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Politik

Der Challenge im großen MZ-Check

Regensburg verbindet mit dem Challenge zehn große Ziele. Wir prüfen, ob der sportliche Wettbewerb sie tatsächlich erfüllt.
Von Julia Ried, MZ

Challenge-Teilnehmer auf der Schwimmstrecke Foto: altrofoto.de
Challenge-Teilnehmer auf der Schwimmstrecke Foto: altrofoto.de

1. Etablieren der Region als Ausdauersport-Region

Mithilfe des Challenge möchte sich die Stadt Regensburg als Ausdauersport-Region etablieren, heißt es im Beschluss des Stadtrats zur Förderung der Veranstaltung aus dem Februar 2015. Mit dem Langdistanz-Triathlon, dessen Teilnehmer 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und einen Marathonlauf über 42,195 Kilometer absolvieren, sollen „das Sportinteresse und die Sportaktivität insgesamt gesteigert“ werden, teilt Stadtsprecherin von Roenne-Styra mit. Ob das gelingen kann, sehen Vertreter der Sportszene kritisch.

Markus Dolles vom Triathlon-Verein Tristar etwa hofft darauf, stellt derzeit aber keinen positiven Effekt fest. „Das bewegt sich leider im Augenblick im Rahmen natürlicher Schwankungen“, sagt er über die Mitgliederzahlen im Verein. Auch der Zulauf beim Tristar-Triathlon sei nicht größer. Dolles hält es auch für „schwierig“, dass sich der Challenge hier etabliert. Die Konkurrenz sei groß. Kurt Ring, Teammanager der Leichtathletikgemeinschaft Telis Finanz Regensburg, für die etliche Top-Athleten starten, erkennt keinen Nutzen für den Sport in der Region. „Für mich bringt der Challenge für Regensburg als Ausdauersport-Region gar nichts. Wenn man die Sportstadt Regensburg fördern will, braucht man nicht das Extreme, sondern sollte das natürlich Gewachsene fördern.“ Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra dagegen sagt: „Der Challenge hat die Sportstadt Regensburg in den Fokus ,Ausdauersport-Region‘ gerückt.“

MZ-Bewertung: ausreichend, Note 4

2. Einbindung der regionalen Vereine und Organisationen

Die Veranstalter sind auf ehrenamtliche Helfer angewiesen Foto: altrofoto.de
Die Veranstalter sind auf ehrenamtliche Helfer angewiesen Foto: altrofoto.de

Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra gibt dazu die Auskunft: „Die Stadt, der Landkreis, die Feuerwehren, der Bauernverband und die Sportvereine wurden vom Veranstalter frühzeitig beteiligt und eingebunden. Zudem hat der Challenge viele freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Region begeistern und mobilisieren können.“ In der Tat ist die Veranstalter-Firma Purendure stark auf ehrenamtliche Helfer angewiesen – bis zu 1500 waren 2017 im Einsatz. Viele davon sind Feuerwehrmänner und- frauen: 350 übernahmen in diesem Jahr die Verkehrslenkung im Landkreis, 48 Feuerwehrmitglieder waren in der Stadt an der Umsetzung des Sicherheitskonzepts beteiligt und betreuten die „Schleusen“ an den gesperrten Straßen. Vor allem im Landkreis bringen diese Aufgaben die Feuerwehren an ihre Grenzen. Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer sagt: „Sollte sich die Veranstaltung etablieren, muss man das Konzept der Verkehrslenkung neu aufstellen, weil das mit den Feuerwehren im Landkreis in Zukunft nicht mehr machbar sein wird.“ Das liege daran, dass die Feuerwehren in der Region nach Regensburg-Marathon und Tristar-Triathlon mit dem Challenge die dritte Großveranstaltung in Folge betreuen. „Es finden sich keine Leute mehr.“ Scheuerer setzte sogar einen Hilferuf an die Landkreis-Bürgermeister ab, sie sollten doch die Vereine bitten, die Feuerwehren zu unterstützen – doch der verhallte.

