen auf einem guten Level“, versichert Thomas Loew, der aber selbst nicht Yoga praktiziert. Da muss jeder seine individuell richtige Entspannungstechnik finden. Für Thomas Loew ist es die funktionelle Entspannung, an der er selbst viel geforscht hat. Dabei geht es um Körperwahrnehmung durch leichte Bewegungen an kleinen Gelenken. Und natürlich um entschleunigte Atmung in Warteschlangen, die auf diese Weise all ihren Schrecken verlieren.

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