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Archäologie

Der älteste Galgen nördlich der Alpen

Am Donaumarkt wurden im Mittelalter Verurteilte gehängt. Der Fund ist eine kleine Sensation: Der Galgen gilt als der älteste nördlich der Alpen.
Von Claudia Böken, MZ

  • Kulturreferent Klemens Unger (links) und Stadtarchäologe Dr. Lutz-Michael Dallmeier vor dem Steinkreis, der das Galgenfundament bildete. Foto: Lex
  • So sah die Bebauung des Donaumarkts in den 1950er-Jahren aus. Foto: Lex
  • Das Betonband am linken Bildrand ist der städtische Hauptsammler, der jetzt verlegt werden muss. Foto: Lex

Regensburg. Die Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 bildet den Endpunkt der Ungarneinfälle. Damals wurden drei ungarische – im damaligen Sprachgebrauch „hunnische“ – Fürsten gefangen genommen, nach Regensburg gebracht und dort „im Osten vor der Stadt“ gehängt. Eine Sage oder Realität? So genau wusste man es bisher nicht. Westlich des Donaumarkts gibt es zwar einen Hunnenplatz. Aber hat der etwas mit den Vorkommnissen vor mehr als 1000 Jahren zu tun? Allerdings hieß das Areal viel früher bereits „An der Richtbank“.

Die Ausgrabungen, die zur Verlegung des Hauptsammlers und zum Bau des Museums der Bayerischen Geschichte am Donaumarkt erforderlich sind, haben jetzt Gruseliges zutage gefördert: Zur fraglichen Zeit stand an dieser Stelle tatsächlich der Galgen. Also könnte die Sage von den drei hingerichteten „Hunnenfürsten“ durchaus einen realen Hintergrund haben.

Bei einer Ortsbegehung eröffneten Kulturreferent Klemens Unger, der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Heinrich Wanderwitz, der städtische Chefarchäologe Dr. Lutz-Michael Dallmeier und Archäologin Silvia Codreanu-Windauer vom Landesamt für Denkmalpflege Details des schaurigen Funds. Er gilt in Fachkreisen inzwischen als der älteste Galgen in Süddeutschland, nördlich der Alpen, bei manchen Archäologen gar als der älteste jemals gefundene Galgen. Ob er aus dem zehnten, elften, zwölften oder frühen 13. Jahrhundert datiert, muss erst noch geklärt werden.

Als die Archäologen östlich der Hengstenbergbrücke auf dem 2000 Quadratmeter großen Grabungsgelände in knapp drei Metern Tiefe auf ein steinernes Rondell mit einem erkennbaren Zugang stießen, standen sie zunächst vor einem Rätsel. Ein Ofen, wie in der Umgehung einige gefunden wurden, konnte es nicht sein, da Brandspuren fehlten. Erst der Hinweis auf den uralten Namen „Rihtpanch“, also „Richtbank“, gab den Anhaltspunkt. Vergleiche mit bestehenden Überresten mittelalterlicher Hochgerichte im deutschsprachigen Raum zerstreuten letzte Zweifel.

Hier also ist er, der Sockel des Galgens, der damals an einem strategisch wichtigen Platz stand: Der Hinrichtungsplatz lag außerhalb der Stadtmauer. Die vor einigen Jahren gefundene Mauer entlang der Donau stammt erst aus der Zeit um 1300, als der Stadtumgriff erweitert wurde, erläuterte Dr. Dallmeier. Dr. Codreanu schilderte die Situation so: Wer sich Regensburg zu Wasser oder zu Lande näherte, sah schon von weitem den Galgen – meist mit den Leichen Gehängter Verbrecher daran. „Die Ankommenden wussten dann: hier herrschen Recht und Ordnung.“

Gefunden wurden neben dem Galgen zwei kleinere Fundamente, die möglicherweise eine Marienstatue oder ein anderes religiöses Kultbild getragen haben könnten. Was noch nicht gefunden wurde, sind Überreste Gehängter. Dr. Dallmeier wollte nicht ausschließen, dass die Leichen in den Donau entsorgt wurden, die damals einige Meter weiter südlich floss.

Die Ausgrabungen im Zusammenhang mit dem Hauptsammler, die bisher 600 000 Euro kosteten, werden bis September beendet sein. Heute ist Einsendeschluss für die Bewerbungen der 4000 Quadratmeter, die für das Museum der Bayerischen Geschichte untersucht werden. Die Arbeiten starten spätestens Anfang Oktober und sind auf eine Million Euro veranschlagt.

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