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Porträt

Der Dichter und die „Schädelstätte“

Heinrich Heine ist der prominteste Spötter König Ludwigs I. und der Walhalla. Doch 2010 landete er selbst in der Ruhmeshalle.
Von Ulrich Kelber, MZ

Bildhauer Bert Gerresheim formte die Marmor-Büste von Heinrich Heine für die Walhalla, die Ministerpräsident Seehofer 2010 enthüllte. Foto: dpa
Bildhauer Bert Gerresheim formte die Marmor-Büste von Heinrich Heine für die Walhalla, die Ministerpräsident Seehofer 2010 enthüllte. Foto: dpa

Regensburg.Heinrich Heine brauche die Walhalla nicht, aber die Walhalla brauche Heinrich Heine. Das sagte der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, damals Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, als im Juli 2010 die Büste Heines enthüllt wurde. Eine Image-Aufwertung hatte die Walhalla tatsächlich dringend nötig, zu lange wurde sie belächelt, zu lange galt sie als Hort für Biedersinn und Rückwärtsgewandtheit.

Die Neuorientierung und Modernisierung hatte 1990 zaghaft begonnen, als die Büste von Albert Einstein aufgestellt wurde. Und als 2003 die in der NS-Zeit hingerichtete Widerstandskämpferin Sophie Scholl und 2009 die im KZ Auschwitz ermordete Philosophin und Ordensfrau Edith Stein geehrt wurden, war das ein ermutigendes Signal für das geänderte, kritische Geschichtsverständnis. Mit Heinrich Heine, dem großen Dichter und gefürchteten Satiriker, wurde ein weiteres Zeichen gesetzt, dass die Walhalla nicht als Pilgerstätte für nationalistisch Verblendete dienen kann.

Heine, von Schmerz gezeichnet

Der Aufnahme Heines ging ein langes Gezerre voraus. In Fahrt kam die Geschichte erst, als sich der von dem Millionär und Kunstmäzen Karl-Heinz Theisen geleitete Düsseldorfer Freundeskreis Heinrich Heine einschaltete. Den Ausschlag gab ein Vorstoß der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, während die eigentlich für die Büsten-Auswahl zuständige Akademie der Wissenschaften zauderte und eine Ehrung des Mathematikers Carl Friedrich Gauß für vordringlicher hielt. Kultusminister Thomas Goppel fand schließlich die salomonische Lösung, dass sowohl Gauß wie auch Heine geehrt werden sollten.

Das Jahr 2006, der 150. Todestag von Heine, hätte sich für die Ehrung angeboten. Aber dazu war es zu spät. Zu spät war es auch, dass der als Künstler vorgesehene Jörg Immendorf die vom Heine-Freundeskreis finanzierte Büste gestalten konnte. Der bedeutende Künstler starb 2007. So war es die Aufgabe von Bert Gerresheim, der schon das Heine-Denkmal in Düsseldorf entworfen hatte, die Marmor-Büste für die Walhalla zu formen. Gerresheim wählte als Vorlage nicht ein Bild des schönen, jungen Dichters, sondern orientierte sich an einem Gemälde aus dem Jahr 1851, als der Dichter schon krank in der „Matratzengruft“ darnieder lag: das Gesicht bärtig, die Wangen eingefallen, der Ausdruck nachdenklich und schmerzgezeichnet.

Heine in der geschmähten Schädelstätte: Kaum eine Zeitung, die nicht daran erinnerte, wie der scharfzüngige Dichter einst gegen den Walhalla-Erbauer und Bayern-König Ludwig I. polemisiert hatte.

Wie war es zu dieser Wut gekommen? Denn anfangs hatte Heine große Hoffnungen auf den damals noch als aufgeschlossen und liberal geltenden König gesetzt. Im November 1827 war Heine nach München gekommen, um Redakteur der von Cotta gegründeten Zeitschrift „Neue Allgemeine Politische Annalen“ zu werden. Vor allem aber spekulierte der zum Doktor der Rechte promovierte Heine auf eine Professur an der Münchner Universität – allerdings für den Bereich Literatur, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er mit „Die Harzreise“ und „Buch der Lieder“ bereits viel Beachtung gefunden.

Auch wenn ihm das Münchner Wetter nicht gefiel („das Klima tötet mich“), scheint sich Heine in der Stadt recht wohl gefühlt zu haben. In einem Brief betont er, dass der König ein netter Mensch sei, beklagte sich bald aber auch über die „Kleingeisterei“ im „Bier-Athen“ und über die „intrigierenden Pfaffen“. Im Sommer 1828 legte Minister Eduard von Schenk dem König den Ernennungsvorschlag vor, Heine als außerordentlichen Professor an die Universität zu berufen. Alles schien auf gutem Wege so dass sich der Dichter auf die Reise nach Italien begab. Ein neuer Band der „Reisebilder“ sollte entstehen.