Mitglieder mehrerer Vereine, vor allem von Sportvereinen, engagierten sich anderweitig, an den Verpflegungsstellen, in den Wechselzonen und mit „Stimmungsnestern“. In einer Aufstellung für die Stadt schreibt der Veranstalter, er biete mit dem Veloclub Regensburg, den er auf der Challenge-Internetseite auch als „Partnerverein“ nennt, Radtouren im Rahmenprogramm an. Doch dem Veloclub zufolge kam diese Kooperation 2017 nicht zustande. Als „gut“ bewertet Johann Mayer, der Kreisobmann des Bauernverbandes, die Zusammenarbeit. Die Landwirte sind auf Absprachen angewiesen, weil sie Mitte August zum Teil noch ernten und die Höfe auch sonst erreichbar sein müssen. Mayer sagt: „Wir fühlen uns eingebunden und wir fühlen uns vor allem auch ernst genommen.“

MZ-Bewertung: ausgereichend, Note 4

3. Integration der Regionen auf allen Ebenen der Gesellschaft

Beim Frauenlauf 2017 sorgte eine Band für Stimmung in der Stadt. Foto: altrofoto.de
Beim Frauenlauf 2017 sorgte eine Band für Stimmung in der Stadt. Foto: altrofoto.de

Wörtlich heißt es im Beschluss des Stadtrats, die Stadt strebe die „Integration der kompletten Regionen auf allen Ebenen der Gesellschaft und mit möglichst allen Gruppen/Organisationen“ an. Versteht man diese Worte so, dass die Stadt möchte, dass möglichst viele Bürger der Veranstaltung positiv gegenüberstehen, so ist das nicht geglückt – auch wenn 2017 nur vereinzelt Beschwerden in der Hotline für Stadt- und Landkreisbürger eingingen. Der Eindruck von Stadtbrandrat Johann Schmidbauer ist, „dass der Prozentsatz der Bevölkerung, der die Veranstaltung sehr gut heißt, sich damit identifiziert oder aktiv mitwirkt – und wenn das nur heißt, an die Strecke zu kommen – sehr überschaubar ist“. Kreisbrandrat Wolfgang Scheuerer erzählt, im Landkreis sei das nicht anders. Als vieldiskutierte Frage komme hier hinzu: „Was hat der Landkreis davon, wenn sich die ganzen Highlights in der Stadt abspielen?“

Veranstalter Tom Tajsich teilt dazu mit: „Wenn man jetzt in Betracht zieht, wie viel Akzeptanz wir in den ersten beiden Jahren durch den unermüdlichen Einsatz unseres Teams sowohl in der Region als auch in der internationalen Triathlonszene geschaffen haben, grenzt das für mich fast an ein Wunder und macht mich unglaublich stolz auf jeden, der daran beteiligt ist.“

MZ-Bewertung: gut, Note 2

4. Kooperation von Stadt und Landkreis Regensburg

Die Stadt Regensburg, hier Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, und die Stadt Neutraubling, hier Bürgermeister Heinz Kiechle, arbeiteten in der Vorbereitung des Wettbewerbs zusammen. Foto: altrofoto.de
Die Stadt Regensburg, hier Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, und die Stadt Neutraubling, hier Bürgermeister Heinz Kiechle, arbeiteten in der Vorbereitung des Wettbewerbs zusammen. Foto: altrofoto.de

Der Challenge soll dem Beschluss der Stadt zufolge die Zusammenarbeit von Stadt und Landkreis stärken. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra bezeichnet die Kooperation zwischen dem Landratsamt, der Stadt Neutraubling und der Stadt Regensburg als „hervorragend“. Die Öffentlichkeitsarbeiter von Stadt und Landkreis informierten am Challenge-Wochenende an einem Stand am Haidplatz über die Region. Außerdem arbeiteten die Ämter und Fachstellen eng zusammen, was Straßensperrungen und Umweltfragen anbelangt sowie die Bürger-Hotline. Landratssprecherin Claudine Pairst sagt: „Der Challenge ist nur ein Beispiel der selbstverständlichen Kooperation über mehrere Fachbereiche.“ Der Neutraublinger Bürgermeister Heinz Kiechle teilt mit: „Mit Stadt und Landkreis Regensburg ist die Zusammenarbeit hier, wie auf vielen anderen Gebieten, gut und vertrauensvoll.“

MZ-Bewertung: sehr gut, Note 1

5. Erschließen neuer Zielgruppen für den Tourismus

Der Challenge soll neue touristische Zielgruppen erschließen. Foto: Karin Schwiebacher
Der Challenge soll neue touristische Zielgruppen erschließen. Foto: Karin Schwiebacher

Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt: „Externe Athletinnen und Athleten, die an solchen Sportevents teilnehmen, kommen nie alleine und übernachten in der Regel mindestens zwei Nächte vorher in der Region.“ Auch der Verein „Hotels in Regensburg“ hoffte, dass die Veranstaltung viele neue Gäste bringt. 2016 unterstützte er den Challenge sogar mit einem Gratis-Zimmerkontingent. Jetzt sagt Sprecherin Kathrin Fuchshuber: „Es war letztes Jahr leider kein durchschlagender Erfolg. Und das war heuer nicht anders.“ Jetzt sei es aber noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Ausdauersportler gelten unter Marketing-Experten als attraktive, weil vermögende Klientel – darauf weist Michael Quast vom Stadtmarketing hin. Ulrich Korb, Bezirksgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands, bezweifelt allerdings, dass die Langdistanz-Triathleten den Hoteliers in Stadt und Umland besonders viel Geld bringen. „Die werden sicher nicht in ein höherpreisiges Segment gehen“, sagt er.

