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Pädagogik

Der Chor als Lebensschule

Schon die Kleinsten übernehmen Verantwortung und passen aufeinander auf: Im Cantemus-Chor lernen Kinder nicht nur das Singen.
Von Anna Jopp

Bei „Freeze“ sind alle still: Manche Regeln und Konzepte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Philosophie des Cantemus-Chors. Foto: Sandra Adler
Bei „Freeze“ sind alle still: Manche Regeln und Konzepte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Philosophie des Cantemus-Chors. Foto: Sandra Adler

Regensburg.Im großen Orchestersaal im Haus der Musik geht es drunter und drüber: Etwa 20 Kinder im Grundschulalter wuseln um Matthias Schlier herum, setzen ihm mit den Fingern Hasenohren auf, ziehen an seiner Kleidung, kriechen unter dem Flügel hindurch, spielen Fangen oder klatschen in die Hände. Schlier sitzt seelenruhig in der Mitte und tut das, was er meistens tut: Die Finger auf dem schwarzen Flügel, entlockt er den Tasten wie nebensächlich einen flotten Rhythmus, der im Geschrei und Gelächter der Kinder beinahe untergeht. Dann, mitten im Takt, ändert sich die Szene schlagartig: Schlier hebt die Hände von der Klaviatur, der Flügel verstummt. Chor A des Cantemus-Chors erstarrt mitten in der Bewegung. Wer sich jetzt noch rührt oder einen Laut macht, hat verloren.

Bei „3“ sind alle still

„Versteinern“ heißt dieses Spiel und schon die jüngsten Chormitglieder des Laienchors erlernen dabei spielerisch ein Prinzip, das sich wie selbstverständlich durch die grundlegende Philosophie von Cantemus zieht. Der Wechsel zwischen dem Ruhigen und dem Aufgeregten, dem Spaß an der Gemeinschaft und der Konzentration auf die Musik. Wann immer es ihm in den Proben zu bunt wird, zählt Schlier rückwärts: „3 - 2 - 1 - ...“ Spätestens bei der letzten Ziffer sitzen die Kinder wieder auf ihren Stühlen, bereit, das nächste Lied anzustimmen.

Auch bei den älteren Sängern in den Chören B und C kommt dieses Prinzip zum Einsatz: „Freeze!“, rufen Schlier oder die Regisseure, die mit den Kindern an immer neuen Aufführungen und Musicals proben. Wo gerade noch getanzt wurde und Requisiten durch die Luft wirbelten, erstarren alle Darsteller mitten in der Bewegung, während etwa der Solist zu singen beginnt oder die Choreographen Haltung und Mimik der Kinder korrigieren.

„Der Chor hat eine ganz klare Struktur“, sagt auch Annika Fischer. Seit 2011 unterstützt sie Cantemus als Gesangslehrerin für Rock und Pop. „Die Größeren passen auf die Kleineren auf. Und wenn sie etwas zugesagt haben, dann machen sie das auch.“ Bei den regelmäßigen Schullandheim-Aufenthalten des Chors sind Eltern deswegen überflüssig: Wer mindestens in der achten Klasse ist, darf sich für die Fahrten als Betreuer der jüngeren Kinder bewerben – der Andrang für diese Aufgabe sei jedes Mal groß, erzählt Chorleiter Schlier. „Ganz am Anfang hatten wir Eltern dabei, aber denen musste man oft alles erklären. Die Großen sind meist selbst schon von klein auf im Chor – denen braucht man nichts zu erklären, sondern sie leben es einfach vor.“

Wie die Chormitglieder und Eltern das Chorkonzept sehen, erzählen Sie in unserem Videobeitrag. Sie finden ihn unter diesem Link:

Eine Sing- und Lebensschule

Verantwortung übernehmen, selbstständig sein. Diese Eigenschaften der Cantemus-Kinder beobachten alle, die regelmäßig mit dem Chor zu tun haben. Alle Proben vor der Generalprobe sind freiwillig. Dennoch ist der Saal im Haus der Musik fast jedes Mal gut gefüllt und am Ende klappt es mit der Aufführung. „Das ist ganz anders als in der Schule. Hier können die Kinder etwas ausprobieren, kreativ sein“, erzählt etwa Madeleine Kamper. Sie hat zwei Söhne im Chor und steht diesem seit Kurzem auch ehrenamtlich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bei. Und die Chorassistentin Angelika Achter, auch sie Mutter einer Cantemus-Sängerin, fügt hinzu: „Wenn meine Tochter mir erzählt, dass sie abends mit Freunden von Cantemus unterwegs ist, weiß ich, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche.“

Natürlich sei es manchmal schwierig, das Singen mit den Hausaufgaben und anderen Hobbies unter einen Hut zu bringen, erzählt August Gründig. Er ist 14 Jahre alt und singt seit 2014 bei Cantemus. „Wenn die Aufführung näherrückt, gibt es natürlich mehr Proben. Aber diesen Druck spürt man nicht im Chor, das ist alles recht lässig. Manchmal frage ich mich schon, wie ich das zeitlich alles schaffe. Irgendwie bekomme ich es am Ende aber doch immer wieder hin.“ Clara Kneip ist zehn Jahre alt und seit etwa einem Jahr dabei: „Niemand wird hier gezwungen etwas zu machen, sondern man darf es machen!“, erzählt sie.

Ein wichtiger Teil der Jugend

Fragt man ältere oder ehemalige Cantemus-Mitglieder, so ziehen sich diese Berichte durch ihre Erinnerungen: Sie haben viele Freundschaften geschlossen, sind selbstständiger geworden, aber haben auch die unterschiedlichsten musikalischen Richtungen und Gesangstechniken kennengelernt. In besonderer Erinnerung bleiben vielen die Auftritte im Theater vor großem Publikum oder sogar im Ausland.

Eine große Inspiration, als er den Chor 1994 ins Leben rief, seien ihm die Regeln des Benediktinerordens für das Zusammenleben in Gruppen gewesen, sagt der Chorleiter und Kirchenmusiker Matthias Schlier: Jeder ist für sich selbst, aber auch für die anderen verantwortlich. Jeder findet seine Rolle: Auch wer vielleicht keine begnadete Sängerin sei, könne beim Tanzen oder Schauspielern überzeugen oder durch soziale Qualitäten mindestens genauso wichtig sein für das Gelingen von Aufführung und Probenbetrieb wie die strahlende Solistin. „Man muss die Erfahrung machen: Wenn ich etwas gebe, bekomme ich auch etwas zurück“, sagt Schlier. „Wenn die Kinder merken, dass ich sie mag und dass sie mir wichtig sind, dann kann man ihnen eigentlich alles sagen.“

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