Heine konnte gehässig und beleidigend sein

Die „intrigierenden Pfaffen“, damit waren vor allem Ignaz Döllinger und der Publizist Joseph Görres gemeint. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um Heines Bestallung zu verhindern. Ihre Kampagne, bei der sie Heines Liberalismus anprangerten, hatte starke antisemitische Tendenzen. So heißt es in einem Text Döllingers: „Während andere seiner Stammesgenossen ihre Israelitische Abkunft sorgfältig zu verbergen suchen, gibt sich unser Herr Politiker ganz unverhohlen als Juden zu erkennen, und gibt für dieses sein Bekenntnis das passendste Vehikel: Lästerung dessen, was dem Christen das Heiligste ist.“ Angegriffen wurde Heine auch von August von Platen, einem Vertrauten Döllingers. Platen hatte es übel genommen, dass Heine in einem Anhang zu den 1827 veröffentlichten Nordsee-Reisebildern Verse von Carl Leberecht Immermann aufgenommen hatte, in denen über die „östlichen Poeten“ gespottet wird. Darin heißt es: „Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Ghaselen.“ (Schiras war die Heimat des Dichters Hafis. Nach der persischen Gedichtform „Ghaselen“ hatte Platen zwei seiner Lyrik-Bände betitelt. Das Wort „vomiren“ bedeutet erbrechen, kotzen.)Platen rächte sich mit dem Drama „Der romantische Ödipus“, in dem er Heine rüde als „Samen Abrahams“ schmähte, der „Knoblauchsgeruch“ absondere.

Die Folgen: Im November 1828 erfuhr Heine Heine, dass es mit der Professur nichts würde. Er nahm nun kein Blatt vor den Mund. Im letzten Kapitel der Reisebilder „Die Bäder von Lucca“ rechnete er mit Platen ab, zerpflückte nicht nur dessen Lyrik, sondern griff ihn sehr persönlich an und machte sich über die Homosexualität des „warmen Freunds“ lustig, der „mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf“ sei. Ja: Heine konnte gehässig und beleidigend sein, verprellte damit viele Freunde. So urteilte der französische Dichter Théophile Gautier über den seit 1831 in Paris lebenden deutschen Kollegen: „Er ist ein Apoll verwandt mit Mephistopheles.“

König Ludwig I. kam bei Heine nach der Münchner Enttäuschung zunächst noch gut weg. 1833 lobte er ihn als „größten Kunstkenner unter den Fürsten.“ Als aber Ludwig I. nach dem „Hambacher Fest“ und nach der „Gaibacher Verfassungsfeier“ von 1832 begann, einen zunehmend autoritären Kurs zu steuern und es zu einer Prozesslawine wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung gegen zahlreiche Oppositionelle kam, wuchs Heines Enttäuschung.

„Herr Ludwig von Bayerland“

In der 1840 publizierten Denkschrift zu Ludwig Börne nennt er den bayerischen Monarchen nun einen „kleinen Tyrannos und schlechten Poeten“. 1844 wurde dann Heines Gedicht „Lobgesänge auf König Ludwig“ gedruckt. Ein kleiner Auszug: „Das ist Herr Ludwig von Bayerland, /Desgleichen gibt es wenig; / Das Volk der Bavaren verehrt in ihm / Den angestammelten König. Bei Regensburg lässt er erbaun / Eine marmorne Schädelstätte, / Und er hat höchstselbst für jeden Kopf / Verfertigt die Etikette.“

„Walhallagenossen“, ein Meisterwerk, / Worin er jedweden Mannes / Verdienste, Charakter und Taten gerühmt, / Von Teut bis Schinderhannes.

Nur Luther, der Dickkopf, fehlt in Walhall,/ Und es feiert ihn nicht der Walhall-Wisch;/ In Naturaliensammlungen fehlt /Oft unter den Fischen der Walfisch.

Herr Ludwig ist ein großer Poet, / Und singt er, so stürzt Apollo/ Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht:/Halt ein! Ich werde sonst toll, o!

Die Sache mit der Walhalla ließ Heine nicht los. In dem Versepos „Atta Troll“ spielte er ein weiteres Mal auf das Bauwerk an. Atta Troll ist ein Tanzbär, dem die Flucht aus der Gefangenschaft gelingt. In 25 Vers-Kapiteln folgt ein wilder Rundumschlag, in dem es um die böse Menschheit, um Repression und Revolution geht. Mithilfe von Zauberkünsten wird Atta Troll totgeschossen; „Doch unsterblich nach dem Tode auferstehn wird er in dem Lied des Dichters.“ Auch einen Platz im bayerischen Ruhmestempel werde er bekommen. In einer Parodie auf den seltsamen Partizipialstil, den König Ludwig pflegte, schrieb Heine:

„Der *** setzt ihm / In Walhalla einst ein Denkmal, / und darauf im *** Lapidarstil, auch die Inschrift: Atta Troll, Tendenzbär; sittlich Religiös, als Gatte brünstig; Durch Verführtsein von dem Zeitgeist, / Waldursprünglich Sanskülotte; / Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung / Tragend in der zottgen Hochbrust; / Manchmal auch gestunken habend; / Kein Talent, doch ein Charakter!“

Ob Heine eine Vorahnung hatte, dass trotz seiner Vorbehalte seine Büste in der Walhalla aufgestellt werden würde? Seit 2010 ist das Wirklichkeit.

Hier geht es zu unserer MZ-Serie „175 Jahre Walhalla“.

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