MZ-Bewertung: gut, Note 2

6. Marketing der Region, national und international

Die Stadt erhofft sich Marketing-Nutzen vom Challenge, der ihren Namen im Titel trägt. Foto: Brüssel
Die Stadt erhofft sich Marketing-Nutzen vom Challenge, der ihren Namen im Titel trägt. Foto: Brüssel

„Förderung und Marketing der Region durch nationale und internationale Kommunikation“ listet der Stadtratsbeschluss als Challenge-Ziel auf. Michael Quast vom Stadtmarketing, das den Challenge auf www.spitzensport-regensburg.de bewirbt, sagt: „Den Marketing-Nutzen sehe ich schon gegeben.“ Noch habe Regensburg nicht den Ruf als Sportstadt, den etwa Hamburg – dort geht der Ironman über die Bühne –, Frankfurt mit seinem berühmten Marathon oder Roth mit der Challenge genießen. Doch Quast sieht hier für Regensburg „gute Chancen, sich zu etablieren“. „Klein, aber fein“, das könne das Alleinstellungsmerkmal sein. Aufmerksamkeit erzeugt der Challenge vor allem in der Sport- beziehungsweise Triathlonszene. Neben den regionalen Medien berichteten Sport-Fachmedien im Internet ausführlich. Der Livestream wurde in 29 Ländern fast 30 000 Mal aufgerufen und der Liveticker in 49 Ländern verfolgt, teilte Tom Tajisch auf Facebook mit. Hauptsächlich durch den Livestream sei eine „starke Medienpräsenz“ erreicht worden, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. „Doch auch Medien, die überregional wirken, haben berichtet“, ergänzt sie, und verweist auf den Beitrag im Bayerischen Fernsehen.

MZ-Bewertung: gut, Note 2

7. Wirtschaftliche Wertschöpfung in der Region

Hoteliers sollen vom Challenge profitieren, wünscht sich die Stadt. Foto: Fotolia
Hoteliers sollen vom Challenge profitieren, wünscht sich die Stadt. Foto: Fotolia

Insbesondere Hotel- und Gastronomiebetriebe sollen von der „wirtschaftlichen Wertschöpfung“ profitieren. Dass das bislang kaum passiert, legt das Ergebnis einer E-Mail-Umfrage nahe, die der Hotel- und Gaststättenverband auf unsere Anfrage hin in seinen Betrieben in Stadt und Landkreis durchführte. 27 Unternehmer meldeten sich zurück, 21 davon aus der Stadt. 18 bewerteten den wirtschaftlichen Effekt des Challenge 2017 auf einer Skala von eins (sehr positiv) bis zehn (sehr negativ) mit einer Zehn, zwei mit einer Neun, zwei mit einer Fünf, zwei mit einer Drei, zwei mit einer Zwei. Nur ein Hotelier vergab die Note Eins – bei ihm nächtigten viele Teilnehmer. Die negativen Bewertungen kamen zum großen Teil von Gastronomen in der Innenstadt: Am Challenge-Wochenende habe ihnen ein Teil der üblichen Lauf- und Stammkundschaft gefehlt, erklärten mehrere Unternehmer. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra teilt mit: „Spitzensport ist viel mehr als ein schöner Zeitvertreib: Er ist auch ein zentraler Standortfaktor für Unternehmen und deren Beschäftigte.“

MZ-Bewertung: mangelhaft, Note 5

8. Umsatzpotenzial bei lokalen Unternehmen

Der Langdistanz-Triathlon soll dem Einzelhandel Umsatz bringen. Foto: dpa
Der Langdistanz-Triathlon soll dem Einzelhandel Umsatz bringen. Foto: dpa

Die Stadt erwartet vom Challenge ein „Umsatzpotenzial bereits vor der Veranstaltung bei lokalen Unternehmen“ (Foto: dpa). Als Profiteur genannt wird auch der Einzelhandel. Der sieht kein Umsatzplus. Josef Kellermann, Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbands, erläutert: „Wir haben festgestellt, dass ein Teil der Kunden schlicht ausgeblieben ist.“ Dieser Rückgang der Zahl von Einkäufern aus der Region sei wohl von Teilnehmern und Besuchern der Rennen am Challenge-Wochenende „überwiegend aufgefangen worden“, mehr aber nicht. Kellermann betont: „Insgesamt sehen wir die Sache schon positiv. Aber der Renner für den Einzelhandel war der Challenge nicht.“ Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt: „Der Challenge Regensburg ist als Wirtschaftsunternehmen hier ansässig und bespielt ganzjährig mit Sportangeboten und Informationen das Thema ,Ausdauersport‘ für die Region Regensburg.“

MZ-Bewertung: mangelhaft, Note 5

9. Immense nachweisliche wirtschaftliche Steigerung

„Immense wirtschaftliche Steigerung“ durch den Challenge kündigt der Stadtratsbeschluss dazu an. Foto: dpa
„Immense wirtschaftliche Steigerung“ durch den Challenge kündigt der Stadtratsbeschluss dazu an. Foto: dpa

Markus Kurscheidt, Sportprofessor an der Universität Bayreuth, rechnet nicht damit, dass der Challenge der Region eine „immense wirtschaftliche Steigerung“ bringt. Der Regensburger Challenge hatte 2017 mit etwa 1100 Teilnehmern – inklusive Starter in Staffeln – deutlich weniger Zulauf als der Challenge Roth mit circa 5000 Athleten, auf den der Stadtrat in seinem Beschluss verweist. Kurscheidt geht davon aus, dass die Konsumausgaben der Teilnehmer und ihrer Begleiter für maximal einen „Impuls im unteren sechsstelligen Bereich“ sorgen. Dazu kommt, dass ein Teil der 1,1 Millionen Euro, die Purendure für den Challenge ausgibt, hier bleibt. Auch dieser Effekt hängt davon ab, wie viele Teilnehmer „frisches Geld“ in den Wirtschaftskreislauf bringen, also von außerhalb anreisen. Ausgehend von der Annahme, dass etwa ein Drittel der Startgebühren von außen kommen, ergibt Kurscheidts überschlägige Rechnung, dass insgesamt bis zu 400 000, 450 000 Euro in die Region fließen könnten (Lesen Sie hier das komplette Interview mit Markus Kurscheidt). Die Stadt weist in diesem Kontext daraufhin, dass sie keine konkreten Zahlen hat. Sie stellt jährlich Leistungen im Wert von 200 000 Euro zur Verfügung – sie schafft etwa Infrastruktur an der Strecke – und zahlt bis zu 75 000 Euro Zuschuss bei weniger als 3000 Meldern auf der Langdistanz.

MZ-Bewertung: ungenügend, Note 5

10. Rahmenprogramm und Förderung lokaler Talente

„Das Event inklusive des sechsmonatigen Rahmenprogramms wird mit den Bürgern und der Stadt gemeinsam aufgebaut und fördert lokale Talente professionell“, das ist das Ziel der Stadt. Das Ehepaar Tajsich bot nach eigenen Angaben 2017 Schwimm-, Rad- und Laufveranstaltungen auf der Strecke an, einen Frauenlauf, einen Kinderlauf und einen Einsteiger-Triathlon. Das vereinbarte „Perspektive-Team“ aus jungen Sportlern, die von Profi-Trainern an ihre Karriere herangeführt werden, existiert nicht. In diesem Jahr sei ein 24-jähriges Talent stark gefördert worden, teilte Purendure der Stadt mit. Der angekündigte „Showroom Ausdauerregion Regensburg“ sollte dem Stadtratsbeschluss zufolge Informationen und Sportangebote in und um Regensburg, Vorträge und Autogrammstunden der Stars des Sports und eine Ausstellung „Ausdauerregion Regensburg erleben“ bieten. Doch er wurde nach Angaben von Purendure noch nicht eingerichtet. Die Challenge-Veranstalter schrieben in einer Aufstellung für die Stadt: „Bei Purendure in der Kumpfmühler Straße gibt es eine Lounge, die mit Triathlon-Devotionalien ausgestattet ist. Hieraus könnte sich im Laufe der Jahre ein Showroom entwickeln.“ Juliane von Roenne-Styra, Sprecherin der Stadt Regensburg, spricht in dem Zusammenhang trotzdem davon, dass sich das „Year-Around-Programm“ sehen lassen könne.

MZ-Bewertung: mangelhaft, Note 5

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Der Challenge-Vertrag wirft Fragen auf: Der Text nennt die vielen Pflichten der Stadt Regensburg klar, die des Triathlon-Veranstalters teils nur vage.

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